In Kenosha gibt es seit Tagen Proteste und Unruhen. Foto: dpa/David Goldman

Nach den tödlichen Schüssen auf zwei Menschen in Wisconsin nimmt die Polizei einen Jugendlichen fest. Wieder kommt es danach zu Protesten, die nun wohl aber ruhiger verlaufen.

Kenosha - Nach der Tötung von zwei Menschen bei Protesten in der US-Stadt Kenosha ist ein 17 Jahre alter Weißer festgenommen worden. Der Jugendliche aus dem US-Staat Illinois steht nach dem Geschehen unter Mordverdacht, die Behörden nahmen ihn in Gewahrsam. In Kenosha im Nachbarstaat Wisconsin gibt es seit Tagen Proteste und Unruhen, nachdem der Schwarze Jacob Blake durch Polizeischüsse so schwer verletzt wurde, dass er vermutlich nie wieder laufen kann. Es handelt sich um einen mutmaßlichen neuen Fall von Polizeigewalt, einem US-Dauerthema seit der Tötung von George Floyd im Mai.

Nach den tödlichen Schüssen während der Proteste verdoppelte Wisconsins Gouverneur Tony Evers erneut die Zahl von Nationalgardisten in Kenosha; auf 500. Das Justizministerium in Washington teilte mit, es entsende Beamte der Bundespolizei FBI und anderer Behörden. Dem Weißen Haus zufolge sollten bis zu 2000 Nationalgardisten zur Verfügung stehen.

Ausgangssperre ignoriert

Eine Ausgangssperre am Mittwochabend wurde abermals von Protestierenden ignoriert. Sie marschierten zu der Straße, wo die tödlichen Schüsse fielen, beteten und legten Blumen nieder. Der Demonstrant Daijon Spann schloss sich der Aktion an, weil einer der Toten ein Freund gewesen sei. „Ich konnte es nicht mehr ertragen“, sagte Spann. „Ich konnte nicht einfach rumsitzen und zusehen, wie mein Freund stirbt.“

Bis zum frühen Donnerstag verliefen die Proteste weitgehend friedlich, ganz im Gegensatz zu den Demonstrationen der vorherigen Nächte. Gouverneur Evers hatte die Demonstranten zur Ruhe gemahnt. „Eine sinnlose Tragödie wie diese darf nicht noch einmal passieren.“

Im US-Staat Minnesota wurde ebenfalls die Nationalgarde zum Einsatz gerufen. Dort brachen Mittwochnacht Unruhen in Minneapolis aus, dem Epizentrum der Proteste nach dem Tod des Afroamerikaners Floyd in Polizeigewalt. Als Grund für die Unruhen nannten die Behörden kursierende Falschinformationen über den Suizid eines schwarzen Mordverdächtigen.

Handyvideo kursiert im Internet

Zur Situation in Kenosha kursierte ebenfalls ein Handyvideo im Internet. Darauf war ein junger weißer Mann zu sehen, der mitten auf der Straße mit einem halbautomatischen Gewehr das Feuer eröffnet. „Ich habe gerade jemandem umgebracht“, sagt er in der Aufnahme. Augenzeugen zufolge erschoss er zuerst eine Person, wurde dann beinahe von Umstehenden überwältigt und feuerte dann wild um sich. Eine dritte Person wurde verwundet. Augenzeugen berichteten, Polizisten hätten den bewaffneten Verdächtigen später einfach passieren lassen, obwohl einige der Demonstranten gerufen hätten, er habe gerade auf Leute geschossen. Videos schienen diese Darstellung zu bestätigen.

Derweil verteidigte Vizepräsident Mike Pence auf dem Parteitag der Republikaner die Polizei gegen Kritik. „Lassen Sie mich deutlich sein: Die Gewalt muss aufhören - in Minneapolis, Portland oder Kenosha.“ Das amerikanische Volk wisse, dass es nicht wählen müsse zwischen der Unterstützung der Sicherheitskräfte und afroamerikanischen Nachbarn, um deren Lebensqualität, Bildung, Arbeitsplätze und Sicherheit zu verbessern. Jacob Blake, George Floyd, Breonna Taylor oder andere Schwarze, die in diesem Jahr durch die Polizei getötet oder verletzt wurden, erwähnte Pence nicht.

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