Münchner Opernfestspiele Menuette wie Sommerhits

Von Isabel Winklbauer 

Szene aus „Les Indes galantes“ Foto: Bayerische Staatsoper
Szene aus „Les Indes galantes“ Foto: Bayerische Staatsoper

Am Münchner Prinzregententheater ist Jean-Philippe Rameaus Ballettoper „Les Indes galantes“ aufgeführt worden. Als Choreograf hat Sidi Larbi Cherkaoui der Produktion seinen Stempel aufgedrückt.

München - Da die Kriegstrommeln in der Heimat allzu verführerisch schlagen, verordnet Hébé, die Göttin der Jugend, ihren Kindern die Reise in ferne Länder. In die Türkei, nach Peru, Persien und Nordamerika geht es in Jean-Philippe Rameaus Ballettoper „Les Indes galantes“, wo die jungen Leute sich inspirieren lassen sollen, wie Liebe Frieden bringt.

So genau darf man es mit der Reiseroute bei Sidi Larbi Cherkaouis Inszenierung der „Indes“ aber nicht nehmen: Für den maghrebinisch-belgischen Choreografen sind Europa und der Rest der Welt ein ständig wogendes Meer der Bewegung, in dem alles immer fließt. Was normal ist, was exotisch – das ist eine Sache des Blickwinkels.

Die Reise auf der Bühne des Prinzregententheaters beginnt in der Schule, wo Hébé (Lisette Oropesa) den Grundton vorgibt. Ihr Sopran ist kristallklar, quirlig und lebendig, ihr darstellerisches Vermögen – wie übrigens auch das der anderen Sänger – grandios und voller Humor. Jeder wedelt sein eigenes, ­nationales Fähnchen in Hébés Schule, wenn die Lehrerin nicht hinguckt, und seitlich schwingt ein Uniformierter eine große US-Flagge. Die Handlung spielt im Hier und Jetzt, Tafeln von Kampfhubschraubern ersetzen nach und nach diejenigen der „süßen Vögel“, die Hébé besingt. Doch das Mittel gegen Gewalt heißt Reisen, und so machen sich Cherkaouis Tänzer, die Kinder und der Balthasar-Neumann-Chor – hellwach und in Bestform – auf den Weg in fremde Gefilde.

Gedrängel im Kasten

Und da sind sie, Cherkaouis geliebte Kästen. In früheren Werken hat sich der Choreograf immer wieder mit der Kubus-Form auseinandergesetzt, seien es simple Holzkisten oder imposant beleuchtete Steinquader in einem Bruch bei Avignon. Hier rollen nun große, fensterlose Vitrinen über die Bühne, die, wie Schiffe im Ozean des Universums, Platz für charmante Szenen bieten.

So mancher Pas-de-deux der Tänzer wirkt darin ausgesprochen dekorativ, doch manchmal drängen sich die Mitglieder von Cherkaouis Antwerpener Company Eastman auch wie die Ölsardinen. Auch Osman, Émilie und Valère nutzen die sich ständig verschiebenden Vitrinen als Harem oder als Strand, zuletzt als Schiff, das das Liebespaar dank des Großmuts des türkischen Herrschers zurück in die Heimat bringt.

Der Topos des Panta rei, materialisiert im Flüchtlingsmotiv, erreicht seinen Höhepunkt im zweiten Bild. Dieses spielt nicht bei den Inkas, sondern in einer katholischen Kirche, dem Sitz des „culte fatal“, vor dem Don Carlos seine Phani warnt. Der Priester Huascar fährt hochmütig auf einem Hoverboard herum und weist mit einem Schülertrick seine Gemeinde auf die Knie. Ich hab’ eins, ihr habt keins, oh göttliche Magie!

Neben dem sehr gefühlvollen Ehe-Lob der Phani (Anna Prohaska), das vor dem Hintergund der „schlechten“ katholischen Religion allerdings etwas paradox wirkt, sind es hier aber die Tänzer, die die Herzen berühren. Bildeten sie schon beim Happy End im ersten Bild Schulter an Schulter die sanft schaukelnden Wellen, die das Paar heimtragen, so spielen sie nun während Huascars Sonnengesang die vereinte, begeisterungsfähige Menschheit. Ihre Hände und Arme vollführen ein synchrones Ballett, ergreifen einander zuletzt und fliegen in Wellenformationen über die Köpfe.

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