Defekte Kabel und löchrige Leitungen: Der Zustand von Stuttgarts Gas- und Stromnetz wirft Fragen auf. Nach zwei Explosionen stehen die örtlichen Netzbetreiber unter Druck.
Nach zwei Explosionen binnen eines Jahres sollen Stuttgarts Netzbetreiber Stellung zur Frage beziehen, inwiefern teils veraltete Leitungen im Strom- und Gasnetz eine Gefahr für Menschen darstellen könnten. „Die Stadt Stuttgart hat ein großes Interesse, dass die Vorfälle und deren Ursachen geklärt werden“, sagt Fabian Mayer, Stuttgarts Erster Bürgermeister (CDU), in Richtung der Betreiber Netze BW und Stuttgart Netze, die für die örtlichen Gas- und Stromleitungen in der Landeshauptstadt zuständig sind.
In der Köllestraße im Stuttgarter Westen war es ein marodes Stromkabel, das im März vergangenen Jahres eine heftige Explosion ausgelöst hatte. Vor wenigen Wochen entzündete sich in der Katzenbachstraße in Vaihingen erneut Gas, das aus einem münzgroßen Leck in einer 1932 verlegten Leitung entwichen war. Die Explosionen legte zwei Häuser in Schutt und Asche. Bei dem Unglück in der Köllestraße wurde eine Frau getötet, mehrere Menschen verletzt. Betroffene haben ihr Hab und Gut verloren. Sie leiden bis heute an den psychischen Folgen.
Wie sicher sind Stuttgarts Strom- und Gasnetze?
Politiker im Stuttgarter Gemeinderat sind alarmiert. Sie wollen von den Netzbetreibern wissen, wie solche Gasexplosionen künftig verhindert werden können. „Wenn aus einem Flickenteppich alter und erneuerter Leitungen eine solch extreme Gefahr für Leib und Leben der Stuttgarter Bürger ausgeht, ist es an der Zeit, einen Plan für die systematische Erneuerung der Strom- und Gasleitungen vorzulegen“, fordert Stadtrat Luigi Pantisano (Linksbündnis).
Auch der Fraktionsvorsitzende Hannes Rockenbauch pocht darauf, alte Leitungen auszutauschen. „Wir erwarten von beiden verantwortlichen Unternehmen, dass sie öffentlich dem Gemeinderat berichten, wie ihre Strategie für die Erneuerung der Strom- und Gasnetze aussieht“, sagt er und verweist auf einen entsprechenden Antrag seiner Fraktionsgemeinschaft, den die Stadtverwaltung prüft.
Netze BW: „Aufklärung sind wir den Betroffenen schuldig“
In den Augen der Antragsteller lässt die Aufklärungsarbeit der Netzbetreiber zu wünschen übrig. „Ich kritisiere, dass es bisher weder von der Stuttgart Netze noch von Netze BW eine transparente Information und Berichterstattung über den erneuten Vorfall mit Gas in der Katzenbachstraße gab“, sagt etwa Stefan Urbat von der Piratenpartei. Es sei „völlig unangemessen und unzureichend“, wenn darüber nur intern in Aufsichtsratssitzungen informiert werde – die Öffentlichkeit aber außen vor bleibe.
Die Netzbetreiber bekräftigen, die Fragen der Stadt und des Gemeinderats mit „großer Transparenz“ beantworten zu wollen. „Eine intensive Aufklärung sind wir den Betroffenen schuldig, und sie kann zugleich zur Vermeidung künftiger Unglücke beitragen“, sagt Hans-Jörg Groscurth, Sprecher der Netze BW. In welchen Gremien ein Fachvortrag oder ein Dialog stattfinden könne, entscheide die Stadt.
Linken-Politiker: „Dieser Zustand ist nicht hinnehmbar“
Redebedarf hat vor allem Stadtrat Pantisano, der in einem bei der Explosion im vergangenen Jahr in Mitleidenschaft gezogenen Gebäude wohnt. „Die Ursache für beide Explosionen waren offenkundig vollkommen überalterte Strom- und Gasleitungen“, konstatiert der Linken-Politiker und schlussfolgert: „Offenbar reichen das bisherige Vorgehen und die Erneuerungsmaßnahmen nicht aus, um unsere Bevölkerung genügend zu schützen. Dieser Zustand ist nicht hinnehmbar.“
Netze-BW-Sprecher Groscurth will städtischen Gremien nicht vorgreifen. Er betont aber, insgesamt seien Störungen selten und „insbesondere Unglücke wie jetzt in Stuttgart tragische Ausnahmen.“ Die Netze BW und Stuttgart Netze investierten „jedes Jahr gezielt zweistellige Millionenbeträge in die Stuttgarter Strom- und Gasnetze“. Bei Fragen der Sicherheit und Netzerneuerung halte man sich akribisch an geltende Regelwerke. Das in der Katzenbachstraße nach dem Unglück ausgebaute Rohrstück sei zuletzt Mitte 2021 im Rahmen der turnusmäßigen Kontrollen mit Messgeräten abgegangen worden. „Dabei gab es keine Auffälligkeiten“, betont Groscurth.
Explosionen nur tragische Ausnahmen?
Aus technischer Sicht seien die Explosionen in der Köllestraße und in der Katzenbachstraße nicht miteinander vergleichbar. Ursache des Unglücks im Stuttgarter Westen sei nach aktuellem Stand, dass eine Gasleitung vor dem Haus zu nah an einer – allerdings Jahrzehnte alten – Stromleitung verlegt worden war. Ein Kurzschluss beschädigte die Gasleitung. In der Katzenbachstraße sei hingegen keine Querverbindung zum Stromnetz erkennbar. Dort war die Ursache vermutlich ein Leck in der Gasleitung in der Straße vor dem betroffenen Haus.