Igor Specht lebt in seinem Ein-Zimmer-Apartment inmitten von Computern, Sensoren und Bastelequipment. Mit Messtechnik will er die Politik beeinflussen – nicht nur in Russland. Foto: Horst /udel

Igor Specht mobilisierte in seiner sibirischen Heimat Menschen gegen die Luftverschmutzung. Schließlich floh er aus Angst vor der Justiz. Nun vertreibt er seinen Feinstaubsensor von Stuttgart aus.

Bevor er aus dem sibirischen Krasnojarsk ins schwäbische Ostfildern kommt, ist Igor Specht ein kleiner Medienstar. Er bringt die Menschen in Putins Autokratie dazu, ihren Frust über die schlechte Luft und die tatenlose Regionalregierung ins Internet zu schreiben. Er ist ein gefragter Interviewpartner für westliche Medien wie Bloomberg, die „NZZ“ oder Radio Free Europe.

 

Alle hätten mit ihm über Putin sprechen wollen – und nicht gar alle über sibirischen Feinstaub, erinnert sich der 39-Jährige. Doch zumindest dürfte die Welt wegen der vielen Berichte jetzt etwas mehr über die Luft in Krasnojarsk wissen als vorher.

Verstoß gegen Bundesgesetz 99

Er sei nach Deutschland geflohen, erzählt Specht. Seine Familie lebt noch in Russland, ihm aber fehle dort die Luft zum Atmen. Der Staatsanwalt sei hinter ihm her, wegen eines Verstoßes gegen das Bundesgesetz Nummer 99. Der Vorwurf: Er habe ohne staatliche Lizenz die Feinstaubbelastung gemessen und veröffentlicht. Den selbst gebauten Sensor verkauft er mittlerweile über seinen Onlineshop. Das Feinstaubmessen elektrisiert nämlich nicht nur die Menschen in Krasnojarsk, so seine Überlegung.

Anders als in den sozialen Medien erhält Specht von der russischen Staatsanwaltschaft keine Unterstützung bei seinem Vorhaben. Nun verfolgt der Grafiker die Idee in einer Ein-Zimmer-Wohnung in Ostfildern. Sein Gerät samt App ist fertig, zusammengebaut wird es in China, versendet von Deutschland aus. Die Firma Nebo betreibt Specht mit seinem Schwager Florian Ranner, einem Vertriebler. Die beiden sind überzeugt, dass es Zeit ist für ein Gerät, mit dem die Menschen die Luftqualität vor ihrer Haustür ermitteln können. „Probleme, die nicht gemessen werden, sind nicht in der Welt“, glaubt Igor Specht. Die Lösung, die er anbietet, kostet 249 Euro.

Weltweite Livekarte

Das Gerät ist leicht installiert und funkt die Messdaten auf das eigene Handy und eine weltweite Livekarte. Darauf bildet sich zum Beispiel ab, wie in der Silvesternacht Punkt 0 Uhr die Feinstaubwerte explodieren. Oder dass sich an einem normalen Januarabend bei entsprechender Witterung pünktlich zum Feierabend Holzofenfeinstaub unter die Wohngebietsluft mischt.

Das sind so die Probleme in Deutschland. Im Kessel von Krasnojarsk verschmutzen mehrere Kohlekraftwerke und ein riesiges Aluminiumwerk die Luft. Etliche Millionen Tonnen Kohle werden da jährlich verbrannt.

Anderswo ist die Luft eben immer dreckiger. Hierzulande sei sie doch viel besser als früher, sagte man in Deutschland vor zehn, zwölf Jahren. Damals wollten viele kein Feinstaubproblem erkennen: Das Gift in den Lungen von ein paar Hundert Menschen sollte nicht die Freiheit Zehntausender einschränken, Auto zu fahren oder Holzöfen zu befeuern. Erst als Fahrverbote und Beugehaft drohten, taten die Regierenden wirklich etwas. Zumal sich der Feinstaub über das Land verteilt und weit mehr Menschen als nur die Neckartor-Anwohner betroffen sind.

Smogwarnung, aber von Aktivisten

Der Himmel von Krasnojarsk, sagt Igor Specht, färbt sich im Januar und Februar manchmal wochenlang rauchschwarz. Zwar kennt man dort auch staatliche Smogwarnungen. Feinstaubalarm rufen aber eher Spechts Freunde aus, wenn sie ihre Messwerte in tiefroter Farbe auf Karten eintragen.

Was muss das Messgerät eines sibirischen Aktivisten die Menschen in Stuttgart kümmern? „Es gibt überall zu wenige staatliche Messstellen, auch in Deutschland“, sagt Igor Specht. „Eigentlich müsste alle 400 Meter ein Sensor stehen. Aus offiziellen Quellen kann ich mich nicht ausreichend informieren.“ In Baden-Württemberg messen offiziell genau 41 Geräte die Luftqualität.

2030 kommen schärfere Grenzwerte

Die Europäische Umweltagentur schätzt, dass Feinstaub allein 2020 in Europa zu mindestens 238 000 vorzeitigen Todesfällen geführt hat. Mit besserer Luft gäbt es weniger Asthma- und Herzerkrankungen, Schlaganfälle und sogar Grippeinfektionen. Genau deshalb gelten von 2030 an europaweit schärfere Grenzwerte, derzeit wird auf EU-Ebene darüber verhandelt.

Am Stuttgarter Neckartor und an der Tübinger Mühlstraße stehen z wei von bundesweit mindestens 20 Messstellen, an denen die Werte bis Ende des Jahrzehnts weiter sinken müssen. Zumindest die Menschen in der Nähe solcher Hotspots werden sich fragen, wie gut die Luft bei ihnen eigentlich ist.

Dass er unweit der einstigen Feinstaubhauptstadt lebt, sei reiner Zufall, beteuert Igor Specht: „Ich wurde von den Behörden hierher geschickt.“ In Stuttgart ist der Aktivist jedenfalls am richtigen Ort. Vor zehn Jahren hat hier schon einmal eine Gruppe mit über das ganze Land verteilten Sensoren das bisher Unbesehene gemessen. Unsere Zeitung kooperierte mit den OK Lab genannten Bastlern und konnte zeigen, dass abends in vielen Wohngebieten zu viel Feinstaub in der Luft ist. Solche Erkenntnisse ärgern Gassigeher, Feierabendjogger oder Spaziergänger. Und sie sind natürlich Wasser auf die Mühlen all derer, denen der Duft von verbranntem Holz in der Winterluft stinkt. Zumal Holzheizungen wegen der zuletzt so häufig beschworenen „Technologieoffenheit“ als heizungsgesetzkonforme Alternative zur Wärmepumpe gelten.

Beschwerden aus der Nachbarschaft

Immer wieder melden sich Leser mit Beschwerden über Holzheizer, zuletzt aus Igor Spechts Nachbarschaft in Ruit. „Je nach Windlage stinkt es hier wie nach dem Silvesterfeuerwerk“, schreibt einer, der seinen Namen nicht in der Zeitung lesen will. Die Verwaltung bleibe untätig – offenbar auch, weil man Feinstaub nicht vernünftig messen könne. Experten bemängelten an den Stuttgarter Selbstbaugeräten vor zehn Jahren auch, dass sie Nebel mit Feinstaub verwechseln würden. Ist das Selbermessen also wertlos? Sein Gerät habe dieses Problem nicht, sagt Igor Specht, denn es trockne die Luft. Die tausendmal teureren Geräte der Behörden ersetzt es freilich nicht. Aber es kann doch helfen, die Argumente in den bis heute schwelenden Diskussionen zu schärfen.

Wie läuft das eigentlich in Russland? „Dort wird nicht alles zensiert, es gibt durchaus Berichte über schlechte Luftqualität“, sagt Spechts Schwager Florian Ranner. Aber es passiere eben auch, dass die Akademie der Wissenschaften eine Studie zu den Gesundheitsfolgen von zu viel Feinstaub in der Luft teilweise zurückzieht – wegen einer für Putins Partei Einiges Russland schwierigen Duma-Wahl, so Ranner. Oder dass der Staat Gesetze kreativ auslege, um Druck auf Menschen wie Igor Specht auszuüben.

Nach einem Jahr im Exil hat Igor Specht zum Jahreswechsel auf Instagram angekündigt, seine Mission in Deutschland sei erfüllt. Und das Heimweh, die Sehnsucht nach der Familie zu stark: „Ich gehe nach Hause.“ Wenn er an der Grenze verhaftet oder in den Krieg gegen die Ukraine geschickt werde, existiere sein Projekt weiter: „Ich bin es leid, in Angst zu leben.“ Die Menschen müssten selbst entscheiden, was sie anstellen mit dem Wissen um die Luft, die sie atmen, sagt Specht: „Je mehr sie wissen, desto eher verändert sich etwas.“ Das gilt für die Luft in Ostfildern wie in Krasnojarsk.