Die Szene aus „Fame“, die jedem im Gedächtnis geblieben sein dürfte: Die ganze Schule tanzte zum Titelsong in New Yorks Straßen. Foto: imago/United Archives/imago stock&people

„Fame“ ist nicht nur ein Filmmusical, sondern auch eine anrührende Coming-of-Age-Geschichte – gerade weil der Film das Künstlerleben nicht eben rosig darstellt. Vor 40 Jahren kam er in den USA in die Kinos.

Stuttgart - Eine junge Frau, ein Mädchen noch, sitzt zusammengesunken auf einem Stuhl in einem leeren Treppenhaus. Die Balletttänzerin Hilary van Doren träumt davon, auf den großen Bühnen der Welt zu stehen – als ihr (Achtung, 40 Jahre alter Spoiler!) eine ungewollte Schwangerschaft in die Quere kommt. In der Abtreibungsklinik hält Schauspielerin Antonia Franceschi einen herzzerreißenden Monolog: „Wissen Sie, ich hatte immer diesen verrückten Traum, dass ich alle klassischen Rollen tanze, bevor ich 21 werde. Ich will Giselle tanzen und Coppélia. Und Dornröschen und Schwanensee. Ich will bejubelt werden in Stuttgart und Leningrad und Paris. (...) Da ist einfach kein Platz für ein Baby.“

Richtig gelesen: Stuttgart. Für Tänzer hat der Name einen besonderen Klang, seit John Cranko in den 1960er und 70er Jahren aus dem Kessel heraus die Tanzwelt revolutionierte. Und so hat die Landeshauptstadt auch ihren Weg in einen Filmklassiker der 1980er Jahre gefunden: „Fame“. Vor 40 Jahren, am 16. Mai 1980, kam er in den USA in die Kinos – und löste eine zweite Tanzfilmwelle aus, die Streifen wie „Flashdance“ (1983) oder „Dirty Dancing“ (1987) hervorbrachte.

Die Filmwissenschaftlerin Kristina Köhler hat sich intensiv mit dem Genre beschäftigt: „In den 1970er Jahren rollte bereits die Discofilmwelle durch die USA. ‚Fame‘ passt perfekt in seine Zeit.“ Schließlich hatte die Fitnessbewegung das Land ergriffen: „Das schlug sich auch in der Mode nieder – Stulpen, Leggins, Schweißbänder waren in.“ Genau das, was auch die „Fame“-Kids trugen.

„Ihr bekommt es nicht leicht gemacht, weil ihr talentiert seid“

Das Filmmusical mit Irene Cara in der Hauptrolle (die auch den gleichnamigen Titelsong sang) begleitet Schüler der New Yorker „High School of Performing Arts“ auf ihrem „Weg zum Ruhm“, wie der deutsche Titel lautet. Und der ist steinig: „Das ist keine Micky-Maus-Schule“, trichtert die Englischlehrerin Mrs. Sherwood (furchteinflößend gespielt von der inzwischen verstorbenen Anne Meara) ihren Schülern ein. „Ihr bekommt es nicht leicht gemacht, weil ihr talentiert seid. Ihr müsst doppelt so hart arbeiten. Mir ist egal wie gut ihr tanzt, oder wie niedlich ihr seid oder wie viele Tutus ihr habt.“ Die New Yorker High School, die sich ganz den Künsten verschrieben hat, gibt es tatsächlich. Heute heißt sie Fiorello H. LaGuardia High School und zählt Stars wie Jennifer Aniston oder Timothée Chalamet zu ihren Alumni. Jährlich bewerben sich unzählige Schüler, genommen wird nach einem harten Auswahlverfahren nur ein Bruchteil.

Im Mittelpunkt des Films von Alan Parker stehen acht Schüler mit großen Plänen: Die kesse Coco (Irene Cara). Der stille Montgomery (Paul McCrane). Der großmäulige Ralph (Barry Miller). Das Mauerblümchen Doris (Maureen Teefy). Die kapriziöse Hilary (Antonia Franceschi). Bruno (Lee Curreri), das musikalische Wunderkind. Leroy (Gene Anthony Ray), für den Tanzen die einzige Chance auf ein besseres Leben bedeutet. Und Lisa (Laura Dean), die erkennen muss, dass sie nie gut genug für die Ballettbühne sein wird. „Sie vertreten alle eine andere Herkunft, eine bestimmte soziale Schicht. Aber all diesen Charakteren gemein ist das Streben nach dem amerikanischen Traum“, sagt die Mainzer Juniorprofessorin Köhler. „Die Botschaft: Du kannst es schaffen, egal woher du kommst.“

Musikfilm und anrührende Coming-of-Age-Geschichte

Die rasante Inszenierung von Parker, die Oscar-prämierte Musik von Michael Gore und Dialoge, bei denen mit „Fuck“ und „Shit“ nicht gespart wurde und die so klangen, wie Jugendliche in New York sich eben nun mal unterhalten – der Film wurde zum Hit. Gerade auch deshalb, weil „Fame“ eben nicht nur ein Filmmusical ist, sondern eine anrührende Coming-of-Age-Geschichte, die die Realität junger Kulturschaffender nicht in rosa Tünche taucht. Da wird auch gescheitert, und das nicht zu knapp, da lösen sich Träume in Luft auf und Filmproduzenten wollen plötzlich, dass man die Bluse auszieht, wenn man Probeaufnahmen haben will. „Alles, was dir je versprochen versprochen wurde, waren sieben Stunden Unterricht am Tag und ein warmes Mittagessen“, sagt ein Charakter an einer Stelle des Films. Was und ob du daraus etwas machst, ist deine Sache.

Für einen Musicalfilm ist „Fame“ geradezu düster. Er zeigt das harte, heruntergekommene, schmuddlige New York, bevor Rudy Giuliani die Metropole auf Hochglanz brachte. „Parker hatte selbst in der echten High School recherchiert, die Schüler beobachtet. Das merkt man dem Film an, er wirkt manchmal beinahe dokumentarisch“, sagt Köhler. Die Schulbehörde untersagte Parker aber, den Film in der „High School of Performing Arts“ zu drehen – zu provokant waren Plot und Sprache. Doch Parker schuf Bilder, die heute beinahe ikonisch sind: Beispielsweise die Szene „Hot Lunch“, in der das Durcheinander einer überfüllten Schulkantine in eine mitreißende Musiknummer übergeht. Oder der Moment, wenn die ganze Schule zum Titelsong „Fame“ in New Yorks Straßen tanzt. Und wer könnte das bombastische Finale vergessen, die Abschlussaufführung der Absolventen, die in „I Sing the Body Electric“ Musik, Gesang und Tanz miteinander vereint? Wer hier keine Gänsehaut bekommt, ist selbst schuld.

Nicht allen brachte „Fame“ langfristig Ruhm

Der Film war so erfolgreich, dass 1982 ein Serien-Spinoff ins Fernsehen kam. TV-„Fame“ brachte es auf sechs Staffeln. Teilweise wurden die Rollen sogar mit den selben Schauspielern besetzt, die schon im Kinofilm zu sehen waren. Irene Cara wurde durch den Film zum Star: Der von ihr gesungene Titelsong „Fame“ holte den Oscar für den besten Song, zwei Jahre später bekam sie in der selben Kategorie den Goldmann für „Flashdance... What A Feeling“, den Titelsong des gleichnamigen Films. Cara veröffentlichte drei Studioalben, bevor es in den 1990er Jahren ruhiger um die Sängerin wurde. Paul McCrane und Debbie Allen starteten nach „Fame“ erfolgreiche Fernsehkarrieren.

Andere ihrer Schauspielkollegen hatten weniger Glück: Manche gerieten nach „Fame“ in Vergessenheit, schlugen Lebenswege abseits des Showbusiness ein. Gene Anthony Ray, der den rebellischen Leroy spielte, hatte Probleme mit Alkohol und Drogen, wurde obdachlos und starb 2003 im Alter von nur 41 Jahren. Unvergessen ist die Szene, in der Leroy nach einem Showdown mit der Englischlehrerin Mrs. Sherwood zu lateinischen Chorgesängen in der Schulbibliothek die Bücherschränke zertrümmert. Mit seiner Figur hatte Ray vermutlich einiges gemein: Er war selbst Schüler der „High School of Performing Arts“, bevor er ohne Abschluss von der Schule flog – wegen schlechtem Benehmen.

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