Die böse Welt, die „Chicago“ mit feinem Zynismus in Szene setzt, besingt und immer wieder überzogen sexy vertanzt, sorgt auch in Stuttgart für Heiterkeit. Foto: Stage Entertainment

Das Leben, nur eine Show, in der jeder groß rauskommen will? So könnte man die Story von „Chicago“ zusammenfassen, dem Musical, das Mord unterhaltsam macht. Wir verraten, wie es uns gefallen hat.

Stuttgart - Das Leben, nur eine Show, in der jeder groß rauskommen will? So könnte man die Story von „Chicago“ zusammenfassen, dem Musical, das Mord unterhaltsam macht. Für die Nachtclubsängerinnen Roxie und Velma wird er zum Mittel, um schneller an ihre 15 Minuten Ruhm zu kommen. Beide sitzen hinter Gittern, planen mit Hilfe der korrupten Knastmatrone Mamma Morton und dem geldgierigen Anwalt Billy Flynn ihren Durchbruch.

Die „Chicago“-Plakate in Stuttgart lassen vermuten: Im Palladium-Theater, wo das Musical jetzt über die Bühne geht, erwartet das Publikum ein finsterer Blick ins Amerika der 1920er Jahre. Aber auch wenn sich die Broadway-Inszenierung bis auf die rot umrandeten Damenmünder ausschließlich in Schwarz hüllt: Im Mittelpunkt steht eine bunte Welt voller Glamour und Gier, Lüge und falscher Leidenschaft, Kalkül und Korruption.

Obwohl schon 1975 so ausgedacht, ist einem die Nachtclubszene, in der 14 formidable Musiker eine muntere Jazz-Combo geben, nicht fremd. Persönliche Vorteilnahme, die über Leichen geht? Ausbeutung Gutgläubiger? Die Inszenierung des Körpers als makellose Oberfläche und Kapitalbeschaffungsmaßnahme? Reporter, die jeden Tag einen neuen Star durchs Dorf treiben? Die böse Welt, die „Chicago“ mit feinem Zynismus in Szene setzt, besingt und immer wieder überzogen sexy vertanzt, sorgt auch in Stuttgart für Heiterkeit. Kaum einer ist irritiert, dass dieses Musical Schluss macht mit den großen Gefühlen, die man von diesem Genre gewohnt ist. Der Einzige, der hier noch Emotionen zeigt, ist folglich eine Art Dorfdepp: Volker Metzger füllt die Rolle von Roxies düpiertem Ehemann mit geradezu anrührender Naivität.

Dirigent Klaus Wilhelm darf das Geschehen kommentieren, die Tänzer kündigen an, was sie gleich tun, und sind in so vielen Rollen – als Richter, Reporter, Leichen, Liebhaber – zu sehen, dass jede zur Scha­blone wird. Immer wieder tritt das Musical einen Schritt zurück, um Raum zum Nachdenken zu schaffen. Doch mit dem Füllen dieser Freifläche tun sich die Stuttgarter Akteure noch so schwer wie ihre anglofonen Zungen mit der deutschen Sprache. Auch wenn meist toll gesungen und in blanker Perfektion getanzt wird: Die Abgründe, die „Chicago“ zum Musical der Superlative und zur Plattform für Stars wie Ute Lemper machte, tun sich selten auf.

Schöne Momente gelingen dennoch. Carien Keizer spickt die für sie noch zu neuen Songs der Roxie zwar mit lautem Atmen und Konsonanten, die hart wie Eiszapfen in Melodien stechen. Doch wenn sie pantomimisch Roxies Leben im Schnelldurchlauf kommentiert oder wie eine Marionette manipuliert wird, ist sie in Bestform. Zickenkrieg vom Feinsten bietet sich im Duett mit der starken Stimme von Lana Gordon, die Roxies Knastkonkurrentin Velma singt. Da lässt „Chicago“ für einen schönen Augenblick vergessen, dass Frauen hier zwar die Hauptrollen spielen, aber doch ein Mann die Strippen zieht. Nigel Casey tut das als aalglatter Anwalt, dem alles gelingt. Diese Souveränität atmet auch der operettenhaft auftrumpfende Martin Schäffner als Klatschreporterin Sunshine. Der Abgebrühtheit von Isabel Dörfler als Knastmutter kann bei der Vorpremiere aber keiner das Wasser reichen: So hintergründig böse muss sein, wer Showbiz, Medien und unserer Zeit glaubhaft einen Spiegel vorhalten will.

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