Der Perkins Park auf dem Killesberg ist die größte Diskothek in Stuttgart. Foto: /Perkins Park

Großraumdiscos wie das Top 10 in Balingen schließen – das Geschäft im Nachtleben wird immer härter. Der Perkins Park, Stuttgarts größte Disco, hat „jeden Stein umgedreht“ und will neue Wege gehen. Was sagt der Nachtmanager zur Lage der Clubs?

Nun macht also eine weitere große Disco in Baden-Württemberg dicht: Ende Mai schließt das Top 10 in Balingen. Den Club gab es seit 32 Jahren, zunächst unter dem Namen Treffpunkt, dann als Top 10. Als Gründe für die Schließung nannte der Betreiber Dirk Bamberger gegenüber dem „Zollern-Alb-Kurier“ unter anderem die rund zweijährige Zwangspause während der Coronapandemie sowie eine Veränderung bei den jungen Menschen, welche nicht mehr so viel in Clubs gehen würden.

 

Das Top 10 in Tübingen hatte bereits 2021 geschlossen. Und das Berry’s in Konstanz, welches ebenfalls von Dirk Bamberger betrieben wird, ist insolvent.

Die Schließung in Balingen kommt nicht überraschend. In den vergangenen Jahren haben auch in Stuttgart und der Region viele Großraumdiscos zugemacht: Bereits seit 2019 finden im Penthouse in Stuttgart keine Partys mehr statt - außer in Ausnahmefällen wie vergangenes Jahr, als Kreative die XXL-Disco kurzzeitig mit einem Theaterstück und anschließenden Raves bespielen durften. Die Rockfabrik in Ludwigsburg - ein Ort für Fans von Metal-, Punk- und Rockmusik - schloss ebenfalls Ende 2019.

„Wir haben bei uns jeden Stein umgedreht“

Stuttgarts größte Diskothek befindet sich seit 1980 auf dem Killesberg. In den Perkins Park gehen etwa 1200 Gäste (zum Vergleich: im Top 10 in Balingen sind es 1800). Dass die Massen zum Tanzen und Feiern nicht mehr automatisch strömen wie früher, sorgt für viele Erneuerungen hoch über der Stadt an der Stresemannstraße. „Wir haben über alles nachgedacht, jeden Stein bei uns umgedreht, uns neue Events und Strukturen ausgedacht“, berichtet Geschäftsführer Alexander Scholz.

Die Alterspyramide stehe nun quasi auf dem Kopf, sagt er. Weil es immer mehr alte und immer weniger junge Menschen gebe, sei die Zahl deren, die abends ausgehen, kleiner geworden als zu den Hochzeiten des Perkins Park. Selbst in Berlin schwächelten die Clubs, betont Alexander Scholz. 2023 sei für die Killesberg-Disco ein „schwieriges Jahr“ gewesen.

Meist nur noch an zwei Nächten in der Woche geöffnet

Noch immer spüre man die Folgen der Pandemie, als niemand ausgehen konnte und sich viele Partygänger auf private Treffen verlegten, berichtet der Perkins-Park-Chef. Mit dem gesamten Team („wir haben tolle Leute!“) habe man lange darüber gehirnt, was man anders und besser machen könne, um gewinnbringend zu arbeiten. Einer der Beschlüsse lautet: Die Zahl der Öffnungstage wird eingeschränkt. In aller Regel wird nur noch freitags und samstags geöffnet sowie an Vorfeiertagen. Die Personalkosten fallen also nur zweimal oder maximal dreimal in der Woche an.

Präsenz auf TikTok ist wichtig

Außerdem hat sich der Perkins Park etliche neue Formate und Events einfallen lassen sowie versucht, Firmen dafür zu gewinnen, ihre großen Feierlichkeiten hier zu veranstalten. „Wir haben unsere Hausaufgaben gemacht“, sagt Alexander Scholz, was sich nun positiv auszahle. Die 44 Jahre alte Disco, ein Dino des Stuttgarter Nachtlebens, stehe nun wieder besser da, freut er sich. Zwar könne man an die Erfolgszahlen von früher nicht anknüpfen, aber mit durchschnittlich 800 bis 1000 Gästen an einem Öffnungstag könne man „runderneuert“ wieder optimistischer in die Zukunft blicken.

Durch verstärkte Präsenz auf Internetportalen wie TikTok sei es gelungen, junge Leute anzusprechen, die nun wieder auf den Killesberg strömten – wie einst ihre Eltern. Zu den erfolgreichen Formaten zählen im Perkins Park die 90er Party, die Oberstufenparty sowie die „Blaulicht-Union-Party“, die sich an „alle Helfer und Retter sowie ihre Freunde richtet“. Wichtig sei also, Events für spezielle Zielgruppen zu schaffen. Seitdem dies geschehe, steigen die Besucherzahlen wieder.

Was der Nachtmanager sagt

Nils Runge, Nachtmanager beim Pop-Büro Region Stuttgart, erklärt die schwindende Beliebtheit von Großraumdiskotheken unter anderem mit Veränderungen im Ausgehverhalten und den Vorlieben von Clubbesuchern. „Meiner Meinung nach spielt die immer stärker individualisierte Gesellschaft eine Rolle“, sagt er. „In einer Gesellschaft, in welcher Individualität und persönlicher Ausdruck wichtiger werden, (be)suchen Menschen immer einmaligere und maßgefertigte Angebote.“

Zudem glaubt er, dass die steigenden Lebenshaltungskosten in teuren Gegenden wie der Region Stuttgart auch eine Rolle spielen: Die Menschen hätten immer weniger Geld zur Verfügung, welches sie für die Freizeit ausgeben wollen und können. Gleichzeitig werde die Gesellschaft älter und das Streaming-Angebot größer, „dies beeinflusst sicherlich auch die Ausgestaltung der Freizeit“.

Und auch für die Betriebe sei es alles andere als leicht: Durch die Energiekrise, steigende Mietkosten oder hohe Gagen sei der Kostendruck massiv gestiegen, sagt Nils Runge. „Dies führt, trotz Preissteigerungen zu Lasten der Gäste, zu immer geringeren Margen.“ Dadurch werde die Wirtschaftlichkeit von Diskotheken immer schwieriger.

Kleinere Angebote könnten wahrscheinlich besser auf Krisen und neue Trends reagieren, glaubt er. „Die großen (elektronischen) Superstars, neue Trends wie Kinky-Partys, aber auch kleine Undergroundveranstaltungen können vermutlich immer noch funktionieren, gerade wenn sie langjährige Lücken im Angebot schließen und somit zu einem innovativen Gesamterlebnis einladen“, sagt der Nachtmanager.

„Die weltpolitische Lage verunsichert viele“

Dirk Wein, Vorstandsmitglied des Club Kollektivs in Stuttgart, bedauert, dass die Lage nicht allein für große Diskotheken schwierig geworden sei, sondern auch für kleinere Clubs, „nicht nur auf dem Land, sondern auch in den Städten“. Die Ursache dafür könne man seiner Ansicht nach „nicht nur an einem Punkt festmachen“. Während und nach der Coronakrise habe sich das Ausgehverhalten bei den Menschen verändert, beobachtet er. Die Betriebe litten noch immer unter den Einnahmeverlusten während der Pandemie.

„Die weltpolitische und wirtschaftliche Lage verunsichert viele“, sagt Wein, „es wird nicht mehr soviel Geld ausgegeben, der Pro-Kopf-Umsatz ist deutlich zurückgegangen“. Dies spürten auch die Clubs, auch wenn sie, was die Besucherzahlen angeht, noch besser dastehen würden. „Aber auch individuelle Fehler bei der Konzeption und Ausrichtung der Betriebe spielen in manchen Fällen eine Rolle“, erklärt das Vorstandsmitglied des Club Kollektivs.