Das Stuttgarter Ensemble des Musicals „Der Glöckner von Notre Dame“ beim Schlussapplaus im Stage-Apollo-Theater. Foto: Klaus Schnaidt

Mit einer tosend umjubelten Dernière hat sich das Musical „Der Glöckner von Notre Dame“ aus Stuttgart verabschiedet. Im Club Grace der Spielbank feierten die Darsteller. Für viele war die intensive, gemeinsame Zeit der große Gewinn.

Stuttgart - Eine blutige Geschichte aus dem Mittelalter, bombastische Chorgesänge und kein Happy-end: Für Disney-Maßstäbe ist das Musical „Der Glöckner von Notre Dame“, das sich nach einem Erfolgsjahr am Sonntagabend aus Stuttgart verabschiedet hat, ungewohnt düster. Weit weg ist es dennoch nicht, sondern erschreckend aktuell.

Was die besondere Faszination des Klassikers ausmacht, versucht Darsteller Gerrit Hericks ein kleiner schwarzer Strich in seinem Gesicht hat das Abschminken überlebt – gegen Mitternacht im Club New Grace zu erklären, nur wenige Schritte vom Stage-Apollo-Theater entfernt: „Vielleicht ist dieses etwas andere Musical für die Cast deshalb so wichtig, weil viele von uns wissen, wie es ist, wenn man ausgegrenzt ist.“

Ob schwul, Mobbingopfer in der Schule oder als Flüchtling diskriminiert – der bucklige Quasimodo hat Jahrhunderte nach seinem ergreifenden Schicksal viele Erben, die wie er gegen Intoleranz kämpfen müssen. Die aktuelle Botschaft, sagt Gerrit Hericks beim Feiern im vollgestopften Club über der Spielbank, sei einer der Gründe für den Erfolg der Show – aber freilich auch eine Musik, die aus dem Rahmen fällt und mit monumentalem Sound unter die Haut geht.

Fanclub verteilt LED-Lichter an alle Zuschauer

Felix Martin, der in Berlin, München und Stuttgart etwa 800-mal den bösen Kardinal Frollo gespielt hat, kann zur späten Stunde im New Grace wieder lachen. Backstage musste er mit den Tränen kämpfen. Der Berliner umarmt und herzt die Kollegen und spart nicht an Superlativen.

Seit über 30 Jahren steht Martin auf den großen Musicalbühnen. Jetzt aber sagt er: „Der Kardinal beim ,Glöckner’ war meine bisher stärkste Rolle!“ Das Ensemble auf den Fildern, das familiär Abschied nimmt, sei das „liebevollste und beste in meiner Glöcknerzeit“ gewesen. schwärmt er. Freundschaften fürs Leben bleiben. Auch das Stuttgarter Publikum hat am Erfolg mitgewirkt. Zur Dernière drehen die Fans noch mal richtig auf. Immer wieder branden Jubelstürme auf. Bei zwei Szenen leuchten Hunderte von LED-Lichtern auf, die der Fanclub an alle verteilt hat. Der festlich illuminierte Saal sorgt für Gänsehautmomente.

Vorm Bühneneingang warten nach Ende der Show viele Fans im Regen. Die Darsteller geben Autogramme, ehe sie zur Party in in den von der Stage Entertainment gemieteten Club New Grace weiterziehen. Dort hat der Orso-Chor mit dem Feiern bereits begonnen. Sämtliche 140 Hobby-Sängerinnen und Sänger sind eingeladen, die abwechselnd – jeweils 24 bei einer Vorstellung – auf der Bühne standen. Dafür gab es eine Aufwandsentschädigung. Ihr Gewinn hat mit Geld nichts zu tun. „Alle sind traurig, dass es vorbei ist“, sagt ein Sänger und erzählt von unvergesslichen Erlebnissen: „Jede Show war anders.“ Meist seien die Vorstellungen gut besucht gewesen, nur im Sommer nicht. Im Winter vorm Abschied habe erneut ein Ansturm eingesetzt.

Warum der Renitenz-Chef „Juhnkes Sohn“ genannt wird

Würde die Stage das Notre-Dame-Stück wo anders weiterspielen, viele würden mitreisen, sagt der Orso-Sänger. Vorerst aber ist kein Comeback geplant. „Von den Vampiren weiß man aber, dass es Wiederauferstehungen gibt“, sagt Stephan Jaekel, der aus Hamburg zum Mitweinen angereiste Unternehmerssprecher des Musicalmarktführers. Ein wirtschaftlicher Erfolg sei der „Glöckner“ auf alle Fälle gewesen, freut er sich.

Die Feier im Spielbank-Club erinnert Sebastian Weingarten, den Intendanten des Renitenz-Theaters, an den London Club im SI-Hotel, in dem er als junger Mann in den 1970ern Konzerte mit Zarah Leander und Harald Juhnke organisiert hat. Auf den Fildern befand sich eine „Außenstelle“ des Renitenz-Theaters. Einmal wollte man Weingarten nicht zur After-Show-Party im Hotel am Schlossgarten hineinlassen. Harald Juhnke habe dies mitbekommen und laut gerufen: „Lasst meinen Sohn rein!“ Seitdem wird der heutige Intendant „Juhnkes Sohn“ genannt.

Am 21. März feiert „Aladdin“ Premiere

Eine besondere Beziehung zu Harald Juhnke hat Felix Martin, der mit dessen Witwe befreundet ist. Für die Zukunft, freut er sich, ist ein Juhnke-Musical geplant. Im Juni wäre der Entertainer 90 Jahre alt geworden. Erst einmal spielt Martin in Erfurt in „Im Namen der Rose“ erneut einen bösen Kardinal. In allen Himmelsrichtungen zerstreut es nun das „Glöckner“-Ensemble. Mercedesz Csampai, die Esmeralda, spielt künftig im Cirque-du-Soleil-Musical „Paramour“ in Hamburg, Gerrit Hericks ist für Zürich im Musical zum Zirkus Knie engagiert. Nur Maximilian Mann, der als Darsteller des Phoebus in Notre Dame schulterlange Haare trug, bleibt im Apollo-Theater – dann mit Glatze als Geist Dschinni. Premiere der Disney-Show „Aladdin“ ist am 21. März. Jetzt wird’s fetzig und lustig – das Musical zeigt nach der Düsternis seine bunten Trümpfe.

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