Freud und Leid: Die Freiburger Profis jubeln, der Kölner Jorge Mere (rechts) ist beim 0:5 enttäuscht. Foto: dpa/Sebastian Gollnow

Der SC Freiburg ist nach fünf Siegen nacheinander die Mannschaft der Stunde in der Bundesliga – und fordert jetzt den FC Bayern München zum großen Duell heraus.

Stuttgart/Freiburg - Ob Christian Streich sich selbst wie seiner Mannschaft auch drei Tage freigegeben hat, ist nicht überliefert. Für einen Trainer gibt es ja immer etwas zu tun, Erfolgsserie hin oder her: Spielanalyse, Studium des nächsten Gegners, Gespräche mit dem Trainerteam, Planung der Einheiten – Streich wird es nicht langweilig. Aber zumindest einen freien Tag, davon ist auszugehen, den gönnt sich auch Streich nach dem 5:0-Sieg seines SC Freiburg gegen den 1. FC Köln. Und vor dem Duell beim FC Bayern München am nächsten Sonntag.

Streich wird, wie er das gerne tut, vielleicht einfach raus in die Natur gehen, in den Wald oder in die Sonne, oder beides. Jetzt im Winter zu Fuß, sonst im Sommer gerne auf dem Rennrad. Das gibt ihm viel, das gibt ihm Kraft, und das reicht ihm oft schon. Daheim schnappt er sich dann ein Buch, oder er isst „ä schöns Stückle Käs“ oder wahlweise „ä schöne Supp“, wie das der Metzgerssohn aus dem südbadischen Eimeldingen gerne sagt.

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Die kleinen Dinge zu genießen und sich an ihnen zu erfreuen dürfte Streich leichtfallen in diesen Tagen. Schließlich holte der SC mit dem 5:0 gegen Köln den fünften Bundesliga-Sieg in Folge. Eine solche Erfolgsserie gab es noch nie zuvor in der Freiburger Clubgeschichte. Zum ersten Mal im laufenden Betrieb gab Streich seinen Jungs hinterher drei Tage frei, und das gab es auch noch nie. Auf den Bundesliga-Rekord folgte der Freie-Tage-Rekord. Streich weiß: Das haben sich seine Burschen verdient – aufgrund der hohen Belastungen in der Corona-Saison ohne Winterpause. Aber vor allem aufgrund der Leistungen in den vergangenen Wochen.

Gisdol lobt Streich

Dabei sind es nicht die Fakten mit den fünf Siegen, die den Coach am meisten interessieren. Denn einem Fußballlehrer wie Streich sind die Fortschritte seiner Elf am wichtigsten (wobei sich das ja immer leicht sagen lässt, wenn die Resultate stimmen). „Rekorde bedeuten mir gar nichts“, sagte der Coach also: „Wichtig ist die gute Entwicklung der Mannschaft und der Einzelspieler. Und ich bin sehr erfreut über die Art und Weise, wie die Mannschaft auftritt und jeder für den anderen arbeitet.“

Tatsächlich präsentiert sich das Team Streichs, der von seinem Kölner Kollegen Markus Gisdol als „bester Trainer der Liga“ bezeichnet wurde, in den vergangenen Wochen als perfekt aufeinander abgestimmte Einheit.

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Vor sieben Wochen war das noch anders. Nach dem ernüchternden Heimauftritt beim 1:3 gegen den FSV Mainz 05 hatte Streich seinen Ton verschärft. Die Pleite wirkt nun im Nachhinein wie ein Weckruf – Freiburg machte damals nicht mehr das, was es sonst meist tut: kompakt sein, für den anderen rennen und kämpfen, defensive Räume schließen und eklig für den Gegner sein, wie sie das beim Sportclub gerne hervorheben. Und weil es auch in der Offensive nicht lief, stand der SC nach diesem 1:3 gegen Mainz mit sechs Punkten aus acht Spielen schlecht da.

Jetzt ist alles anders – weil sich der SC aus dem Schlamassel zog. Vor der jüngsten Siegesserie gab es ein hart erkämpftes Unentschieden beim FC Augsburg und ein weiteres Remis gegen Borussia Mönchengladbach. Bei diesen Partien funktionierten die Freiburger Automatismen langsam wieder, die da heißen: Jeder muss alles können auf dem Platz. Die Stürmer sind unter Streich die ersten Verteidiger, die Innenverteidiger die ersten Spielmacher und die zentralen Mittelfeldmänner Abräumer und Spielgestalter in einem.

Demirovic startet durch

Die Geduld Streichs mit seinen Neuzugängen Baptiste Santamaria (zentrales Mittelfeld) und Ermedin Demirovic (Angriff) zahlte sich dabei aus – denn nach schwieriger Eingewöhnungsphase haben sich die beiden zu Leistungsträgern entwickelt. Mit all den Tugenden, die in Freiburg wichtig sind.

Insbesondere der Deutsch-Bosnier Demirovic, der sich beim FC St. Gallen unter Trainer Peter Zeidler (ehemals Stuttgarter Kickers) für höhere Aufgaben empfahl, überzeugt mit seiner Wucht, seinem Einsatz und nun auch Torgefahr – und verdrängte die bewährten Angriffskräfte Nils Petersen und Lucas Höler auf die Bank.

Jetzt also wartet der FC Bayern auf die Mannschaft der Stunde der Bundesliga. Als es am Samstagabend nach dem 5:0 gegen Köln irgendwann um den nächsten Freiburger Gegner ging, zuckte Trainer Streich mit den Schultern und sagte dies: „Puh. Die Bayern haben jetzt 2:0 in Gladbach geführt und dann 2:3 verloren, da können sie sich vorstellen, was da los ist.“

Gelassenheit vor dem Bayern-Spiel

Wird der SC jetzt also von wütenden Bayern überrollt? „Wir haben es ein paarmal schon richtig gut gegen sie gemacht“, sagte Streich noch: „Und wenn sie uns auseinandernehmen, weil sie so gut sind, ist es halt so.“ Streich weiß, dass er sich diese Gelassenheit gerade leisten kann. Was er nicht mehr sagte, aber auch weiß: Wenn Freiburg so spielt wie zuletzt und auch Bayern so spielt wie zuletzt, dann ist für den SC etwas drin in München.

Es hat schon schlechtere Ausgangslagen gegeben für den SC und seinen Coach.

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