Die große Show von Katar geht zu Ende – wohin steuert der Sport in den kommenden Jahren? Foto: o/Markus Ulmer

Mit der Fußball-WM in Katar endet eine Reihe umstrittener Sport-Großveranstaltungen. Nun hat der Spitzensport neue Chancen. Er sollte sie konsequent nutzen, kommentiert unser Autor Dirk Preiß.

Wer sich als Sportfan viel lieber dem Treiben auf den Spielfeldern, in den Turnhallen und auf den Pisten zuwendet als gesellschaftspolitischen Debatten und undurchsichtigen Geldströmen, der kann am Montag kurz innehalten und durchatmen. Vorbei ist dann nicht nur die Fußball-WM in Katar, sondern auch die Reihe von Events bei Gastgebern, über deren Rolle in der Welt und deren Verständnis einer modernen Gesellschaft mehr diskutiert wurde als über Abseitsstellungen, Rennzeiten oder Haltungsnoten.

 

2014 fanden die Olympischen Winterspiele im russischen Sotschi statt. Am Schwarzen Meer mussten vor dem Event Rechte und Schutz von Schwulen und Lesben gesichert werden, danach erschütterte ein Dopingskandal den Sport. 2018 war Pyeongchang Ausrichter der Winterspiele, die Eingriffe in die Natur waren gewaltig. 2018 war erneut Russland Schauplatz der Fußball-WM – dass sich Wladimir Putin im Fifa-Glanz sonnen durfte, erscheint wenige Jahre nach der Annexion der Krim und mit der Erfahrung des Angriffs auf die Ukraine grotesk. 2020 entpuppte sich die Entscheidung zur Verlegung der Sommerspiele von Tokio wegen der Coronapandemie als wenig unterhaltsames Spielchen. Mit Blick auf die Winterspiele 2022 wird man sich noch in vielen Jahren fragen, was diese in Peking zu suchen hatten. Menschenrechtler und Naturschützer sind berechtigte Teilnehmer einer solchen Diskussion. Und nun eben Katar – wo viele Probleme offenbar wurden, die bei der Vergabe schlicht ignoriert worden sind.

Der professionelle Sport hat Schaden genommen in den vergangenen Jahren. Menschen haben sich abgewendet, glühenden Fans kam die Begeisterung abhanden, die Fragen wurden kritischer – und das nicht ohne Grund. Und jetzt? Wird alles gut?

Mitnichten ist das der Fall. Vertrauen zurückzugewinnen dauert länger, als es zu verspielen. Und die Herausforderungen werden nicht kleiner. In welchen demokratischen Staaten sind Olympier überhaupt noch willkommen? Wo lassen sich die Spiele oder Turniere nachhaltig veranstalten? Wie konsequent setzen die Verbände ihre proklamierten Werte bei Vergaben künftig durch? Antworten liefern erst die kommenden Jahre, ebenso auf die Frage, ob das vergangene Jahrzehnt mahnende Erinnerung bleibt oder die Probleme schnell vergessen sind.

Neue Chancen – klimaneutral und fanfreundlich

Immerhin: Die Chance auf eine Veränderung ist gegeben. Paris (2024) und Los Angeles (2028) hätten sich um die Austragung der Sommerspiele erst gar nicht beworben, hätte ihre Kandidatur nicht neuen Maßstäben gerecht werden müssen. Es soll klimaneutral werden, auch fanfreundlich mit vielen günstigen Tickets (in Paris eine Million Karten für je 24 Euro), und ein tolerantes Weltbild muss nicht erst eingefordert werden. Die EM 2024 könnte in Deutschland zum weltoffenen Fußballfest werden. Und die WM 2026 in Kanada, den USA und Mexiko hat momentan nur ein Problem: die großen Entfernungen zwischen den Spielorten.

Doch der professionelle Sport ist seine Probleme längst nicht los. Ein Umdenken muss erst bewiesen werden, und die Versuchungen für die gewinnorientierten Funktionäre lauern weiter: In Doha denkt man über eine Olympiakandidatur nach, die asiatischen Winterspiele finden 2029 in Saudi-Arabien statt, und die Frage nach der Zulassung russischer und belarussischer Sportlerinnen und Sportler kann zur Zerreißprobe werden. Dennoch eröffnet sich eine Chance: dass der Sport, seinen ureigensten Werten folgend, wieder für etwas steht, dem nachgeeifert und zugejubelt werden kann. Diese Chance sollte nicht vergeben werden.