Der Bau 3 des Polizeiareals an der Pragstraße wird geräumt. Was mit dem Gebäude passiert, ist offen – unter Umständen könnte das gesamte Gelände neu geplant werden. Foto: Lichtgut/Max Kovalenko

Hunderten Stuttgarter Polizisten stinkt’s gewaltig. Die Luft in einem Gebäude an der Pragstraße ist so schlecht, dass durch mehrere Gutachten eine Gesundheitsgefährdung ausgeschlossen werden musste. Jetzt beginnt das große Stühlerücken.

Stuttgart - Der Polizist ist verärgert. „Das ist zeitweise nicht auszuhalten da drin“, sagt er und winkt ab. Gemeint ist ein Dienstgebäude im Polizeiareal Pragstraße 136. Schwangere Kolleginnen dürften in dem Haus schon länger nicht mehr arbeiten, andere wehrten sich von selbst dagegen, weil merkwürdige Dämpfe austräten. „Das ist nicht zumutbar“, sagt der Beamte. Und darf sich freuen. Denn die Verhältnisse werden sich bald ändern. Das zieht größere Bewegungen bei der Stuttgarter Polizei nach sich.

Vor etwa 30 Jahren hat die Polizei das große Gelände an der Pragstraße bezogen. Bevor es ans Land überging, war es ein Industriestandort. Im fraglichen Gebäude auf der Rückseite wurden wohl Kugellager hergestellt. Dass das die Ursache des mysteriösen Gestanks ist, kann man bei der Polizei aber nur vermuten. „Fakt ist: die Raumluftproblematik dort ist ein Thema, seit die Polizei eingezogen ist“, sagt Sprecher Stefan Keilbach. Die Belegschaft klage immer wieder zu verschiedenen Zeiten und an unterschiedlichen Orten im Gebäude über schlechte Luft. Deshalb hat es in den Jahren 1989, 2009 und 2015 Gutachten gegeben. Allerdings ohne klares Ergebnis. Auch punktuelle Sanierungsarbeiten brachten keine Verbesserungen.

„Anfang 2017 hat man das Landesgesundheitsamt eingeschaltet“, sagt Keilbach. Das sei auch deshalb erfolgt, weil von Mitarbeitern in dem Gebäude der Verdacht geäußert wurde, dass krebserregende Substanzen in der Luft seien. „Das ist aber nicht der Fall“, betont Keilbach. Auch statistisch gebe es dort nicht mehr Krebsfälle als anderswo. Es seien zwar Chlor und andere Stoffe gefunden worden, aber nicht in gesundheitsgefährdender Menge. Schwangere seien vorsorglich in andere Dienststellen umgezogen. Einige Kollegen hätten sich zudem auf Polizeikosten untersuchen lassen – ohne auffälliges Ergebnis. „Dennoch gab es die Entscheidung, dort möglichst keine Dauerarbeitsplätze mehr zu belassen“, so der Polizeisprecher.

Polizei muss zusammenrücken

Das bedeutet, dass 300 Polizisten ein anderes Dienstgebäude brauchen. Dazu gehören die Einsatzhundertschaft, der technische Teil des Führungs- und Einsatzstabes, die Datenverarbeitung und Teile der Kriminalpolizei. Das hat Folgen. „Die Polizei sucht überall Räume“, so Keilbach. In diversen Dienstgebäuden, auch im Präsidium an der Hahnemannstraße, wird kräftig zusammengerückt. „Die ersten 60 Kollegen sind bereits umgezogen, der Rest soll im neuen Jahr folgen“, so Keilbach. Nur Umverteilen in andere Dienststellen reicht aber nicht aus.

Jetzt scheint ein neues Quartier für den Großteil der Heimatlosen gefunden. Dem Vernehmen nach sollen die Einsatzhundertschaft und mehrere Kriminalinspektionen in den Fasanenhof ziehen. Genauer gesagt in ein ehemaliges EnBW-Gebäude im Industriegebiet am Eichwiesenring. Offenbar gibt es an diesem Standort aber noch einiges zu tun, vor allem in Sachen Brandschutz. Über die möglichen Kosten und den genauen Termin ist noch nichts bekannt.

Was mit dem belasteten Gebäude im Areal Pragstraße passiert, ist noch offen. Bei der Polizei hofft man darauf, dass die Verteilung der Kollegen auf den Fasanenhof und andere Dienststellen nur eine vorübergehende Lösung ist. Dort wünscht man sich einen Abriss des alten Gebäudes mit anschließendem Neubau, um die Kollegen wieder an einem Standort bündeln zu können. In einem Haus, in dem es keine dicke Luft mehr gibt.

Große Lösung denkbar

Ob es so kommt, ist aber offen. „Wir müssen jetzt zunächst einmal schauen, dass wir die Betroffenen aus dem Gebäude herausbekommen“, heißt es beim Amt Stuttgart des Landesbetriebs Vermögen und Bau Baden-Württemberg. Man müsse sich, obwohl nur ein Gebäude des Areals Pragstraße 136 dieses offensichtliche Defizit habe, Gedanken über die Gesamtanlage machen. Schließlich handle es sich um ein ehemaliges Gewerbeobjekt, das nie passgenau auf die Polizei zugeschnitten gewesen sei. Wirtschaftlich sei es deshalb möglicherweise nicht die sinnvollste Lösung, nur dieses eine Gebäude neu zu errichten. Man müsse deshalb auch eine „große Lösung“ prüfen. Dabei wäre aber auch die Landespolitik einzubeziehen, denn ein Komplettabriss samt Neubau würde hohe Kosten nach sich ziehen. Eine Prüfung und Entscheidung dieser Frage soll im nächsten Jahr erfolgen.

Wie auch immer die Zukunft aussieht – den Beamten an der Pragstraße dürfte mit dem jetzt bevorstehenden Umzug für den Anfang geholfen sein. Das Gebäude im Fasanenhof, heißt es bei der Polizei, sei auf jeden Fall eine gute Lösung – und auch von der Lage her geeignet.

Hat Ihnen der Artikel gefallen? Jetzt teilen: