Sany-Chef Liang Wengen grüßt bei seinem ersten Besuch bei Putzmeister in Aichtal die Fotografen. Liang kündigt einen starken Wachstumskurs bei Putzmeister an. Foto: dapd

Nach der Übernahme trimmt Sany den Aichtaler Pumpenhersteller auf Wachstum – und gewährt weitreichende Freiheiten.

Aichtal - Am Ende überreicht Chinas reichster Mann in Aichtal dem Putzmeister-Chef die Macht. „Norbert Scheuch“ steht auf dem Stempel in chinesischen Schriftzeichen geschrieben, den Sany-Präsident Liang Wengen hat anfertigen lassen. „Wenn in China etwas abgestempelt ist, dann ist es entschieden. Das heißt, wir geben die Befugnisse an Sie weiter, das ist ein sehr teures Geschenk“, sagt Liang und lacht. „Dieser Stempel bedeutet bis 2016 einen Umsatz von zwei Milliarden Euro.“

Es ist ein ungewöhnliches Symbol an einem Tag der Symbolpolitik. Im Januar hat Sany für 525 Millionen Euro den Betonpumpenhersteller Putzmeister gekauft, jetzt besichtigt Sany-Präsident Liang erstmals das Unternehmen. Doch fast scheint es, Putzmeister habe Sany erworben, so oft wird dessen strategische Bedeutung für Chinas größten Baugiganten unterstrichen. Aichtal wird die Zentrale des globalen Betonequipments von Sany außerhalb von China und selbstständig bleiben, im Gegenzug wird Sany die Verkaufsnetzwerke von Putzmeister nutzen.

Auch Betonmischer und Mischanlagen herstellen

Außerdem wird Putzmeister seine Produktlinie erweitern und auch Betonmischer und Mischanlagen herstellen. Die Zahl der Arbeitsplätze werde stark steigen. Bis 2016 könnte sie weltweit von knapp 3000 auf 6000 wachsen, sagt Scheuch unserer Zeitung. Bis zu 250 neue Jobs seien in Aichtal möglich, vor allem in der Produktentwicklung. Scheuch rückt in den Vorstand von Sany auf und ist als damit erster deutscher Vorstand in einem chinesischen Unternehmen.

Der Kauf von Putzmeister ist für die chinesische Industriepolitik ein Präzedenzfall, der anderen Investoren in Deutschland den Weg ebnen könnte. Das macht auch Liang mit seiner Ankündigung klar. Im vergangenen Jahr erwirtschaftete Putzmeister einen Umsatz von 575 Millionen Euro, in diesem Jahr soll er bereits bei 700 Millionen Euro liegen – und bei zwei Milliarden im Jahr 2016. „Wir werden so viel investieren, wie viel wir benötigen, um dieses Ziel zu erreichen“, betont Liang. „Der Zusammenschluss von Sany und Putzmeister wird auch ein Vorbild der Zusammenarbeit zwischen deutschen und chinesischen Unternehmen werden.“

„In China ist man unheimlich stolz, dass erstmals ein deutsches Familienunternehmen übernommen wurde – und es kein Not-Verkauf war“, sagt Scheuch. „Wir sollen jetzt schnell und stark wachsen, dafür habe ich alle Freiräume. Natürlich ist die Erwartungshaltung enorm. Wenn ich sie erfülle, ist alles gut.“

Den Mitarbeitern sind Investoren aus China lieber als aus den USA

Den Mitarbeitern sind Investoren aus China lieber als aus den USA

Die Erwartungshaltung. Sie hat sich auch bei den derzeit 820 Beschäftigten in Aichtal radikal geändert. Erst sah man den Investor aus China als Bedrohung, befürchtete den Verlust von Arbeitsplätzen. Seit vergangener Woche gibt es eine Beschäftigungsgarantie bis 2020. Jetzt wird es noch mehr Arbeitsplätze geben, soeben wurden 33 befristete Arbeitsplätze in unbefristete umgewandelt. „Wie sich die Chinesen bisher benehmen, das ist viel besser als das Gebaren amerikanischer Hedgefonds“, sagt Sieghard Bender, der erste Bevollmächtigte der IG Metall in Esslingen.

Eine Meinung, die man bei den Angestellten häufiger hört – in der Kantine, am Werktor. Die Chinesen planten strategischer und weniger kurzfristig, heißt es. Sie tauschten nicht die Führungskräfte aus, sondern ließen mehr Freiheiten, wenn das Unternehmen erfolgreich sei. „China ist die Zukunft. Wir sind jetzt dort stark, wo der Markt ist“, sagt ein Auszubildender. Und selbst Scheuch lässt sich zu dem Satz hinreißen: „Hätte uns ein amerikanisches Unternehmen gekauft, dann hätten sie uns erst erklärt, wie die Welt funktioniert.“

Liang dagegen tritt leise, fast unauffällig auf. Ein kleiner, schlanker Mann, der hinter seiner dünnen Brille aufmerksam die Medienvertreter mustert und höflich lächelt, wenn man die Zusammenarbeit lobt. Wenn zum Beispiel Putzmeister-Gründer Karl Schlecht ein Buch von Konfuzius hochhält oder er die gemeinsamen Grundlagen beschwört: „Alle reden von Vertrauen, in China ist das Vertrauen zu Hause – nur weiß man das in Deutschland nicht.“

Erinnerung an Laientheater

So häufig werden die gemeinsamen Werte und die Freundschaft beschworen, dass es fast ein wenig an Laientheater erinnert. Beim Verkauf habe Geld „überhaupt keine Rolle gespielt“, sagt Schlecht. „Deutschland mag ich sehr, sehr gerne“, sagt Liang. „Seit mehr als 20 Jahren bewundere ich die Entwicklungsgeschichte von Putzmeister. Das reale Unternehmen ist noch besser, als ich mir vorgestellt habe.“

Doch Scheuch dämpft auch die Erwartungen und erinnert an den „tiefen Absturz“, den man noch vor einigen Jahren erlebte, „die Schockstarre“, wie er es nennt. Nach einem Rekordjahr 2007 fiel Putzmeister in der Finanzkrise tief, der Umsatz stürzte binnen zwei Jahren von einer Milliarde auf 440 Millionen Euro. Im Rekordjahr 2007 baute man 120 Autobetonpumpen im Monat, heute sind es 45. Im Betonpumpen-Geschäft hätten die chinesischen Firmen einen Marktanteil von 75 Prozent erreicht. „Ohne einen starken industriellen Partner wären wir langfristig nicht überlebensfähig gewesen“, sagt Scheuch. Die Welt der Baumaschinen hat sich dramatisch verändert.“

Und dennoch vertraue jetzt Sany ganz auf ihn. Für Sany-Chef Liang sei er jetzt „Mister Putzmeister“, sagt er fast ein bisschen stolz. In der chinesischen Kultur bevorzuge man eben einen starken Ansprechpartner. Dennoch – die Berührungsängste zwischen Chinesen und Deutschen seien noch recht groß. „Man muss jetzt sehen, wie das Tagesgeschäft in einem anderen Kulturkreis abläuft, sagt Scheuch. „Aber eins steht auf jeden Fall fest: Putzmeister ist jetzt für Sany das Tor zur Welt.“

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