Skeptiker, Spötter und bekennendes Landei in der Großstadt: der amerikanische Liedermacher und Jazzer Mose Allison (1927-2016) Foto: The Clarion-Ledger

Wer sich auch nur ein bisschen für Rockmusik interessiert, kennt garantiert den Langzeit-Hit „Young Man Blues“ von „The Who“. Doch im Original ist das Stück von Mose Allison und viel doppelbödiger. Es lohnt sich, die Musik des nun im Alter von 89 Jahren verstorbenen Amerikaners neu zu entdecken.

Stuttgart - „Haltet mal kurz die Welt an, ich möchte aussteigen“: Nicht nur mit seinem Klassiker „Stop This World“ auf dem ziemlich genialen Album „Swingin’ Machine“ (1962) hat der Pianist, Sänger und Songwriter Mose Allison klar gemacht, dass er die Realität von der Oppositionsbank aus betrachtet. Der am Dienstag, den 15. November im Alter von 89 Jahren Verstorbene war einer der begnadetsten Spötter der amerikanischen Musikwelt, aber nicht nur in Deutschland ist er viel zu wenig bekannt geworden. Auch in den USA saß er zwischen allen Stühlen, ein eleganter moderner Jazzpianist, der zugleich die Erdigkeit des Blues der schwarzen Juke Joints des ländlichen Südens zitierte, der anders als Jazzer und Blueser intellektuell fiese Texte über die Musik legte.

Obendrein ist die Ironie der besten Allison-Lieder stets mehrbödig. Wie der ebenfalls Klavier spielende Zyniker Randy Newman, der Allison viel zu verdanken hat, stellt Allison stets beides in Frage, das Beobachtete im Lied und den Beobachter selbst. Etliche seiner Lieder wurden von anderen gecovert, von Bonnie Raitt, Tom Waits und Elvis Costello etwa. Und Allisons „Young Man Blues“ wurde ein Kernstück im Repertoire von „The Who“.

Immun gegen Hipstertum

Aber bei der britischen Band war das die klare frustrierte Beschwerde eines jungen Mannes, dass die Alten auf der Welt das Sagen hätten. Bei Allison trat neben die gültige Attacke auf die Herrschaft der Alten auch das Amüsement über das selbstherrliche Anspruchsdenken des jungen Lamentierers. Wer sich für einen Mix aus Jazz, Blues und Galligkeit, aus trickreicher Satire und ironiefreien Instrumentals erwärmen kann, dem sei Mose Allisons Album „Your Mind Is on Vacation“ von 1976 empfohlen.

Geboren wurde Allison im tiefsten Süden, auf einer Baumwollfarm in der Nähe des Provinznests Tippo in Mississippi. Seine Herkunft als Hinterwäldler hat er lebenslang genutzt, um sich gegen die wechselnden Moden des urbanen Hipstertums zu immunisieren. Wenn in seinen Liedern Landeier auf die Großstadt blicken, dann bekommen beide, Stadt und Landjungs, ihr Fett ab – aber auf diese leise, verschmitzte Weise die einem Piano-Trio leichter fällt als einer Rockband. Über den Jazzerneuerer Charlie Parker hat Allison einmal gesagt, der sei ein im Zeitalter der Angst gefangener Bluesmann gewesen. Und vielleicht hat er damit auch von sich selbst erzählt.

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