Das Homeoffice hat manches einfacher gemacht, ein Spagat bleibt die Vereinbarkeit von Familie und Beruf für Frauen trotzdem. Foto: Imago/Addictive Stock/Marcos Castillo

Überlastete Kitas, übervolle Mütterkuren, Ehrenämter, die keiner übernehmen will. Die berufstätige Frau scheint gerade die Mutter vieler Probleme zu sein. Was müsste sich ändern?

In den überhaupt nicht stillen Stunden dieses Advents kann man sich als Frau schon mal fragen, ob das eine so gute Idee war mit der vollzeitnahen Berufstätigkeit. Zum Beispiel, wenn fast täglich Plätzchenspenden und Mithilfe für Kita-, Schul- und andere Weihnachtsfeiern angefragt werden. Oder wenn abends die Mail der Kindertagesstätte mit dem Betreff „Ab sofort Notbetreuung“ im Posteingang einläuft. Oder wenn ständig Schulstunden ausfallen und die Kinder ohnehin abwechselnd krank daheim sind. Und auch, wenn man die Schlagzeilen liest von ausgelaugten Erzieherinnen in zu großen Kitagruppen und Eltern, die vor Gericht um Betreuungsplätze streiten müssen.

 

Wenn dann noch Politiker den flexiblen Zehn-Stunden-Bürotag als die Vereinbarkeitslösung für berufstätige Eltern anpreisen, dann spätestens fragt man sich, ob man als arbeitende Frau nicht so eine Art Grundübel unserer Zeit ist, also für sich selbst und für andere, und man besser gleich kündigen sollte. Aber kurz darauf denkt man an die nächste Gasrechnung und tut es doch nicht.

Eskapistische Fantasien einer Mutter

Und während man also so Richtung Weihnachten schlingert – Geschenke sind natürlich auch noch nicht besorgt – und hofft, dass man sich als Silvestervorsatz nicht die Soforteinweisung in die Müttergenesungskur vornehmen muss (wobei man dort sowieso erst mal keinen Platz kriegen würde), träumt man sich in ein Leben frei von Erwerbsarbeit. Wäre das nicht schön: Gutslebacken mit den Kindern, die um 12.15 von der Schule und vom Kindergarten heimkommen. Weihnachtsgeschenkebummel am Vormittag und danach Glühweinausschenken beim Schuladventsbasar. Wäre damit nicht allen geholfen: einem selbst, dem Nachwuchs, dem Ehrenamt, den Erziehern und Lehrern?

Aber bevor Feministinnen Schnappatmung bekommen: Natürlich sind das nur die eskapistischen Fantasien einer Mutter, die alte Rollenbilder verinnerlicht hat, sich für alles zuständig fühlt und deshalb in eine Zeit zurück träumt, in der sie recht sorglos aufgewachsen ist und die einen schwierigen deutschen Sonderweg darstellt.

Denn die nicht arbeitende Mittelschichtsmutter – früher ein Privileg des Adels und Großbürgertums – war ja eine Erfindung der alten Adenauer-BRD, die sich damit recht bequem aus der Verantwortung für Kinder- und Altenbetreuung zog und mit ihren Halbtagsschulen den Bildungserfolg der Kinder von der Hilfslehrkraft Mutter abhängig machte. Es war ein System, das viele Frauen in die Unterforderung, ins Unglück und die totale finanzielle Abhängigkeit von Männern trieb und der Wirtschaft gute Arbeitskräfte vorenthielt.

Auch wenn man sich also nicht guten Gewissens in diese Zeit zurückwünschen kann: So wie jetzt, das ist wohl die Gefühlslage in vielen Familien, kann es auch nicht weitergehen. Das Ideal der Frauenbewegung – das sich mittlerweile eine unter Fachkräftemangel ächzende Wirtschaft zu eigen gemacht hat –, dass Frauen selbstverständlich in den Beruf zurückkehren können, bringt gerade ein Gesellschaftssystem an den Rand.

Es baut darauf auf, dass Menschen Zeit haben, sich umeinander zu kümmern. Diese Menschen aber waren viele Jahrzehnte lang vor allem Frauen, die jetzt weniger Zeit haben: Nach den jüngsten Zahlen des Statistischen Landesamts leben 70 Prozent der Kinder in Baden-Württemberg in Familien, in denen beide Eltern arbeiten, bei jedem siebten Minderjährigen haben beide einen Vollzeitjob.

Der Vater, der Problemfall

Dass die arbeitende Mutter nicht ins System passt oder das System vielmehr nicht zu ihr und dass es mit dem Ausbau von Kindertagesstätten nicht getan ist, sickert erst langsam ins kollektive Bewusstsein. Vor ein paar Jahren machten Autorinnen vor allem den Vater als grundlegendes Problem aus. Während Männer weiterhin „nur“ ihrem Beruf nachgingen, würden Mütter nun halt beides machen: Geld verdienen und all die Aufgaben der 50er-Jahre-Hausfrau übernehmen.

Seither ist eine kleine Ratgeber-, Coaching- und Seminarindustrie entstanden, die Frauen – und Männern – beibringen will, wie man die Sorge- und die ganze Denkarbeit drum herum unter Einsatz von Excel-Listen und Methoden aus dem Projektmanagement gleichberechtigt aufteilt. Und so richtig das ist und so viel sich da innerhalb von Paarbeziehungen noch tun muss (nur in drei Prozent der Haushalte mit Kindern arbeiten beide Elternteile in Teilzeit), die Botschaft, die mitschwingt, ist: Du musst als Eltern eben nur effizient und organisiert genug sein, schon klappt es mit der Vereinbarkeit.

Auch das noch: Viele Väter hegen längst den Wunsch, mehr Zeit für die Familie aufbringen zu können. Die Frage ist deshalb doch eigentlich, ob die klassische Erwerbsbiografie für Männer und Frauen weiterhin das Ideal sein kann.

Die Forscherin Karin Jurczyk beispielsweise fordert eine Abkehr vom Ideal der „männlichen Normalbiografie“, die sich in drei Phasen gliedert: Ausbildung, kontinuierliche Erwerbsarbeit in Vollzeit, klarer Renteneintritt. Es sei ein System, in das sich diejenigen, die Sorgearbeit in der Familie übernehmen, immer nur phasenweise eingliedern könnten – mit den bekannten Einbußen bei Gehalt und später auch Rente.

Atmende Lebensläufe

Die Forscherin hat mit anderen das Konzept der atmenden Lebensläufe entwickelt, das sich nicht nur sehr poetisch, sondern auch traumhaft für Eltern anhört. Menschen könnten sich phasenweise Zeit nehmen, etwa um Kinder großzuziehen, alte Angehörige zu betreuen, sich um sich selbst zu kümmern oder ehrenamtlich im Stadtteilzentrum zu engagieren – und sie bekämen einen steuerfinanzierten Lohn dafür.

Von Kritikern, die diese Idee für nicht bezahlbar halten, fordert Jurczyk, dass sie gegenrechnen sollten, was den Staat teurer kommt: Menschen für diese existenziellen Tätigkeiten zu entlohnen oder ihnen im jetzigen System Burn-out-Kuren und die Aufstockung der mageren Rente zu bezahlen.

In diesem Herbst bekommt ein Buch viel Aufmerksamkeit, das in dieselbe Richtung geht: In „Alle_Zeit“ beschreibt die Feministin und Mutter Teresa Bücker eine gerechte Zeitpolitik, die allen – etwa durch eine verminderte Wochenarbeitszeit – Zeit für Sorge um Kinder, Alte, Freunde, Nachbarn, sich selbst ermöglicht.

Die Autorin rechnet vor: „Würde man das derzeitige jährliche Gesamtarbeitsvolumen einschließlich aller Überstunden gleichmäßig auf alle Erwerbstätigen verteilen, würden diese im Schnitt etwa 30 Stunden pro Woche arbeiten.“ Solch grundlegende Systemänderungen würden allerdings ein ganz anderes Verständnis von Sorgearbeit voraussetzen, sie als die Basis und unabdingbare Voraussetzung allen Wirtschaftens begreifen.

Plötzlich wird die Viertagewoche diskutiert

Die Ampelregierung hat eine solche Wertschätzung für Kümmerarbeit zumindest durchscheinen lassen und sich mehr Zeit für soziale Beziehungen als ein Ziel in den Koalitionsvertrag geschrieben. Dennoch hat sie soeben beschlossen, dass eine zweiwöchige Freistellung für Väter nach der Geburt ihrer Kinder der Wirtschaft derzeit nicht zumutbar sei. Gleichberechtigung, Zeit für Sorgearbeit, so das Signal, sind nur Themen für gute Zeiten.

Allerdings drängt nun auch eine junge Generation auf den Arbeitsmarkt, die – mitten im Fachkräftemangel – mehr Zeit neben der Erwerbsarbeit einfordert. Und plötzlich wird auch so etwas wie die Viertagewoche erprobt und politisch diskutiert.

Die arbeitende Mutter ist sicher nicht das Übel unserer Zeit, auch wenn es im Adventsdelirium so scheinen mag. Sie ist eher diejenige, die offenbar macht, wie selbstverständlich Frauen seit Jahrzehnten Systemrelevantes erledigt haben. Sie könnten damit eine Veränderung anstoßen. Das wäre zumindest der Wunsch zu Weihnachten.