Von Liane zu Liane schwingend hat Tarzan im Jahr 2006 zunächst den New Yorker Broadway erobert. 2008 war Hamburg dran. Jetzt hat das Musical mit der Musik von Phil Collins im Apollo-Theater Stuttgart-Premiere gefeiert. Dem Publikum wird aufwendig inszeniertes Illusionstheater geboten.

Von Liane zu Liane schwingend hat Tarzan im Jahr 2006 zunächst den New Yorker Broadway erobert. 2008 war Hamburg dran. Jetzt hat das Musical mit der Musik von Phil Collins im Apollo-Theater Stuttgart-Premiere gefeiert. Dem Publikum wird aufwendig inszeniertes Illusionstheater geboten.

Stuttgart - Es ist ein Anfang mit Schrecken – und eine packende Show. Es blitzt, und noch bevor das elektronisch heftig verstärkte Musikerensemble im Orchestergraben den ersten Ton gespielt hat, lässt ein lauter Donnerschlag aus den Lautsprechern das Publikum zusammenzucken. Ein Schiff geht unter, seine Konturen sieht man auf dem Bühnenvorhang. Dahinter schwanken ein Mann, eine Frau, ein Baby im Sturm. Das nächste Bild verschiebt in einem raffinierten Perspektivwechsel die waagerechte Ebene in die Senkrechte – dort hängen der Vater, die Mutter und das Kind an der rückwärtigen Bühnenwand, die den Schiffbrüchigen ein rettender Strand sein soll.

Schon der Beginn von „Tarzan“ macht deutlich, was an diesem Abend im Mittelpunkt stehen soll: Der Slogan vom „spektakulärsten Musical unserer Zeit“, mit dem der Veranstalter auf Plakaten für das Stück wirbt, soll unbedingt und nachdrücklich bestätigt werden.

Das gelingt tatsächlich. „Tarzan“ ist ein Muskelspiel, eine Show der artistischen Superlative. Und das Theater wird zum Urwald. Über den Köpfen des Publikums schwingen sich Gorillas an Seilen hin und her; allein Tarzan, liest man im Programmbuch, bewege sich zu 80 Prozent in der Luft, 300 Flugeinsätze soll es insgesamt geben, und die Flugbahnen seien bis zu 30 Meter lang. Solisten und Ensemble ahmen allesamt exzellent die Bewegungsmuster von Gorillas nach. Das springt, das schwingt, das klopft sich auf die herausgestreckte Brust, das macht „Hu, hu“, das geht schwerfällig auf zwei und leichtfüßig auf vier Beinen. Andreas Lichtenberger als Gorillaboss Kerchack, zerrissen zwischen Tier und Mensch, Gefühl und Verstand, macht sich so auf geradezu anrührende Weise zum Affen.

Packendes Illusionstheater

Sogar im Kopfstand wird hier noch gesungen, und im Zusammenwirken mit fantasievollen Kostümen von Blumen, Insekten sowie einer Riesenspinne und einem durch zauberhafte Projektionen ergänzten grünen Dschungel-Bühnenbild entsteht ein packendes Illusionstheater.

Gesungen wird ebenfalls gut – am besten vom schon erstaunlich reifen, abgeklärten Darsteller des Kindes Tarzan, Simon Vollmer, und von dessen Affenmutter Melanie Ortner. Als Mann Tarzan perfektioniert Gian Marco Schiaretti vor allem die körperliche Leichtigkeit und Virtuosität des Jungen; es ist nur schade, dass man sein Deutsch ebenso schlecht versteht wie das des ziemlich klischeemäßig schwulen, aber spielerisch starken Affenfreunds Terk (Emanuele Caserta). Und an Merle Hochs Jane gefällt vor allem die Hingabe bei der Darstellung.

Warum sich die junge Engländerin am ­Ende eines kaum enden wollenden Endes doch für das Leben im Dschungel entscheidet, kann sie allerdings nicht deutlich machen. Das verwehrt ihr das Stück. „Tarzan“ tritt (vor allem im zweiten Teil) heftig auf der Stelle, hat viele dramaturgische Durchhänger und psychologische Leerstellen, und die Klischees, die es zitiert, wird es sogar dann nicht los, wenn der penetrant politisch korrekte Professor Porter (Japeth Myers) wieder einmal so tut, als könne es zwischen Herrschern und Kolonialisierten Gespräche auf Augenhöhe geben.

Musik enttäuscht

Die gibt es natürlich nicht. Nicht einmal in den oft skurrilen ersten Dialogen zwischen Tarzan und Jane, denn dort steht von Anfang an fest, wer sich hier wem anpassen muss. Dass sich am Ende des Stücks die Richtung der Integration auf wundersame Weise umkehrt, wirkt unmotiviert und ganz und gar nicht glaubhaft. Offenbar fällt es der vor allem mit starken Kontrasten und groben Strichen arbeitenden Gattung Musical schwer, sich von den Denkmustern des 19. Jahrhunderts zu lösen, denen Burroughs’ Erziehungsroman noch zutiefst verhaftet ist. Zeitgemäß ist die postkolonialistische Trennung zwischen Wilden und Zivilisierten in diesem Stück jedenfalls nicht.

Bleibt die Musik. Phil Collins hat sie geschrieben und dafür einen Oscar erhalten. Wenn man sie jetzt hört, weiß man allerdings nicht recht, warum, denn bis auf den Ohrwurm-Hit „Dir gehört mein Herz“ („You’ll Be In My Heart“) und ein fein ironisches, halb zärtliches, halb zänkisches Eheduett der Affeneltern (das tatsächlich mit nur zwei Harmonien auskommt), erschöpft sich der Klang von „Tarzan“ in Anklängen an afrikanische Rhythmen und Gesänge mit der Duftmarke eines platten Kulturimperialismus und in zunehmend sentimentalem Herzschmerzsound.

Wie gut also, dass es den blauen Affen Terk gibt. Der nämlich ist nicht nur immer wieder für ausgeprägte Heiterkeit im Saal verantwortlich, sondern sorgt auch für die lokale sprachliche Verankerung. „Heilig’s Blechle!“, hört man ihn seufzen. Ja, und dann wird Terk noch gefragt, wo denn Tarzan schon wieder sei. Terk schaukelt auf seiner Liane, legt den Kopf schief. „’s Äffle“, sagt er dann, „isch heut net dahoim.“

Video: Bei den Proben der "Tarzan"-Darsteller

Video: Bei den Bühnen- und Maskenbildnern des "Tarzan"-Musicals

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