Der Finanzdienstleister Paypal will seine Geschäftsbeziehungen mit führenden Querdenkern beenden. Die sehen ihr Geschäftsmodell in Gefahr und drohen.
Stuttgart - Das aus Querdenker-Sicht unerfreuliche Demo-Wochenende in Berlin bedarf einer internen Nachbetrachtung: Die liefert der rechte Szene-Youtuber Elijah Tee auf seinem Kanal. Im Gespräch mit einem Aktivisten aus Hamburg bekommt der Querdenken-Gründer Michael Ballweg heftige Kritik ab.
Links oben läuft derweil eine Banderole mit den neuesten Spendeneingängen aus der Anhängerschar. „Wolke0178“ schickt fünf Euro, „Lakiva“ 50 Euro, „Quergedacht“ drei Euro – alles einfach per Klick über den Zahlungsdienstleister Paypal. „Vielen Dank.“
Geschäftsmodell unter Druck
Doch das Geschäftsmodell der „Verschwörungsunternehmer“, wie sie der baden-württembergische Antisemitismusbeauftragte Michael Blume nennt, gerät unter Druck. Am Mittwoch räumte der Sinsheimer Arzt und Coronakritiker Bodo Schiffmann ein, dass sein privates Paypal-Konto gesperrt worden sei. Fast 700 000 Euro hatte er dort in einem Moneypool gesammelt, um sie angeblich „zu 100 Prozent Flutopfern“ zukommen zu lassen. Ausbezahlt wurde das Geld bisher nicht. Jetzt ist es erst einmal eingefroren.
Auch Eckert kommt nicht ans Geld
Schiffmann ist kein Einzelfall. Der aus Mannheim stammende Querdenken-Aktivist Samuel Eckert erklärte auf seinem Youtube-Kanal, er habe „das gleiche Problem“. Eckert hatte in seinem sogenannten Isolat-Fund eine sechsstellige Summe für eine Wette gesammelt. Seine Behauptung: Niemand werde es schaffen, die Existenz des Coronavirus durch eine Isolation des Erregers nachzuweisen. Allerdings ging kein ernst zu nehmender Virologe auf die Wette ein. Das Geld gab Eckert gleichwohl bisher offenbar nicht an seine gutgläubigen Anhänger zurück.
Dass es sich bei den Kontensperrungen um ein grundsätzliches Problem handelt, hat Paypal inzwischen gegenüber unserer Zeitung bestätigt. „Wir können uns zwar nicht zu einzelnen Fällen äußern, aber wir arbeiten an einer Lösung“, teilte das in Luxemburg ansässige Unternehmen mit.
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Offenbar will man die Geschäftsbeziehungen mit Schiffmann und anderen komplett beenden. Zum 8. November werde das Moneypool-Programm eingestellt, heißt es in den Ende Juli aktualisierten Nutzungsbedingungen. Offenbar sieht das Unternehmen einen Missbrauch seiner Moneypools. Sie seien „dafür gedacht, mit Freunden Geld zu sammeln – also zwischen Personen, die sich kennen und einander vertrauen“. Anonyme Crowdfunding-Aktivitäten seien nicht gestattet. Für Spendensammlungen gebe es spezielle Paypal-Spendenkonten. Sie stünden registrierten gemeinnützigen Organisationen offen.
Tatsächlich ist bei den Sammlungen der Querdenker nie von Spenden die Rede. Man solle bei Zahlungen den Betreff „Schenkung“ angeben, heißt es ausdrücklich auf Michael Ballwegs Querdenken-Homepage. „Ich halte diese Praxis schlicht für illegal“, sagte der Antisemitismusbeauftragte Blume. Er vermute, dass die „Querschenken-Bewegung“ bereits zweistellige Millionenbeträge umgesetzt hat. Dass Paypal nun reagiere, sei eine sehr gute Nachricht.
10 000 Euro für sachdienliche Hinweise
Eine Antwort blieb allerdings nicht aus. Der Querdenken-nahe Verein Mutigmacher setzte bereits ein Kopfgeld aus. „Wir loben hiermit 10 000 Euro für den ersten Menschen aus, der uns den Namen des ursächlich Verantwortlichen – innerhalb oder außerhalb von Paypal – nennt und dafür auch belastbare Beweise liefert.“ Was mit dieser Person geschehen soll, sagte der Verein nicht.