Bernd Kauffmann aus Fellbach erleidet einen schweren Schlaganfall. Doch statt aufzugeben, zeigt er Durchhaltewillen. Für seinen Kampfgeist ist er jetzt für einen Preis der Stiftung Deutsche Schlaganfall-Hilfe nominiert.
Der Song saß noch nicht so, wie er sollte. Deshalb machte Bernd Kauffmann nach dem Ende der offiziellen Probe mit der Band Timewarp noch ein bisschen alleine weiter. Auch ein Bier ließ sich der Schlagzeuger noch schmecken. Da es nicht das Einzige an dem Abend war, wunderte sich Bernd Kauffmann am nächsten Morgen nicht sonderlich über seinen Brummschädel. „Ich hatte halt Kopfweh, weil ich einen Kater hatte. Als gesunder Mensch denkt man da ja an nichts Böses.“
Die Kopfschmerzen waren das erste von vielen Symptomen
Er sollte sich täuschen. Die Kopfschmerzen waren die ersten Symptome eines schweren Schlaganfalls, von dem sich der 55-Jährige noch heute erholt. Weil er sich trotz schlechter Prognose jeden Tag mehr zurückkämpft und schon vieles erreicht hat, wurde er nun für den Motivationspreis 2022 der Stiftung Deutsche Schlaganfall-Hilfe nominiert. „Da hatte meine Frau die Finger im Spiel. So genau weiß ich das gar nicht, wie es zu der Nominierung kam. Sie übernahm die Initiative, und ich freue mich natürlich riesig.“
Aber der Reihe nach: Bernd Kauffmann, Musiker bei der Fellbacher Band Timewarp, machte sich damals, es war Ende Januar 2017, trotz der starken Kopfschmerzen auf den Weg in die gleichnamige Familienmetzgerei in Schmiden. Doch es ging ihm von Minute zu Minute schlechter. „Meine Mutter hat mir dann eine Suppe gemacht, arbeiten konnte ich nicht.“ Stattdessen wollte er nur noch heim und mit einer Tablette aufs Sofa.
Bernd Kauffmann sieht nicht mehr richtig, oben und unten verschwimmen
Dass er nicht mehr mit dem Rad nach Hause kommen würde, das war Kauffmann schnell klar. Ihm war schlecht, schwindelig, und die Schmerzen wurden immer unerträglicher. „Ich habe auf dem Feldweg versucht, mein Rad zu schieben und dabei geheult, so elend ging es mir“, sagt er und erinnert sich, wie sich plötzlich sein ganzes Gesichtsfeld veränderte – oben und unten waren nicht mehr klar zu unterscheiden. „Ich bekam fast Panik und hab mir die ganze Zeit gut zugeredet, dass ich ja gleich endlich daheim bin.“
Der Grund für seinen Schlaganfall ist eine Erbkrankheit. Eine Blutgerinnungsstörung, die auch sein Vater hatte. „Er hat vier Herzinfarkte überlebt, aber man hat nicht nachgeforscht, ob es was Genetisches ist.“ Hätte Bernd Kauffmann von der Gerinnungsstörung gewusst und Blutverdünner genommen, wäre das alles wohl nicht passiert. „Ich habe quasi eine Thrombose bekommen, die durchs Herz nach oben ging und dann im Hirn den Schlaganfall auslöste.“ Als er an dem schicksalhaften Tag im Januar 2017 die Haustür aufschloss, ahnte er das alles noch nicht. Selbst als sein linkes Bein anfing zu lahmen – eigentlich ein untrügliches Zeichen – dachte Bernd Kauffmann nicht an eine schwere Erkrankung, sondern war sich sicher, einfach nur von einer schlimmen Kopfschmerz-Attacke heimgesucht worden zu sein. Zum Glück war der 24-jährige Sohn daheim, der gleich mal die Mutter anrief. „Ich wollte ihm das ausreden und mich einfach nur ins Bett legen. Aber ich musste mit meiner Frau telefonieren, und ihr fiel meine Aussprache auf.“
Ein Freund der Familie und der Sohn brachten Kauffmann schließlich erst ins Cannstatter Krankenhaus und dann ins Stuttgarter Katharinenhospital. Doch alles hatte sich für optimale Behandlungsbedingungen längst viel zu lang gezogen. Der Oeffinger Schlagzeuger – auch das Bandprojekt Rewind lag ihm am Herzen – landete auf der Intensivstation und später mit gelähmter linker Seite im Rollstuhl – die Prognosen der Ärzte waren niederschmetternd. „Ich war von Ende Januar bis Mai in der Klinik, konnte nicht mehr laufen oder mich anziehen.“
Doch seinen Kampfgeist hatte Bernd Kauffmann nicht verloren. In der Reha in den Kliniken Schmieder – ein auf neurologische Erkrankungen spezialisierter Klinikverbund – war er von morgens bis abends im Training. „Ich habe zu meiner Frau gesagt, wenn du mich wieder abholst, laufe ich raus.“ Das hat er, wenn auch wackelig, geschafft. Nach dem schicksalhaften Tag des Schlaganfalls kam dann der zweite Aha-Moment: Kauffmann saß im elektrischen Rollstuhl und dachte an seinen Lieblingsfilmhelden „Rocky“. „Der braucht keinen Rollstuhl. Du bist Rocky und brauchst das auch nicht, habe ich mir gesagt.“ Nachdem ihm die ganze Situation 2018 einen psychischen Rückfall beschwert hatte, war die Lösung greifbar. Der Musiker, der in Bands und Vereinen spielte und nun im Oeffinger Musikverein aktiv ist, kaufte sich ein Liegefahrrad. Nun ist er endlich wieder mobil und macht mit seiner Frau, die ihm den Rücken stärkt und für alles Organisatorische zuständig ist, große Touren. „Wir sind auch mal 60 Kilometer unterwegs. Aber ich darf mich natürlich nicht überschätzen.“
Schlagzeugspielen mit zwei Händen klappt teilweise wieder
Als Metzger kann Kauffmann nicht mehr arbeiten, aber am Schlagzeug macht er Fortschritte. „Ich spiele mit einer Hand, aber neulich hab ich ein paar Takte mit beiden geschafft. Schließlich habe ich ja eine vier Monate alte Enkelin, der ich bald das Spielen beibringen will.“ Sein Kampf und der große Durchhaltewille haben sich also gelohnt. „Ich gönne mir gutes Essen, gehe auf Konzerte und trinke auch mal wieder ein Bier. 100 Jahre alt will ich sowieso nicht werden.“
Weitere Informationen: Das Service- und Beratungszentrum der Stiftung Deutsche Schlaganfall-Hilfe ist für Betroffene montags bis donnerstags von 9 bis 17 Uhr und freitags von 9 bis 14 Uhr erreichbar, Telefon 0 52 41/97 70-0.
Schlaganfall – Schnelle Hilfe ist gefragt
Ursachen
Ein Schlaganfall (auch Apoplex und lateinisch Apoplexia cerebri; englisch Stroke) ist eine plötzlich einsetzende, von einem Herd ausgehende Ausfallerscheinung einer neurologischen Funktion infolge einer Durchblutungsstörung im Gehirn durch ein Blutgerinnsel oder einer Gehirnblutung. Die Symptome sind abhängig vom betroffenen Gehirnareal und variieren stark.
Anzeichen
Beispiele sind Ausfall oder Störung von Sinneseindrücken, Sprachstörungen, Verwirrtheit, Schwindel, Kopfschmerzen oder halbseitige Muskellähmungen. Typisch ist auch ein herabhängender Mundwinkel. Der Schlaganfall ist ein Notfall und sollte ohne Zeitverlust behandelt werden. Typische Therapien sind Thrombolyse oder eine kathetergeführte mechanische Rekanalisation der betroffenen Gehirnregion. Der Schlaganfall ist weltweit die zweithäufigste Todesursache und sehr oft Grund für eine Behinderung.