Stuttgarter Pflegekräfte sprechen über das Video von Joko und Klaas und ihre Arbeitssituation. (Symbolbild) Foto: dpa/Marijan Murat

Das sonst so witzige Moderatorenduo Joko und Klaas hat seine gewonnene Sendezeit bei ProSieben erneut für ein ernstes Thema genutzt: den Pflegenotstand in Deutschland. Was sagen Pflegekräfte aus der Region Stuttgart zu dem Video und zu ihrer Arbeitssituation?

Stuttgart - Schon vor der Coronakrise gab es im Bereich der Pflege in Deutschland einige Baustellen. Die Coronakrise hat noch einmal deutlich gemacht, wo diese sind. Unter dem Motto #Nichtselbstverständlich haben Joko und Klaas am Mittwochabend ein Zeichen gesetzt. Über die neu gewonnene Aufmerksamkeit freuen sich auch die Pflegekräfte aus der Region Stuttgart – es gibt aber auch Wünsche.

„Wir merken, dass wir kein Ausfallkonzept haben“

Marlies Oral ist Stationsleiterin am Klinikum Stuttgart. Sie hält die Aufmerksamkeit, wie sie durch das Video von Joko und Klaas entstanden ist, für sehr wichtig: „Der Gesellschaft sollte immer wieder gezeigt werden, wie der Pflegealltag in Deutschland aussieht.“

Denn auch im Klinikum Stuttgart macht sich der Pflegemangel bemerkbar, auch wenn viel dafür getan werde, zusätzliches Personal zu gewinnen. „Wir merken, dass wir kein Ausfallkonzept haben. Unsere Dienstpläne und Personalbesetzungen sind eng gestrickt, sodass wir bei Krankheitsausfällen wenig Puffer haben“, so die Stationsleiterin. Und Corona hat die Lage nur noch weiter verschärft: „Seit Corona müssen wir noch viel flexibler sein. Wir haben unsere ‚normalen‘ und zusätzlich die Corona-Patienten.“

Joko und Klaas machen mit ihrer Aktion vor, wie auf Probleme aufmerksam gemacht wird. Marlies Oral würde so etwas gern öfter sehen. „Es muss viel mehr Werbung für den Beruf gemacht werden. Pflege ist nicht ‚nur‘ Patienten waschen und ihnen zu Essen geben. Pflege bedarf viel mehr: Der richtige Umgang mit Patienten, Einfühlvermögen - auch mal die Patienten an die Hand zu nehmen und einen Spaziergang zu machen gehört dazu. Das muss man der Gesellschaft zeigen. Und natürlich ist auch die Bezahlung immer ein Thema“.

„Es müssen wieder mehr Leute für den Beruf gewonnen werden.“

Julia Kappis (25) ist Kinderkrankenschwester im Olga-Hospital in Stuttgart und seit drei Jahren fertig mit ihrer Ausbildung. Sie hat das Video von Joko und Klaas während ihrer Nachtschicht teilweise mitverfolgt. „Ich finde es total wichtig, dass das gemacht wurde. Nicht erst durch die Coronakrise wurde es notwendig der Pflege mehr Aufmerksamkeit zu schenken, aber es ist ein guter Anlass. Es müssen wieder mehr Leute für den Beruf gewonnen werden.“

Aber wie schafft man das? „Es ist kein Geheimnis, dass wir über besseres Gehalt reden. Es geht vor allem um die Leute, die sich überlegen, in den Beruf einzusteigen. Denen muss gezeigt werden, welchen Mehrwert der Beruf für sie hat“, so die Meinung der 25-Jährigen.

Die Energie, um auch nach einer Sieben-Tage-Woche noch glücklich über ihren Beruf zu sein, schöpft Julia Kappis aus dem Kontakt mit den Patienten. „Wir bekommen oft gesagt, wie toll wir das machen. Es ist schön, für die Patienten und Angehörige da zu sein und ihnen die Angst zu nehmen. Und natürlich der Moment, wenn sie nach Hause gehen können.“

„Wir sind nicht nur zum Windelwechseln da“

Bereits seit rund 20 Jahren arbeitet Frau Hensel (48) als Altenpflegekraft, derzeit im Hans-Rehn-Stift in Stuttgart. „Wir haben großes Glück, bei uns im Haus gab es keinen einzigen Coronafall. Wir, und auch die Bewohner, werden dreimal die Woche getestet.“

Die 48-Jährige hat bewusst die Altenpflege gewählt. „Der Beruf ist wunderschön. Man ist für die Menschen da. Ich helfe ihnen, sich zu erinnern.“ Diese Perspektive wünscht sie sich auch von der Gesellschaft, oder zumindest mehr Anerkennung: „Ich möchte, dass die Leute uns nicht mehr nur als ‚Windel-Wechsler‘ sehen. Das stimmt einfach nicht. Wir sind Krankenschwester, Altenpfleger und Unterstützer in einem.“

Lesen Sie hier noch mehr: Die Twitter-Reaktionen zu der Aktion von Joko und Klaas

„Ich bin sehr froh, dass die Pflege jetzt die Aufmerksamkeit bekommt, die sie viele Jahre nicht erfahren hat. Da ist jede Form willkommen.“, sagt Oliver Hommel, Pflegedirektor des Klinikum Stuttgarts. „Entscheidend ist, dass tiefere Einblicke in die Profession Pflege dazu beitragen, den Beruf als attraktiv und sinnstiftend zu zeigen.“

Die Coronakrise habe so ziemlich alles auf den Kopf gestellt und viele Herausforderungen mit sich gebracht, angefangen mit der Schutzbekleidung oder den regelmäßigen Tests. Dennoch sieht Oliver Hommel auch eine positive Seite: „Es haben sich eine enorme Solidarität und Teamspirit über die Zeit entwickelt, auch über die Berufsgruppe hinaus.“

Die Pflege habe sich in den letzten Jahren geregt. „Sie ist präsenter geworden, wird wahrgenommen, in der Politik und in der Gesellschaft (…). Der Weg ist der richtige, beim Ziel ist aber noch Luft nach oben.“

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