Dienstagabend im Theaterhaus: Der emeritierte Professor Bernd Konrad, Protest gegen die Schließung des Jazz-Studiengangs Foto: Thomas Staiber

Musikhochschulen: Der Staatssekretär bleibt zunächst hart, die Ministerin reist aufs Land, und der Protest der Studenten geht weiter.

Stuttgart - Der Staatssekretär stellt sich

Die Stimmung der Stuttgarter Jazz-Studenten ist am Mittwochnachmittag in der Stuttgarter Innenstadt getrübt: Der heftige ­Regen erschwert die geplante Demonstration. Außerdem dürfte auch das Resultat des stummen Protests am Vorabend im Theaterhaus nachwirken, der rund um die Verleihung des Landesjazzpreises stattfand. Kunststaatssekretär Jürgen Walter, der sich für eine vollständige Verlagerung des Studiengangs Jazz nach Mannheim starkmacht, signalisierte zwar ­Gesprächsbereitschaft, stellte aber auch ­unmissverständlich fest: „Ich bin ein Freund von Zusammenlegungen.“

Und das, obwohl Bernd Konrad, Gründer und langjähriger Leiter des Stuttgarter Studiengangs, deutlich machte: „Ein Jazzstudium ist ohne begleitende Klassik-Kurse nicht denkbar.“ Solche würde es nach den Plänen Walters in Mannheim zukünftig nicht mehr geben.

Die Stuttgarter Jazzszene ist zu Recht alarmiert, denn ihr droht die Austrocknung: „Wir können es uns nicht leisten, von Mannheim nach Stuttgart zu fahren, um dort zu spielen“, erklärte im Theaterhaus der frisch gekürte Landesjazzpreisträger Sandi Kuhn, „dafür sind die Gagen zu niedrig.“

100 Konzerte in der Kiste

Konkrete Zahlen nennen die Betreiber des Jazzclubs Kiste: 300 Vorstellungen im Jahr mit insgesamt 11 000 Besuchern hätten sie derzeit zu verzeichnen, erklärt der Vorsitzende Michael Greulich, „außerdem finden seit vier Jahren auf dem Schlossplatz im Musikpavillon die ,Jazzstadt Stuttgart‘-Konzerte statt. Beide Initiativen werden zum erheblichen Teil von Jazz- und Pop-Studenten der Musikhochschule getragen. Etwa ein Drittel der Konzerte in der Kiste werden von ihnen gespielt.“ Die Entscheidung des Kunstministeriums sei ein harter Schlag: „Sie missachtet die Stuttgarter Jazzszene, indem sie ihr den jungen, innovativen, professionellen Anteil wegnimmt: 60 Studenten und ihre Lehrer.“

Experte gegen Schließungen

Auch aus einer ganz anderen Richtung kommt Kritik. Der Saarbrücker Musikprofessor Georg Ruby, den Jürgen Walter als Experten hinzugezogen hatte, möchte Missverständnissen vorbeugen: „Ich habe niemals empfohlen, einen Jazz-Studiengang – weder den in Stuttgart, noch den in Mannheim – zu schließen!“, schreibt er. Und weiter: „Alle fünf eingeladenen ExpertInnen hatten sich im Vorhinein gegen eine mögliche Instrumentalisierung in einer Rolle als ,Sparkommissare‘ verwahrt, die für das Ministerium als Feigenblatt dienen könnte, Kürzungen oder Schließungen zu legitimieren.“

Er habe, und so hat Walter es auch gegenüber unserer Zeitung formuliert, eine Konzentration an einem Ort empfohlen, einen „großen Jazz-Studiengang, der mit den beiden ,Elefanten‘ in Deutschland, Köln und Berlin, konkurrieren kann. Wie man aus diesen Einschätzungen herauslesen soll, ich sei für eine Schließung des Ausbildungsgangs Jazz in Stuttgart, ist mir ein Rätsel.“ Dass eine Konzentration an einem Standort nicht notwendig komplette Schließungen andernorts zur Folge haben muss, liegt auf der Hand – diese Konsequenz hat die Politik unter Sparzwang also ohne Zutun der Experten gezogen.

Die Ministerin stellt sich

„Zeitnah“ möchte Baden-Württembergs Ministerin für Wissenschaft, Forschung und Kunst, Theresia Bauer, nach Trossingen fahren, um an der dortigen Musikhochschule „für das Konzept zur Weiterentwicklung der Musikhochschulen zu werben“, um „ernsthafte Gespräche über die Chancen für die Region zu führen“ und die Idee der Hochschul-Akademie näher zu erläutern. Bauer widersprach der Einschätzung, die für Trossingen vorgeschlagene neue Struktur sei eine Vorstufe zur Schließung. Das Gegenteil sei der Fall: Das Gesamtkonzept zur Weiterentwicklung der Musikhochschulen in Baden-Württemberg stehe unter dem Leitgedanken der Qualitätsverbesserung durch Profilierung und Schwerpunktbildung. So sei der künftige Schwerpunkt „Elementare Musikpädagogik“ ein Gebiet, das zunehmend wichtiger werde. Die Alte Musik, der zweite Schwerpunkt, den Trossingen laut dem Eckpunktepapier des Ministeriums ausbauen soll, weise nirgendwo sonst in Baden-Württemberg eine entsprechende Qualität auf. Deshalb sei der Standort hierfür prädestiniert.

Derweil legte die Studentenvertretung im Trossinger Asta dem Vorsitzenden der Landesrektorenkonferenz und Rektor der Karlsruher Musikhochschule, Hartmut Höll, einen Rücktritt nahe. Höll handle nicht mehr „im gemeinsamen Interesse der ­Musikhochschulen im Land Baden-Württemberg“. Es sei „grotesk und fachlich äußerst kritisch“, wenn Höll das Eckpunktepapier der Ministerin befürworte, „welches nebenbei nicht weniger als eine Zerstörung der Kulturlandschaft Baden-Württemberg bedeutet“.

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