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Aufräumarbeiten für entgleisten Zug werden wohl noch bis Freitag dauern - Keine Verletzten.

Stuttgart - Umgeleitete Fernzüge, Zugausfälle bei Regional- und S-Bahn, Verspätungen, verpasste Anschlüsse: Ein entgleister Intercity am Stuttgarter Hauptbahnhof hat am Dienstag Tausenden Bahnreisenden zu schaffen gemacht. Der Zugunfall endet zwar ohne Verletzte, die Folgen werden sich aber noch voraussichtlich bis Freitag auswirken. Die Ursache ist noch ungeklärt.

Was ist falschgelaufen an der Weiche 227? Wie an einem Tatort markieren Nummerntafeln und rote Leuchtfarbe die Spuren, die der Intercity 2312 nach Hamburg-Altona im Gleisbett hinterlassen hat. Der Zug entgleiste am Dienstag kurz nach der Abfahrt um 11.37 Uhr an Gleis 10 – zum Glück gab es keine Verletzten. Die etwa 100 Fahrgäste, die auf dem Weg Richtung Heidelberg, Mannheim, Mainz, Köln, Dortmund, Bremen und Hamburg waren, kamen mit dem Schrecken davon. Und dann wenigstens auf Umwegen an ihr Ziel. Ein Schicksal, das Tausende Reisende an diesem Tag mit ihnen teilten.

Der Intercity mit elf Wagen dürfte mit etwa 30 Kilometern pro Stunde unterwegs gewesen sein. Hinten schob eine Lok der Baureihe  101, ein 84 Tonnen schweres Arbeitspferd der Bahn. Die ersten Wagen passierten problemlos die Weiche 227 – doch als das Bordrestaurant und die Lok über den Abschnitt fuhren, war die Fahrt abrupt zu Ende. Irgendetwas veränderte sich, mutmaßlich die Weiche ihre Stellung – und die Räder sprangen aus den Schienen.

„Die Daten aus der induktiven Zugsicherung werden sicher einiges verraten“

Der Zug rumpelte übers Gleisbett, blieb etwa 30 Meter nach der Weiche stehen. Glück­licherweise kippten die Fahrzeuge nicht um. Im Bordrestaurant wurde kein Kaffee verschüttet: „Der Wagen war noch nicht geöffnet“, sagt ein Bahn-Sprecher.

In die Ermittlungen wurde die Eisenbahn-Unfalluntersuchungsstelle des Bundes eingeschaltet. „Die Daten aus der induktiven Zugsicherung werden sicher einiges verraten“, sagt Steffen Zaiser, Sprecher der Bundespolizei. Auch „die Einstellungen am Stellwerk sind gesichert“ worden – umso auch dem Geheimnis von Weiche 227 auf die Spur zu kommen.

Über die Ursache schossen am Dienstag die Spekulationen ins Kraut. Für Stuttgart-21-Gegner war der Vorfall wieder Folge eines „völlig überalterten, maroden Stuttgarter Stellwerks, das eine Gefahr für die Allgemeinheit ist“, so eine Sprecherin der Parkschützer. Die Klage wird seit langem geführt, nachdem es in der Vergangenheit immer wieder zu Stellwerksproblemen und Signalausfällen gekommen war. Wegen Stuttgart 21 werde auf die Sanierung verzichtet, heißt es.

Zwischenstopps mussten auch Fahrgäste von Intercity- und Eurocity-Zügen hinnehmen

Die Probleme sind freilich oft vielschichtiger. Eine S-Bahn, die im September 2010 bei der Ausfahrt aus dem Hauptbahnhof entgleiste, war über eine Weiche gefahren, die wegen Bauarbeiten gesperrt war und eigentlich gar nicht hätte befahren werden dürfen. Ein Güterzug, der im März 2010 in Untertürkheim entgleiste, war an fehlerhaft ausgeführten Bauarbeiten im Bereich einer Weiche gescheitert. Anfang der 80er Jahre hatte ein ins Räderwerk gerutschter Reisekoffer einen Zug ausgehebelt.

Kleine Ursachen, große Wirkung. Der Zugverkehr wurde am Dienstag erheblich beeinträchtigt. Am Hauptbahnhof konnten die Gleise 8, 9 und 10 nicht benutzt werden. Glücklich waren jene Fahrgäste, die nur das Gleis wechseln mussten. Der TGV nach Paris etwa fuhr statt an Gleis 9 an Gleis 2 ab.

Härter traf es Fahrgäste der Regionalzüge nach Würzburg, Heidelberg, Heilbronn oder Mosbach. Diese fuhren nicht bis Stuttgart durch. Zwischenstopps mussten auch Fahrgäste von Intercity- und Eurocity-Zügen hinnehmen. Der EC aus Klagenfurt beispielsweise hielt nur in Esslingen und Vaihingen/Enz. Wer nach Stuttgart wollte, musste dort umsteigen. Verspätungen betrugen bis zu 30 Minuten.

Die Behinderungen im S-Bahn-Verkehr sind auch an diesem Mittwoch nicht beendet: Die Linien S 4, S 5 und S 6 fahren auch im morgendlichen Berufsverkehr nur noch im 30-Minuten-Takt. Die Instandsetzungsarbeiten bei Weiche 227 sollen voraussichtlich bis Freitag dauern.

Nähere Informationen gibt es auf der Homepage des VVS