Ehrgeiz, Athletik und Selbstbewusstsein: Der 19-jährige Carlos Alcaraz erinnert teilweise verblüffend an den jungen Rafael Nadal. Foto: imago/Paul Zimmer

Carlos Alcaraz gewinnt seinen ersten Grand-Slam-Titel, kürt sich zur jüngsten Nummer eins der Geschichte – und hat noch viel vor.

Carlos Alcaraz (19) hatte gerade die angenehmen Pflichten als neuer Tenniskönig von New York erfüllt, da kam der Teenager unmissverständlich zur Sache. „Ich will lange an der Spitze bleiben“, sagte Alcaraz, der soeben noch im Konfettiregen als US-Open-Pokalgewinner glückselig fürs Fotografenheer posiert hatte, „viele Wochen, viele Jahre.“ Alcaraz hielt ein paar Sekunden inne, um dann nachzulegen: „Von diesen Momenten hier, von solchen Siegen kannst du gar nicht genug kriegen.“

 

Eigentlich noch ein Newcomer im Erwachsenentennis

Es kann gut sein, dass man von diesem 11. September 2022 als einem Datum sprechen wird, das den Lauf der Tennisgeschichte neu justierte – und eine Zeitenwende markierte. Denn Alcaraz, der plötzlich jüngste Weltranglisten-Erste aller Zeiten, der Casper Ruud 6:4, 2:6, 7:6 (7:1), 6:3 geschlagen hatte, ist ein Mann, der gekommen ist, um zu bleiben. Kurzer Aufstieg, Riesenhype, danach tiefer Fall in die sportliche Bedeutungslosigkeit: Geschichten wie diese hat das moderne Tennis oft gesehen – das wird es wohl dieses Mal mit dem außerordentlichen Spanier nicht geben. „Er wird das Tennis der Zukunft prägen und bestimmen“, sagte Legende John McEnroe, der die Siegertrophäe an Alcaraz überreichte.

Seit Jahren spekulierte die Branche, das Heer der Experten und ehemaligen Profis, wer einmal den Staffelstab der Großen drei übernehmen würde. Viele Namen fielen, viele wurden hoch gehandelt und wieder aus der Wertung genommen. Zuletzt dachte man, einer aus der Gruppe der Mittzwanziger um Daniil Medwedew, Alexander Zverev oder Stefanos Tsitsipas könne eine marktbeherrschende Stellung einnehmen. Doch nun kam, sah und siegte Alcaraz, eigentlich noch ein Newcomer im Erwachsenentennis. Einer, der vor Jahresfrist noch jenseits der Top 100 der Weltrangliste platziert war. Der jetzt aber – auch dank besonderer Zeiten in der Tenniswelt und der Welt überhaupt – jäh der Capitano der Branche ist. „Ich habe immer von diesen Siegen geträumt. Dass es so schnell ging, ist einfach unfassbar“, sagte Alcaraz, der beim Sprung nach ganz oben davon profitierte, dass Novak Djokovic bei nur zwei Grand Slams antreten und für seinen Wimbledon-Sieg keine Zähler einstreichen durfte.

Einer mit neun Leben. Oder sogar mehr.

Aber dennoch ist Alcaraz die beeindruckendste Erscheinung seit den jungen Jahren der Fabelhaften drei, von Roger Federer, Rafael Nadal und Djokovic. Im vergangenen Herbst hatte Boris Becker das Phänomen Alcaraz ganz kurz und prägnant auf den Punkt gebracht: „Wenn man Carlos spielen sieht, denkt man automatisch an Rafa.“ Tatsächlich gleichen sich diese beiden Spanier aus verschiedenen Generationen verblüffend: Der verzehrende, nie zerstörerische Ehrgeiz, die beeindruckende Athletik, der unermüdliche, nie versiegende Kampfgeist. Und vor allem: eine Mentalität, kein Match in keinem Moment verloren zu geben, um jeden einzelnen Punkt zu kämpfen, als wäre es der Letzte. „Dass er ein 19-jähriger Bursche ist, kann man kaum glauben“, sagte der geschlagene Finalist Ruud.

Als Marathonmann, der sich über alle Höhen und Tiefen von endlosen Duellen auf der Grand-Slam-Bühne durchsetzt, brillierte Alcaraz regelrecht beim New Yorker Spektakel. Dass ihm der Sprung auf den US-Open-Thron schwerfiel, wäre eine groteske Untertreibung. Es war, in Wahrheit, eine schweißtreibende Maloche wie niemals zuvor, sage und schreibe 23 Stunden und 40 Minuten verbrachte Alcaraz auf den Courts im Billie Jean King Tennis Center – ein neuer Rekord an Ausdauerkraft. Und Nervenstärke: Denn bei seinen Fünf-Satz-Schlachten im Achtelfinale, Viertelfinale und Halbfinale stand Alcaraz manchmal mit anderthalb Beinen am Abgrund. Am Ende blieb der Eindruck: Es kann passieren, was will. Alcaraz siegt, dieser junge Mann mit feurigen Schlägen, strategischem Weitblick, Nerven wie Drahtseilen, unerschütterlichem Glauben. Einer mit neun Leben. Oder sogar mehr.

Das Jahr 2022 eine Zeitreise zurück zu den Anfängen von Nadal?

Pete Sampras war der letzte Teenager, der 1990 die US Open gewann, noch etwas jünger als Alcaraz nun. Und Nadal war 2005 der letzte Profi, der als Teenager einen Grand-Slam-Pokal holte, unterm Pariser Eiffelturm. Beide dominierten danach ihren Sport. Entweder allein wie Sampras, oder im Verbund mit anderen Großmeistern, wie Nadal. Alcaraz scheint nun reif genug, selbst eine große Geschichte auf die Centre-Courts zu schreiben, sein New Yorker Coup kommt ja nicht aus heiterem Himmel. Seine Reife für den ganz großen Schlag, den Grand-Slam-Sieg, hatte er 2022 an anderer Stelle im Frühling längst nachgewiesen, als er beim Masters in Madrid hintereinander Nadal, Djokovic und Zverev schlug, drei Top-5-Spieler. Und danach ohne Umschweife verkündete: „Ich will in diesem Jahr mindestens einen Grand Slam gewinnen.“

Das Jahr 2022 erscheint tatsächlich wie eine Zeitreise zurück zu den Anfängen von Nadal im Wanderzirkus. Wie der bullige Mallorquiner damals stellt Alcaraz die Welt im Tourbetrieb auf den Kopf, wirbelt die Hierarchie durcheinander, verbreitet die Atmosphäre einer friedlichen Revolution auf den Spiel-Plätzen. Und könnte zum Totengräber von Tennisträumen anderer werden, als Spielverderber, der erstklassigen Kollegen reihenweise glückliche Tage und große Siege verwehrt. „Ich werde niemals satt sein im Tennis“, sagte Alcaraz Sonntagnacht. Eine Drohung, charmant verpackt.