Viele Optionen hat der Iran nach dem Tod seiner Generäle in Damaskus nicht, meint Thomas Seibert.
Iranische Regierungspolitiker wie Revolutionsführer Ali Khamenei reden viel über die angebliche Stärke ihres Landes und darüber, wie sehr sich Israel, die USA und der Rest des Westens vor der Macht Teherans fürchten. Auch preisen sie die Schlagkraft der „Achse des Widerstands“ aus pro-iranischen Regime und Milizen vom Libanon bis zum Jemen. Jetzt erfahren die iranische Bevölkerung und die Mitglieder der „Achse“, dass der Iran nur ein Scheinriese ist: Nicht zum ersten Mal konnte Israel hochrangige iranische Offiziere in Syrien ausfindig machen und töten. Khamenei steht als Papiertiger da. Diese Blamage hat sich das iranische Regime selbst eingebrockt. Gefährlich für die ganze Region ist sie trotzdem.
Innenpolitisch kommt die Demütigung von Damaskus für die iranische Führung zu einer ungünstigen Zeit. Das Regime bereitet sich auf die Nachfolge für den fast 85-jährigen Khamenei vor und braucht dafür Ruhe im Land. Doch nach dem mutmaßlichen israelischen Angriff bekommt die Regierung es nun mit Unmut in der Bevölkerung zu tun. Millionen Iraner lehnen die außenpolitischen Abenteuer ihres Landes ab und fordern, mehr Geld für das eigene Land auszugeben als für Gruppen wie die Hamas in Gaza oder die Huthi im Jemen. Zwei von drei Iranern leben in Armut – und das in einem Staat mit riesigen Vorräten an Öl und Gas. Der israelische Luftangriff in Damaskus führt den Iranern jetzt vor Augen, dass ihr Staat trotz all der Millionen für das Auslandsengagement nicht einmal hohe Generäle in einem befreundeten Land wie Syrien schützen kann.
Außenpolitisch ist die Lage für Teheran genauso peinlich. Pro-iranische Milizionäre in Syrien und im Irak sterben bei israelischen und amerikanischen Militärschlägen, ohne dass ihre Beschützer in Teheran viel gegen Israel und die USA unternehmen. Vor allem seit dem Ausbruch des Gaza-Krieges im Oktober verlangen iranische Verbündete in der Region, die Islamische Republik solle endlich zurückschlagen.
Doch für Khamenei und seine Regierung hat das Überleben der Islamischen Republik oberste Priorität. Irans Oberster Führer weiß, dass sein Land gegen die hochgerüsteten und modernen Streitkräfte von Israel und den USA keine Chance hätte; einige Jets der iranischen Luftwaffe stammen noch aus Zeiten des Schahs in den 1970er Jahren. Deshalb will Khamenei den Konflikt mit Israel nicht in einen Krieg eskalieren lassen.
Auch Israel glaubt offenbar, diese Kalkulationen auf iranischer Seite erkannt zu haben – sonst hätte die Regierung von Premier Benjamin Netanjahu den Luftangriff von Damaskus wohl kaum angeordnet. Die israelischen Verteidigungspolitiker und Militärplaner haben die Reaktionen des Iran – genauer gesagt: deren Ausbleiben – nach anderen israelischen Angriffen in Syrien genau registriert und gehen davon aus, dass Khamenei auch diesmal nichts Ernstes unternehmen wird. Israel weiß zudem starke US-Flottenverbände im östlichen Mittelmeer an seiner Seite. Die amerikanischen Flugzeugträger sollen gegenüber dem Iran und der pro-iranischen Hisbollah im Libanon als Abschreckung dienen.
Doch niemand kann sich darauf verlassen, dass Khamenei bei seiner Haltung bleibt. Viele überzeugende Optionen für Vergeltungsschläge gegen Israel hat der Iran nach dem Tod seiner Generäle in Damaskus nicht. Wenn der Druck auf Khamenei weiter wächst, könnte er sich zu einer massiven Reaktion gezwungen sehen, um sein Gesicht zu wahren. Das könnte dann den von vielen befürchteten Flächenbrand im Nahen Osten entfachen, den sich nur Hardliner im Iran, in Israel und in den USA wünschen.