Mehr als 1,4 Millionen Deutsche leben in einer binationalen Partnerschaft. Vor

Mehr als 1,4 Millionen Deutsche leben in einer binationalen Partnerschaft. Vor allem wenn ein christlich-islamisches Paar heiraten will, muss es zahlreiche Hindernisse überwinden - von der Bürokratie bis zu empörten Verwandten.

Von Markus Brauer

STUTTGART. Alexandra Müller-Bazir (Na- me geändert) lebt in einer Multikulti-Ehe. Seit sieben Jahren ist die 42-Jährige mit ihrem Mann Hassan (37) verheiratet. Er ist gebürtiger Marokkaner, sie Deutsche - er ist Muslim, sie Katholikin. Ein binationales und bireligiöses Paar. "Das schafft doppelte Probleme", sagt die Stuttgarter Lehrerin. "Zu Hause haben wir religiöse und kulturelle Differenzen."

Wird Schweinefleisch aufgetischt? Kommt Wein in die Soße? Wird die Tochter christlich oder muslimisch erzogen? Wie geht man mit Konflikten um? "Ich vertrete eher die offensive Art einer emanzipierten Frau", meint Alexandra, "mein Mann zieht sich zurück und spricht gar nicht mehr."

Deutschland ist eine Multikulti-Gesellschaft. Offene Grenzen, Urlaubs-, Studien- und Auslandsaufenthalte, die Anwesenheit von Migranten lassen die Zahlen binationaler Partnerschaften steigen. Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes Destatis sind von rund 21 Millionen Paaren (Ehen und Partnerschaften ohne Trauschein) mindestens 1,4 Millionen binational - knapp sieben Prozent. Am höchsten ist der Anteil mit acht Prozent in Baden-Württemberg. Fast jedes zwölfte Paar (225 800) besteht aus einer ausländischen und deutschen Hälfte. Jedes fünfte Kind hat Eltern unterschiedlicher Nationalität. Hiltrud Stöcker-Zafari, Geschäftsführerin des Verbands binationaler Familien und Partnerschaften iaf e. V., geht sogar von noch höheren Zahlen aus, da bei Destatis nur die Staatsangehörigkeit zugrunde gelegt sei und die eingebürgerten Migranten nicht einbezogen seien.

Während EU-Ausländer weitgehend ungehindert in Deutschland leben und heiraten dürfen, sind die Hürden für Personen aus Drittstaaten - für Afrikaner, Asiaten oder Lateinamerikaner - wesentlich höher. Standesämter, Ausländerbehörden und Botschaften müssen kontaktiert, ausländische Dokumente übersetzt, beglaubigt und legalisiert werden. Wenn der ausländische Partner nicht in Deutschland lebt, benötigt er ein Visum und muss - das gilt auch für Aslybewerber - Deutschkenntnisse nachweisen.

Rechtlich unterstehen binationale Ehen dem Ausländergesetz. "Das binationale Paar ist häufig gezwungen, verfrüht zu heiraten, wenn einer der Partner keinen gesicherten Aufenthaltsstatus hat", betont Stöcker-Zafari. Während andere Liebespaare genug Zeit hätten, um sich kennenzulernen, lebten binationale Paare, die sich im Ausland kennengelernt haben, oft voneinander getrennt und beschäftigten sich mit Behördengängen. Dies stelle eine große Belastung für die Beziehung dar. Viele Paare müssten sich zudem unterstellen lassen, nur wegen des Aufenthaltsstatus heiraten zu wollen, so die Geschäftsführerin weiter. "Der Aspekt der Scheinehe spielt für viele Paare eine Rolle, aber er ist nicht der alleinige."

Wie viel Ehen tatsächlich geschlossen werden, um dem ausländischen Partner ein sicheres Bleiberecht in Deutschland zu verschaffen, kann man nur vermuten. Experten gehen von einer hohen Dunkelziffer aus. Es käme häufig vor, dass eine Ehe geschlossen werde, um an eine Aufenthaltserlaubnis zu gelangen, berichtet der Stuttgarter Anwalt Martin Grüninger. Vielfach sei die Eheschließung "von vorneherein ein klares Geschäft, bei dem entsprechende Zahlungen" geleistet würden. Dennoch entwickle sich eine solche Beziehung häufig so, dass die Partner zueinanderfänden.

Für Alexandra war die Hochzeit mit Hassan eine Liebesheirat. Zuvor hatte die Pädagogin vier Jahre in der Türkei gelebt und dort die islamische Kultur kennen- und schätzen gelernt. Sie habe gewusst, auf welche "Herausforderungen" sie sich einlässt, sagt die gläubige Christin. "Binationale Beziehungen können funktionieren, aber man muss immer wieder aushandeln, was geht, im Gespräch bleiben, sich auf die eigene und fremde Religion und Kultur einlassen."

Grenzgänger zwischen Nationen, Kulturen und Religionen müssen über viel Konflikt- und Kommunikationsfähigkeit, Toleranz und Respekt vor den Erfahrungen und Werten anderer Menschen verfügen. Ständig wird die Bereitschaft, Alltägliches und Selbstverständliches infrage zu stellen, auf eine harte Probe gestellt. "Man muss ein unglaubliches Maß an Toleranz aufbringen", weiß Alexandra. Wer es etwa als belastend empfindet, wenn der muslimische Ehemann betet, im Ramadan fastet und in die Moschee geht, dürfe sich nicht auf eine solche Beziehung einlassen. Ihre Partnerschaft begann wie jede andere auch: "Der Himmel hing voller Geigen", erinnert sich Alexandra. Doch schnell holte die triste Realität das christlich-muslimische Paar ein. "Liebe ist die Voraussetzung, aber sie trägt nicht weit, wenn man nicht dialogbereit ist, permanent im Gespräch nachhakt und sich für andere Kulturen interessiert."

Für Miriam und Ergün Karayavuz ist Religion kein Streitthema. Die 36-jährige Deutsche aus Stuttgart überlässt die Glaubensunterweisung ihrem Mann. Der 43-jährige gebürtige Türke erzieht die Kinder (fünf und sieben) zu frommen Muslimen. Sie besuchen mit ihm die Moschee, essen kein Schweinefleisch. "Religion ist mir wichtig", bekennt der Ingenieur, der sich als gläubiger Muslim bezeichnet. "Für mich gar nicht", entgegnet Miriam, die nicht getauft ist.

Seit 1992 lebt Ergün in Deutschland. 1994 lernte er an der Universität seine spätere Frau kennen, die Biologie studierte. 1998 heirateten sie. "Wir haben vor unserer Ehe unsere Hausaufgaben gemacht", sagt Ergün, für den die Gleichberechtigung in der Beziehung wichtig ist. "Ich bin ein dominierender Mensch, aber ich versuche mich zurückzuhalten." Wäre seine Frau eine gläubige Christin, hätte er sie ganz sicher nicht geheiratet. Streit, Konflikte und Trennung wären programmiert gewesen.

Ihre Eltern, erzählt Miriam, seien wenig begeistert gewesen, als sie von ihrem Wunsch hörten, einen Türken zu heiraten. "Sie hatten Sorge, dass es mir mit einem türkischen Mann schlecht ergehen könnte." Ein türkischer Freund von Ergün, der seit langem in Deutschland lebte, warnte ihn vor dem "größten Fehler meines Lebens".

Nicht nur rechtliche Unsicherheiten, auch der Streit mit der Familie und den Verwandten kann nervenaufreibend sein. "Man lebt immer am Rande der Gesellschaft. Dauernd steht man unter Rechtfertigungszwang", betont Alexandra. "Ich musste mich rechtfertigen, weil ich einen Muslim heirate. Die ganzen Vorurteile von Kopftuch über Kindesentführung bis zur Unterdrückung der Frau prasselten auf mich nieder. Mein Mann musste sich vor seiner Familie in Marokko rechtfertigen, weil er mit einer unmoralischen Frau zusammenlebt, die voreheliche Beziehungen hatte und mit ihrer Freundin in die Kneipe geht."

Laut Statistik bevorzugen deutsche Frauen türkische Männer - gefolgt von Italienern, US-Amerikanern und Marokkanern. Deutsche Männer zieht es eher zu polnischen, russischen, türkischen und thailändischen Frauen. Muslime dürfen nach islamischem Gesetz eine christliche oder jüdische Frau heiraten. Muslimischen Frauen ist dies dagegen offiziell verwehrt.

Bireligiöse Ehen stellen vor allem die Kirchen vor große Herauforderungen. Aus katholischer Sicht besteht grundsätzlich das Ehehindernis der Religionsverschiedenheit, von dem nur der Bischof dispensieren kann. Der katholische Partner ist verpflichtet, die Kinder taufen zu lassen und christlich zu erziehen. "In der Praxis sieht das oft anders aus", erklärt Güzel Mansur von der Christlich-islamischen Begegnungs- und Dokumentationsstelle (Cibedo) der Deutschen Bischofskonferenz. Anfangs seien muslimische Männer tolerant und liberal. Nach der Geburt eines Kindes wehrten sich viele aber gegen die christliche Sozialisation ihres Sohnes oder ihrer Tochter. "Von den Verwandten wird zusätzlich Druck ausgeübt, damit das Kind muslimisch erzogen wird."

Stöcker-Zafari hält nichts von solchen Pauschalurteilen und Klischees über muslimische Männer. Wenn es bei der Kindererziehung zu Streitigkeiten käme, dann zeige dies nur, dass sich die Partner "im Vorfeld oft nicht gut kannten und im Alltag nicht wirklich harmonieren".

Familienrechtler wie Grüninger raten dringend, wichtige gemeinsame Angelegenheiten wie die Kindererziehung, den Unterhalt oder Versorgungsausgleich durch einen Ehevertrag zu regeln. "Bei binationalen Ehen empfiehlt es sich auf jeden Fall, sich um die Absicherung zu kümmern und einen Ehevertrag abzuschließen." Beabsichtigt das Paar, in der Heimat des muslimischen Mannes zu leben, sollte zusätzlich ein Ehevertrag nach islamischen Recht abgeschlossen werden. Wenn es um das Wohl des Kindes geht, würden die Gerichte immer nach deutschem Recht urteilen, betont Grüninger. "Es ist nicht so, dass die Scharia plötzlich für Kindererziehungsfragen gilt."

Trotz aller Schwierigkeiten, vor denen binationale Ehen immer wieder stehen, zieht Stöcker-Zafari eine positive Bilanz: "Wir erweitern unsere individuellen Verhaltensmöglichkeiten, werden flexibler und natürlich auch toleranter." Auch Alexandra erlebt ihre Ehe als Bereicherung. "Was mich an meiner Ehe so fasziniert, sind die andere Kultur und Sprache, die Lebensgewohnheiten und Mentalität. Sie erweitern meinen Glauben und mein Leben sehr stark."

Diese Einschätzung wird von Miriam geteilt - auch nach zwölf Jahren Ehe. "Ich habe durch Ergün eine ganz neue Art zu leben, Gastfreundschaft und Offenheit kennengelernt." Ergün nickt. Er habe vor allem Respekt und Toleranz gelernt. "Ich bewundere Miriam. Ohne sie wäre ich ein Mann mit vielen Vorurteilen geblieben."

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