Das Trio Les inAttendus in der Stiftskirche Foto: Holger Schneider

In ungewöhnlicher Besetzung hat das französische Trio Les inAttendus beim Musikfest Stuttgart in der Stiftskirche Bachs „Die Kunst der Fuge“ gespielt.

Es ist ein monströses Werk: „Die Kunst der Fuge“. In seiner letzten Komposition überhaupt hat Johann Sebastian Bach sämtliche kontrapunktischen Möglichkeiten ausgereizt: von Kanons über Doppel-, Tripel- und Gegenfugen bis zu sogenannten Spiegelfugen, in denen der Satz mit umgekehrten Intervallen wiederholt wird. Dass das Werk bei solch äußerster technischer Komplexität gleichwohl Musik bleibt, sprich: hörend zu genießen ist, darin besteht wohl sein eigentliches Wunder.

 

Diese Kombi ist ungewöhnlich

Eine konkrete Besetzung dafür hat Bach nicht vorgegeben, und so haben sich im Lauf der Zeit alle möglichen Solisten und Ensembles daran versucht. Organisten und Pianisten vor allem, dazu Streichquartette und Orchester, aber auch Formationen wie Blockflöten- und Saxofonquartette. Das französische Trio Les inAttendus (deutsch: Die Unerwarteten) nun, das Teile aus Bachs Opus magnum am Donnerstagabend innerhalb der Musikfest-Reihe „Sichten auf Bach“ in der Stuttgarter Stiftskirche gespielt hat, kann in diesem Kontext durchaus eine Ausnahmestellung für sich reklamieren: Einspielungen mit Violine, Akkordeon und Viola da Gamba waren bisher nicht bekannt.

Eine ungewöhnliche Besetzung allein ist freilich nicht schon per se eine Qualität, denn welche Instrumente für „Die Kunst der Fuge“ passen, lässt sich durchaus an Kriterien festmachen: Diese reichen von technischer Realisierung über die Möglichkeiten adäquater Artikulation bis zu klangfarblichen Aspekten – wobei es letztendlich darum geht, inwieweit der musikalische Gehalt vermittelt wird. Wer nun die CD-Aufnahme des Trios von „Die Kunst der Fuge“ hört, entdeckt da viel Positives, ist doch die Klangmischung der drei Instrumente allein schon von erheblichem Reiz: Fein und apart tönt das zusammen, eine Labsal für die Ohren, zumal die technischen Fähigkeiten von Alice Piérot (Violine), Marianne Muller (Viola da Gamba) und Vincent Lhermet (Akkordeon) über alle Zweifel erhaben sind.

Die Violine ist das dominierende Instrument

In der Liveaufführung, ohne klangtechnische Kompensation, offenbarten sich in der übersichtlich besetzten Stiftskirche aber auch die Schwächen dieser Besetzung, vor allem, was die Ausgewogenheit der Stimmführung anbelangt. Denn die Violine ist das dominierende Instrument, dem gegenüber das dezente Knopfakkordeon und vor allem die dynamisch weit unterlegene Gambe klanglich in den Hintergrund rücken. An die Stelle von Durchhörbarkeit polyfoner Strukturen tritt so ein legatosatter Klangfarbenreiz. Das kann, muss aber nicht gefallen.