Vor zehn Jahren hat die Böblingerin Anja Kopp einen schweren Schlaganfall erlitten. Ihre rechte Körperhälfte ist seither gelähmt. Das hat die 55-Jährige nicht davon abgehalten, ein Buch zu schreiben, in dem sie zeigt, wie man mit einer Hand kocht und bäckt.
Anja Kopp steht in der Küche in ihrer Wohnung und beschafft alles, was sie benötigt: Erst legt sie Anti-Rutsch-Matten, dann ein spezielles Fixierbrett und zuletzt einen Sparschäler für Linkshänder auf die Küchenarbeitsplatte. Einhändig spießt die 55-Jährige die Möhre auf mehrere dünne Metallstäbe, die aus dem Brett herausragen. Dann greift sie zum Sparschäler. Langsam und mit ruhiger Hand schält Anja Kopp die befestigte Rübe Stück für Stück. Nach kurzer Zeit hat sie das Gemüse perfekt seiner Schale beraubt – nur mit Hilfe ihres linken Arms.
Plötzlich ändert sich das Leben grundlegend
Anja Kopp hatte vor zehn Jahren einen schweren Schlaganfall. Mit gerade einmal 45 Jahren traf es sie aus heiterem Himmel. „Es gab keinerlei Anzeichen dafür“, berichtet ihre Mutter Ursula kopfschüttelnd. Sie hilft ihrer Tochter, von ihrem Schicksal zu erzählen, da diese Probleme beim Sprechen hat. „Anja kam von der Arbeit, dann passierte es, als sie alleine in ihrer Wohnung in Gärtringen war. Da sie sich nicht meldete, wurden wir stutzig und fuhren von unserem damaligen Wohnort in Frankreich sofort zu ihr. Erst 24 Stunden nach dem Schlaganfall fanden wir sie bewusstlos in ihrer Wohnung“, erzählt die Mutter, den Tränen nahe.
Von da an änderte sich das Leben der Familie Kopp grundlegend. Anja Kopp lag lange im Koma, als sie wieder aufwachte, konnte sie weder sprechen, noch erinnerte sie sich an ihren Namen. Sechs Monate musste sie in der Klinik in Heidelberg verbringen, bis sie wieder nach Hause durfte.
Die Eltern verkauften ihr Haus in Frankreich und zogen mit ihrer Tochter in eine Wohnung in Böblingen. Der Ort, in dem sie aufgewachsen ist. Anja Kopp war Projektleiterin bei IBM und bereiste die ganze Welt. Mehrere Jahre hatte sie in Spanien, England und verschiedenen Großstädten in Deutschland gelebt. Ihr Abitur hatte sie in Paris gemacht. Da sie mehrere Sprachen sprechen konnte, wurde sie besonders oft im Ausland eingesetzt. „25 Jahre hat sie im Hotel verbracht“, erzählt ihre Mutter.
Kochen war schon immer eine Leidenschaft
Nun bestimmten Klinikaufenthalt, Reha und drei Mal pro Woche mehrstündige intensive Therapie die nächsten Jahre des Lebens von Anja Kopp. Die Familie war dabei eine große Hilfe. Zusammen mit ihrer Mutter musste sie selbstverständliche Dinge wie Laufen oder Sprechen ganz neu erlernen. Doch mit Hilfe ihrer Willenskraft und ihres Ehrgeizes ging es langsam, aber beständig aufwärts. „Die Fortschritte, die Anja gemacht hat, das war ein Wunder. Das hat niemand erwartet“, erzählt ihre Mutter stolz, „Wenn man Anja heute sieht, würde man nicht glauben, dass das die gleiche Person wie damals ist“. Aber die Medizin und die Therapie waren nicht alles. Anja Kopp begann, sich den Dingen zu widmen, die ihr auch vor ihrer Krankheit schon Spaß gemacht hatten. Zum Beispiel versuchte sie, wieder Gitarre zu spielen. Vor allem aber wollte Anja Kopp nicht akzeptieren, dass sie nicht mehr alleine kochen konnte. Kochen war schon immer eine ihrer Leidenschaften gewesen. Oftmals war das wegen ihres Berufes nicht möglich gewesen.
Los ging’s mit ganz einfachen Gerichten
Aber nun hatte sie die Zeit. Erst fing die 55-Jährige mit ganz einfachen Gerichten an, dann steigerte sie den Schwierigkeitsgrad Stück für Stück und machte erste Backversuche. Dabei stellte sie fest, dass sie vieles mit ein bisschen Übung und den nötigen Hilfsmitteln wieder erlernen konnte, auch wenn es länger dauert als bei Menschen ohne Handicap. Außerdem merkte Anja Kopp, dass sie einen Teil ihrer Freiheit zurückgewann, da sie sich nun selbst versorgen konnte.
Dieses Gefühl wollte sie an Menschen weitergeben, die sich in einer ähnlichen Situation befinden. So entstand die Idee für ein Kochbuch. „Man kann manchmal mehr als man denkt“, schreibt sie auf der Rückseite des Buches. Es folgten drei Jahre, in denen die ganze Familie half, Anjas Idee Wirklichkeit werden zu lassen: Vater Heribert machte die Fotos, Mutter Ursula korrigierte die Texte. Alles andere stammte von Anja Kopp selbst. Im Januar 2022 war es dann so weit: „Kochen & Backen mit einer Hand“ erschien.
Familienrezepte, europäische Gerichte und viele Tipps
Es sollte kein gewöhnliches Kochbuch werden. Jeder Handgriff ist dort akribisch mit Fotos dokumentiert. Viele Gerichte wären für Anja Kopp auch nicht machbar ohne spezielle Küchengeräte. Wo man diese Helfer besorgen kann, hat Anja Kopp im Kochbuch ebenfalls aufgeschrieben. Die wichtigsten sind die Anti-Rutsch-Matten und das Fixierbrett, welche ihr dabei helfen, Lebensmittel an einer Stelle zu fixieren, während sie sie mit der anderen Hand bearbeitet. Aber auch ein Eier-Öffner zum Trennen von Eiweiß und Eigelb, ein besonderer Dosenöffner mit einem geschwungenen Henkel, ein Schäler für Linkshänder oder ein Sieb mit vier Füßen, stehen nun in der Küche der Familie.
Zu finden sind viele Rezepte der Familie, die sich jahrelang bewährt haben. Aber auch Gerichte, die Anja Kopp auf ihren Reisen kennengelernt hat, finden sich in dem Buch. Dazu gehören zum Beispiel eine „Paella de Mariscos“, eine andalusische Orangen-Maronensoße und Anja Kopps Lieblingsrezept: Tarta de Santiago – ein Kuchen, wie er in Spanien gebacken wird. Allesamt Gerichte, die dieses Kochbuch auch für Menschen ohne Handicap interessant machen.
Seitdem das Kochbuch veröffentlicht wurde, erhält Anja immer wieder Briefe von Menschen mit ähnlichem Schicksal. Sie erzählen davon, dass Anja Kopp nicht nur vermittelt habe, wie man das Kochen wieder selbst in die Hand nehmen kann, sondern dass sie auch Mut gemacht habe – Mut, niemals aufzugeben.
Kochen mit Handicap
Buch
Das Rezeptbuch „Kochen & Backen mit einer Hand“ von Anja Kopp ist im Verlag Jakobsweg-Team in Winnenden erschienen und in allen Buchhandlungen erhältlich.
Inhalt
Auf den 135 Seiten gibt es neben Rezepten für Fisch, Fleisch, vegetarische Speisen, Kuchen und Desserts jede Menge Tipps auch für Hilfsmittel, die die Zubereitung der Gerichte mit einer Hand ermöglichen. Sämtliche Arbeitsgänge werden mit Fotos dokumentiert.