Die U19-Junioren des VfB Stuttgart stehen im Finale des DFB-Pokals. Anlass für uns, einmal auf den Kader zu blicken und fünf Toptalente vorzustellen, die man auf dem Zettel haben sollte.
Der A-Jugendjahrgang ist traditionell der in einem Nachwuchsleistungszentrum (NLZ) eines Bundesligaclubs, der für die Karrieren der Talente maßgeblich ist. Sie haben es bis hierhin geschafft, sich Jahr für Jahr gegen viele Konkurrenten durchgesetzt. Nun entscheidet sich, ob es für sie weiter oben eine Perspektive gibt. Die Besten schaffen es direkt in den Profibereich.
Für alle anderen gibt es nur zwei Optionen. Entweder ihr Weg beim Club endet hier. Oder sie bekommen vertraglich einen Übergangszeitraum angeboten. Beim VfB ist dies oft Usus, damit die Spieler noch die Möglichkeit bekommen, sich über die U21 doch noch für höhere Aufgaben zu empfehlen.
Jährlich produziert eine U19 eines NLZ also rund ein Dutzend Spieler, die an dieser Schwelle stehen. Grund für uns, die aktuelle Mannschaft einmal genau unter die Lupe zu nehmen. Wir haben fünf Talente identifiziert, die man auf dem Zettel haben sollte.
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Ganz bewusst haben wir dabei auf ein Trio verzichtet. Weder Alexis Tibidi, der es bereits fest zu den Profis geschafft hat, noch Thomas Kastanaras, der ab Sommer fest zum Profikader gehören wird, stellen wir vor. Und auch U19-Kapitän Lukas Laupheimer, ebenfalls schon mit einem Profivertrag ausgestattet und ab Sommer fest bei der U21, wird nicht eingehender beschrieben.
Mattis Hoppe – Laufwunder auf der Außenbahn
Der gebürtige Cannstatter ist eine der großen Konstanten im Kader von Nico Willig. Die rechte Seite gehört ihm. Hoppe kann als Schienenspieler/Wingback agieren, aber auch als klassischer Außenverteidiger in einer 4-4-2-Grundordnung. Ist Not am Mann, macht er sich auch in offensiveren Rollen gut. Der Rechtsfuß ist die Pferdelunge der Mannschaft. Er stand in allen 18 Ligaspielen (acht Vorlagen) und den bisher vier Pokalspielen (drei Vorlagen) in der Startelf und meist bis Abpfiff auf dem Feld. Er ist der „Mister Zuverlässig“ für seinen Trainer, hat eine starke Entwicklung genommen. Man weiß immer, was man bekommt. Auch bei Frank Fahrenhorst in der U21 kam er bereits sechs Mal zum Einsatz.
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Seine Leistungen, die sich nicht nur durch Vorwärtsdrang und Laufstärke auszeichnen, sondern auch durch aggressives Zweikampf- und gutes Umschaltverhalten, sind unlängst auch Hannes Wolf aufgefallen. Der DFB-U-19-Trainer nominierte Hoppe für die EM-Qualifikation, der Außenbahnspieler kam so zu seinen ersten beiden Länderspielen in dieser Altersklasse. Der 18-Jährige muss allerdings noch daran arbeiten, dass mehr Zählbares aus seinen vielen Vorstößen entsteht, ist dennoch für die kommende Saison fest in der U21 eingeplant. Allerdings wecken seine Auftritte auch Begehrlichkeiten bei der Konkurrenz. Schließlich gibt es deutsche Außenverteidiger mit seinen Qualitäten nicht wie Sand am Meer. Es laufen intensive Vertragsgespräche, der Youngster will eine Perspektive aufgezeigt bekommen – Ausgang offen.
Leon Reichardt – Polyvalenz ist Trumpf
Wenn ein Spieler der Willig-Elf gerade besonders nah dran zu sein scheint, den direkten Sprung nach oben zu schaffen, dann Reichardt. Der 17-Jährige aus dem 2004er-Jahrgang hat einen großen Trumpf – seine Polyvalenz. Innenverteidiger rechts oder links in der Viererkette, klassisch Linksverteidiger oder linke Außenposition in einer Abwehr-Dreierkette, Reichardt kann jede dieser Aufgabe erfüllen. Dass ist auch Trainer Pellegrino Matarazzo aufgefallen, der den Blondschopf zuletzt aus Personalmangel in der Länderspielpause ins Profitraining beorderte. Reichardt fiel dort unter anderem im Testspiel gegen den SV Sandhausen so positiv auf, dass er seither immer wieder bei Matarazzo trainiert. Auch aktuell vor dem Keller-Kracher gegen die Hertha.
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Reichardt präsentiert sich technisch gut, ball- und passsicher sowie völlig unaufgeregt. Nicht die schlechtesten Voraussetzungen, um sich nachhaltig für höhere Aufgaben zu empfehlen. Auch wenn er „Schwerpunkte im körperlichen Bereich“ (Matarazzo) hat. Was übersetzt nichts Anderes heißt, als dass er an Muskelmasse zulegen muss. Zudem sind sein Zweikampfverhalten und die auftretenden Leistungsschwankungen Themen, an denen er verstärkt arbeiten muss. Reichardt wird dafür in der kommenden U19-Saison ausreichend Gelegenheit bekommen.
Davino Knappe – Edeltechniker mit Hang zur Inkonstanz
Die Frisur sitzt, wenn Knappe über den Flügel flitzt – noch hat zwar niemand auf Trainingsplatz Eins von diesem zugegeben billigen Reim Gebrauch gemacht, wenn der ehemalige Karlsruher wieder einmal zu einem seiner Dribblings ansetzt. Doch zwei Dinge sind dabei augenscheinlich. Knappes Frisur zeichnet sich immer durch einen markant einrasierten Scheitel aus – und der 18-Jährige hat Speed. Viel Speed. Gepaart mit seinen Eins-gegen-Eins-Fähigkeiten, seinem Mut und der von ihm ausgehenden Torgefahr ist das ein Paket, das Trainer gerne einsetzen.
Oft sogar über den linken Flügel, damit der Rechtsfuß als sogenannter „Inverse Winger“ agieren kann, also mit seinem starken Fuß nach innen ziehen und so zum Abschluss kommen kann. Allerdings hat der gebürtige Offenburger auch noch einige Baustellen an denen er verstärkt arbeiten muss, will er es ganz nach oben schaffen. Da ist zuallererst das Thema Persistenz. Knappes Auftritte ähneln manchmal regelrechten Achterbahnfahrten. Großartigen Momenten folgen Tiefschlafphasen. Starken Spielen gefühlte Kreisklassen-Auftritte. Dazu macht er es Gegenspielern oft zu einfach, in seinen Kopf zu kommen. Knappe ist viel zu leicht zu provozieren. Nur wenn es ihm gelingt, die Baustellen Persönlichkeitsentwicklung und Reife nachhaltig zu schließen und Konstanz zu entwickeln, wird es für Knappe weitergehen. Eine Chance dazu wird er in der kommenden U21-Saison wohl erhalten.
Raul Paula – der zielstrebige Hochbegabte
Seit einigen Jahren hat der VfB Stuttgart in seinen Jugendmannschaften eingeführt, dass die jeweilige Startelf klassisch in von 1 – 11 durchnummerierten Trikots aufläuft. Ohne Namen auf den Shirts. So soll verhindert werden, dass schon im Ausbildungsbereich ein Kult um Namen und Nummern entsteht. Das bedeutet, dass man sich die 10 auf dem Rücken mit starken Leistungen verdienen muss. Raul Paula trägt sie, seit er 2017 von den Stuttgarter Kickers zum VfB gestoßen ist. Dabei ist er gar kein klassischer Zehner. Er hat zwar die Geschmeidigkeit, das Auge und das Raumgefühl eines Spielmachers. Dazu einen ganz feinen rechten Fuß, der schon für Dutzende direkte Freistoßtore verantwortlich zeichnete – der aus dem Spiel heraus aber nicht die Qualität entwickelt wie beim ruhenden Ball.
Daran hat er zu arbeiten, auch um öfter auf die Anzeigetafel zu kommen und einem Spiel durch Treffer seinen Stempel aufzudrücken. Doch ihn zeichnet insbesondere eine gewisse Wucht und Zielstrebigkeit aus. Gern aus der Tiefe und über die Achterräume kommend entwickelt Paula enormen Zug zum Tor, um dann entweder selbst abzuschließen oder einen Nebenmann zu inszenieren. Er ist kein Mann für Sperenzchen oder unnötige Dribblings. Die Leistungen des im Januar volljährig gewordenen Offensivspielers weiß man auch in der DFB U18 zu schätzen und zur Belohnung gab es obendrein zuletzt die ersten Einsätze für die U21 in der Regionalliga. Gut möglich, dass dazu bereits in der kommenden Runde noch weitere dazu kommen werden. Beim Club ist man gewillt, den Youngster direkt aufsteigen zu lassen, auch wenn er noch eine weitere U19-Saison spielen könnte.
Nathan Winkler – aus dem Schatten ins Licht
Niemand, nicht einmal seine Trainer hatten Winkler vor der Saison richtig auf dem Schirm. Im Gegenteil. Seit 2015 ist der Youngster bereits beim VfB Stuttgart, wurde aber jahrelang auf der falschen Position eingesetzt. Irgendwann im Saisonverlauf sickerte es bei Willig und seinem Co-Trainer Tobias Rathgeb dann durch, dass der zierlich wirkende Blondschopf kein Rechtsverteidiger ist. Aber dafür einen hervorragenden zentralen defensiven Mittelfeldspieler in einer Doppelsechs abgibt. Rathgeb nahm Winkler unter seine Fittiche. Viele Gespräche waren nötig, um eine gewisse Bindung aufzubauen und den Spieler auf sein neues Aufgabenprofil vorzubereiten.
Seitdem ist er aus der Startformation nicht mehr wegzudenken. Winkler trat aus dem Schatten ins Licht. Er war das Puzzlestück für den Erfolg für die U19. Seit Winkler gesetzt ist, läuft es für die Truppe. Der 17-Jährige scheint eine Art Radar zu besitzen, weiß immer, was um ihn herum passiert. Manchmal wirkt es, als habe er Augen im Hinterkopf. Der Mittelfeldmann antizipiert hervorragend, ist ein guter Zweikämpfer und kommt nahezu ohne Fouls aus – weil er meist schon da ist und eine Situation bereinigt, bevor ihn ein Gegenspieler daran hindern kann.
Mit einer Prise französischer Gelassenheit – Winkler wurde in Straßburg geboren – und jeder Menge Freiheiten ausgestattet gibt er den Spielmacher aus der Tiefe für die U19. Und schaffte es so auf das Radar von Hannes Wolf, der ihn für die deutsche U18 nominierte. Rückenprobleme hinderten ihn daran, sein Debüt zu feiern. Bleibt seine Entwicklung weiter so auffällig, dürfte es in der kommenden Saison soweit sein.