Musikfest Stuttgart eröffnet Die Eroberung eines Kontinents

Von Susanne Benda 

Hans-Christoph Rademann und die Gaechinger Cantorey Foto: Holger Schneider
Hans-Christoph Rademann und die Gaechinger Cantorey Foto: Holger Schneider

„Krieg und Frieden“ lautet in diesem Jahr das Motto beim Musikfest der Internationalen Bachakademie. Deren Chef hat mit seiner Gaechinger Cantorey erstmals Klassisches gespielt – und das Publikum begeisterte sich für Haydns „Paukenmesse“ wie für seine „Militärsinfonie“.

Stuttgart - Zwei kurze Schläge, dann ein langer. Schnell, hart, immer wieder und wieder. Die Pauke gibt den Marschrhythmus vor. „Herr, gib uns deinen Frieden!“, singt der Chor. Das geht unter die Haut. Denn das passt gar nicht zusammen, und auch wenn man aus dem Ende des Satzes die Hoffnung herauslesen könnte, dass sich das Kriegerische schließlich auflösen möge, bleibt ein Gefühl der Unsicherheit im Raum. Dieses Gefühl und der Kontrast der Welten könnten ein Thema für Dmitri Schostakowitsch gewesen sein oder für Gustav Mahler. Zu hören indes ist ein geistliches Werk, das den Einmarsch der napoleonischen Truppen in Österreich spiegelt, und komponiert hat es Joseph Haydn. Dessen späte „Missa in tempore belli“ („Messe in Kriegszeit“) von 1796, im deutschen Sprachraum wegen ihres charakteristischen Perkussionseinsatzes auch als „Paukenmesse“ bekannt, ist eines der beiden Stücke, mit denen die Gaechinger Cantorey unter der Leitung von Hans-Christoph Rademann am Samstagabend im Beethovensaal das diesjährige Musikfest Stuttgart eröffnet hat.

Um es gleich zu sagen: Es ist ein packender Abend, enorm ausgefeilt in seinem dramaturgischen Konzept wie in seiner Darbietung. In der Messe sind Chor und Orchester auf feinste Weise vernetzt; die fahlen – niemals flachen! – Pianissimo-Stellen des Chors etwa zu Beginn des Kyrie, beim „Miserere nobis“ des Gloria (hier samtig eingebettet in Ornamente des Solocellisten Joseph Crouch) oder auch im Agnus dei sind klangfarbliche Preziosen, aufgeladen mit starkem Ausdruck. Neben Konfektioniertem, das es im Stück auch gibt, spürt der Dirigent das Besondere auf, also die Momente, die Haydn interessierten, und arbeitet sie deutlich heraus: mithilfe langer Generalpausen, subtiler Beschleunigungen und Verlangsamungen wie auch mit einer sehr flexiblen dynamischen Staffelung zumal der Bläser und Streicher.

Die Gaechinger Cantorey ist noch sicherer geworden

Als Sopranistin, deren starke emotionale Gestaltung gelegentliche stimmliche Härten vergessen lässt, hat sich die Israelin Chen Reiss schon in Haydns Szene und Arie der Berenike („Berenice che fai?“) erwiesen; nun führt sie ein sehr gutes Solistenensemble mit Stine Marie Fischer, Nicholas Mulroy und Peter Harvey an. Dass dieses vor allem dort glänzt, wo es gemeinsam agiert, ist nicht nur ziemlich außergewöhnlich, sondern steht auch für den Geist des Abends. Der Gaechinger Cantorey, so scheint es, ist mit dem ersten Schritt voran in die Klassik noch ein Stück mehr Sicherheit, Selbstverständlichkeit, vielleicht auch Selbstbewusstsein im Aufeinander-Reagieren zugewachsen, und diese Qualität kann man hören: in den Phrasierungen, in der Artikulation, in der klangfarblichen Differenzierung. Und vielleicht auch in einer Spur von Leichtigkeit.

Diese entdeckt man gleich zu Beginn bei Haydns sogenannter Militärsinfonie (Nr. 100) von 1794: beim von den Streichern fast tänzerisch leicht genommenen Eingangs-Allegro, bei den dort wie selbstverständlich zueinander findenden Bläserpaaren. Haydns Musik braucht – in diesem motivisch so dicht verwobenen Stück ganz besonders – genau jene Klarheit und Durchsichtigkeit, die Hans-Christoph Rademann ihr angedeihen lässt. Sie braucht das Aufeinander-Hören der Musiker, sie braucht ein (gewachsenes) Stilbewusstsein, und sie braucht Gelassenheit – auch aufseiten des Dirigenten.

Dies alles ist reichlich vorhanden, und so hört man eine hinreißende Darbietung eines hinreißenden Stücks. Der pastellene, leicht gedeckte Klang des Orchesters dämpft die Dramatik nur auf den ersten Eindruck – hat man sich einmal eingehört, dann schrecken schon im ersten Satz die Trompetenfanfaren, dann tönt die Janitscharenmusik im zweiten Satz so böse ins musikalische Idyll hinein wie die Dorfmusik durch das Fenster von Mahlers Komponierhäuschen. Weil hier das Militärische alles durchdringt, hat im Menuett die Pauke ihre Unschuld verloren, und dass im Finale, vor zwei sehr lang gehaltenen Generalpausen, in denen man ins Nichts zu blicken meint, erneut Triangel, Becken und Trommel auftreten, hat etwas fürchterlich Zwangsläufiges.

Das Publikum begeistert sich, und man freut sich, dass es, schlechten Vorverkaufszahlen zum Trotz dennoch den Beethovensaal angemessen füllt. Mit gutem Grund: Haydns Sinfonien sind im Konzertalltag zwar oft zu Einspielstücken verkommen, gehören aber zum Aufregendsten, was die Musik der Vergangenheit zu bieten hat. Den in vielen Bereichen noch unentdeckten Kontinent Haydn für Stuttgart neu zu erobern: Das wäre auch für die Zukunft eine feine, fordernde Aufgabe für den Leiter der Bachakademie und sein glänzendes Ensemble.

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