Es sind sehr unterschiedliche Welten: Bücher, oft viele Jahre alt, und Mode, die nur eine Saison hält. Mit den neuesten Büchereiplänen der Stadt Esslingen kommen beide Welten auf eigenartige Weise zusammen.
Es ist ganz nah an einem der belebtesten Orte Esslingens, dem Marktplatz, und doch ein wenig abseits: die Heugasse 9. In dieser engen und romantischen Gasse ist die Esslinger Bücherei beheimatet. Läuft eine Fußgängerin ein paar Meter durch die Gasse und biegt dann auf den Rathausplatz, bietet sich ihr ein neues Bild: Sie steht vor dem Postmichelbrunnen. Von hier aus öffnet sich die verwinkelte Altstadt und bietet einen verhältnismäßig weiten Blick in die sehr viel breitere Ritterstraße hinein. Das ist der Standort des Modehauses Kögel, das in wenigen Monaten schließt. Die Bücherei könnte in zwei der Kögel-Gebäude ziehen, so eine Idee aus dem Rathaus. In dem früheren Pfleghof in der Heugasse würde sich dann ein städtisches Kulturquartier etablieren. Museen fänden hier womöglich Platz, und es könnte Räume geben, in denen sich Familien oder Seniorinnen und Senioren treffen. Über diese Ideen wird in den kommenden Monaten nachgedacht, diskutiert und gestritten werden. Eine Entscheidung fällt nicht morgen und auch nicht übermorgen. Dennoch, da diese Gedanken ausgesprochen wurden, ist es ein guter Augenblick, sich die beiden Häuser näher anzusehen.
Die Lage Beide Häuser sind nur rund hundert Meter voneinander entfernt, doch die verwinkelte Altstadt Esslingens mit ihren zahlreichen Perspektivwechseln für Spaziergänger bringt es mit sich, dass die Heugasse anders wirkt als der Platz am Postmichelbrunnen. Die Heugasse hat das typische Mittelalterflair der Esslinger Altstadt, während sich der Platz hinter dem Alten Rathaus größer, heller, neuzeitiger und geschäftiger präsentiert.
In unmittelbarer Nachbarschaft des Modehauses liegt die Sektkellerei Kessler, die vor allem an Samstagen ein wichtiger Treffpunkt für die Stadtgesellschaft ist. Außerdem steht dort noch das Alte Rathaus, in dem Sitzungen des Gemeinderats, aber auch zahlreiche andere öffentliche Veranstaltungen stattfinden, private ebenso wie öffentliche. Dazu Cafés, Boutiquen, ein Biergarten, ein Lebensmittelladen. Es ist ein sozialer Ort, wo sich viele Menschen mit unterschiedlichen Interessen treffen.
Die Heugasse dagegen ist eher ein Weg, der von Flaneurinnen und Flaneuren durchquert wird, wo ein Tourist auch mal stehen bleibt, um ein Foto zu machen. So jedenfalls dürften es auswärtige Besucherinnen und Besucher sehen. Für diejenigen aber, die zielgerichtet die Bücherei aufsuchen, um dort zu lesen, zu arbeiten oder ein Buch auszuleihen, spielt es keine Rolle, ob sie in der Heugasse oder am Fischbrunnen landen. Die Strecken von der Bushaltestelle oder dem Parkhaus sind weitgehend gleich.
Die Häuser Das Gebäude des Bebenhäuser Pfleghofs in der Heugasse, dass seit 1989 die Bücherei beherbergt, ist fast 800 Jahre alt und verwinkelt. Die für die Bücherei infrage kommenden Gebäude am Postmichelbrunnen sind deutlich jünger, rund 100 Jahre alt – und gleichfalls verwinkelt. Ansonsten haben die beiden Häuser am Postmichelbrunnen, die mit einem Übergang aus den 1970er Jahren verbunden sind, einen ganz anderen Charakter als der Pfleghof.
Im Innern „Braucht eine Bücherei so viel Platz?“, fragt ein Besucher des Modehauses, angesprochen auf die Bücherei-Pläne. Tatsächlich wirkt alles sehr viel geräumiger als im Büchereigebäude, was unterschiedliche Ursachen haben dürfte. Zum einen sind die Treppenhäuser großzügig gestaltet mit viel Glas und Licht. Zum anderen gibt es zahlreiche Schaufenster – große Fenster, die natürliches Licht hineinlassen und den Blick nach draußen erlauben. Was ebenfalls den Eindruck einer gewissen Weite verschafft, ist die Einrichtung: Hier hängen Kleidungstücke. Das ist etwas anderes als Bücherregale, in denen die Bücher wie Steine dicht an dicht aneinanderkleben und zu Wänden werden, die die Räume verengen. Möglicherweise würde sich das Bild verändern, wenn im Pfleghof die Kleidung hinge und bei Kögel die Bücher stünden.
Der Pfleghof dagegen wird einer Bücherei im alten Stil sehr viel gerechter: Hier herrscht eher Harry-Potter-Romantik als Neue Sachlichkeit. Vermutlich macht dies einen Teil der Wehmut aus, den Menschen empfinden, wenn sie sich vorstellen, dass es diese Bücherei eines Tages an diesem Ort nicht mehr geben könnte. Eine alte Holztreppe führt in das oberere Stockwerk, wo sich die Bücherei in zahlreichen kleinen Zimmern verteilt. Prägend sind die Regale, überall kleine Arbeitsecken, und es gibt aber auch einen etwas luftigeren Raum mit mehreren Arbeitsplätzen. Einmalig ist der Innenhof gleich neben dem Café nahe dem Eingangsbereich sowie der Kutschersaal. Beides würde auch bei einem Umzug nicht verschwinden – nur wären dann Hof und Saal Teil der Kulturquartiers.