Auf Tempojagd: Mountainbiker lieben den flotten Fahrstil. Foto: dpa/Peter Steffen

Die Baudezernentin Beatrice Soltys will noch vor der Sommerpause das Thema Trails angehen und Lösungen für die Radfahrer auf Fellbacher Markung finden.

Fellbach - Mountainbiker suchen ihre Herausforderungen im Gelände, oft im Wald. In Fellbach etwa am Kappelberg oder im Scillawald in Oeffingen. Dort schanzen sie über querliegende Baumstämme, suchen nach steilen Strecken, die sie in engen Slalom-Kurven durchfahren oder holen sich Adrenalin-Kicks in Steilkurven. Sie sind mit speziellen Fahrrädern unterwegs, die breite, grobstollige Reifen aufweisen. Was den Mountainbikern Spaß macht, ist Spaziergängern, aber auch dem Forst, oft ein Dorn im Auge.

Jetzt soll Bewegung in die Sache kommen und nach Wegen gesucht werden – und zwar gemeinsam

Ärger ist vorprogrammiert, vor allem jetzt in Corona-Zeiten, wo viele Menschen den Weg in die Natur suchen. Die „Trails“, so heißen die Strecken, die die Mountainbiker befahren, suchen sich die Biker in Fellbach auf eigene Faust aus Mangel an offiziellen, von städtischer Seite angelegten und ausgewiesenen Strecken. Aber diese Vorgehensweise ist ebenso illegal wie die Strecken selbst.

Jetzt soll Bewegung in die Sache kommen und nach Wegen gesucht werden – und zwar gemeinsam. Noch vor der Sommerpause strebt die Stadtverwaltung ein Treffen aller beteiligten Parteien an. Die Stadt Fellbach als Besitzerin der Waldflächen würde die Koordination übernehmen, erklärt die Baubürgermeisterin Beatrice Soltys. Nach einem Gespräch mit unserer Redaktion stellt sie in Aussicht, außer dem bei der Stadt angestellten Förster Stefan Baranek und dem städtischen Ordnungsamt auch Vertreter unterschiedlicher Verbände dazu zu bitten, etwa den Naturschutzbund (Nabu), den Radsportverein und die Jägerschaft.

Bei den illegalen Mountainbike-Trails kennt Soltys, selbst ambitionierte Radfahrerin, kein Pardon

Noch greift die Stadtverwaltung Fellbach bei illegalen Trails rigoros durch und lässt die Strecken abräumen und zerstören. Ohne Vorwarnung, wie Bürgermeisterin Soltys erklärt. Gerade ist das in Oeffingen passiert.

„Wir bekommen Infos teilweise von Mitbürgern, die die Strecken etwa bei ihren Spaziergängen entdecken – oder der Förster selbst stößt bei seinen Waldbegehungen auf sie“, sagt die Baubürgermeisterin auf Nachfrage. Seitdem Erster Bürgermeister Günther Geyer das Rathaus vor knapp zwei Jahren verlassen hat, gehört der Forst zu Soltys’ Zuständigkeitsgebiet, sie ist jetzt die Vorgesetzte von Förster Stefan Baranek.

Bei den illegalen Mountainbike-Trails kennt Soltys, selbst ambitionierte Radfahrerin, kein Pardon. „Versicherungs- und Naturschutzgründe zwingen uns dazu, die Strecken abzuräumen und komplett zu zerstören“ Im Scillawald in Oeffingen wurden deshalb in die Strecke große Steine geworfen und Baumstämme zertrümmert. Leo Schneider, passionierter Mountainbiker, traute seinen Augen nicht, als er das sah. Er hat die anspruchsvolle Strecke vor seiner Haustüre in den letzen Wochen oft genutzt und konnte nicht verstehen, warum die Trasse, die bis zum Neckar hinunter reicht, zerstört worden ist.

Die Fläche, auf der die Strecke installiert war, ist sogenanntes FFH-Gebiet (Flora-Fauna-Habitat), also ein besonders geschütztes Gebiet

Er sei sich keiner Schuld bewusst, habe die Strecke gar nicht selber angelegt, aber teilweise mit Material direkt aus dem Wald noch kniffliger gemacht, sagt er bei einem Vor-Ort-Termin mit der Fellbacher Zeitung. In einem Brief hat sich deshalb seine Mutter Lucia Rothwein, auch sie fährt Mountainbike, an Oberbürgermeisterin Gabriele Zull gewandt. „Im Scillawald, kurz vor Hofen, wurden die Downhill-Strecken im Auftrag der Stadt Fellbach zerstört. Für mich ist das in Zeiten von Corona unverständlich“, macht die Bürgerin ihrem Unmut Luft: „Da hätte man ja mal ein Auge zudrücken können für die Jugendlichen und jungen Erwachsenen, die dort einen Ausgleich zum Fernsehen und Zocken gefunden haben.“

Sie fahre seit über 30 Jahren Mountainbike und könne es nicht verstehen, dass Mountainbiker im Wald immer noch nicht gerne gesehen seien. Im Fall des Scillawaldes liegen die Dinge allerdings etwas anders, darauf hat die Oberbürgermeisterin Zull in ihrem Antwortschreiben hingewiesen: „Der Scilla-Wald in Oeffingen ist ein hochgeschütztes Gebiet. Die Fläche, auf der die Strecke installiert war, ist sogenanntes FFH-Gebiet (Flora-Fauna-Habitat), also ein besonders geschütztes Gebiet. Es gehört zu einer europäischen Schutzzone. Die Richtlinien für diese Fläche sind von der EU vorgegeben und werden in Kooperation mit dem Regierungspräsidium und dem Landratsamt überwacht.“

Bisher habe die Stadt Fellbach das Anlegen einer Downhill-Strecke abgelehnt

Sowohl bei Gabriele Zull als auch Beatrice Soltys ist die Botschaft angekommen, dass Fellbach die Mountainbiker aus der Illegalität holen muss. Das sei nicht einfach, so Zull, „der Wald und die landwirtschaftlichen Flächen in Fellbach sind stark frequentiert. Wanderer, Erholungssuchende, Hundebesitzer, Sportler, Landwirte oder auch Jäger sind hier unterwegs.“ Es bedürfe der gegenseitigen Rücksichtnahme, um zu einem Miteinander zu kommen. Darin sind sich Zull, Soltys, Lucia Rothwein und auch Leo Schneider einig. Bisher habe die Stadt Fellbach das Anlegen einer Downhill-Strecke abgelehnt, um nicht noch mehr Nutzungen in den Landschaftsraum zu bringen, so Zull.

„Nicht nur zu Corona-Zeiten ist Mountainbiken ein gefragtes Hobby, und gute sowie anspruchsvolle Strecken sind gefragt. Ich bin überzeugt, dass es gut wäre, wenn wir gemeinsam an einer offiziellen Downhill-Strecke arbeiten und hier für die Sportler als auch für die anderen Interessenverbände eine überzeugende Lösung finden“, schlägt die Rathauschefin vor. Die Strecke könne dann natürlich nicht in einem streng geschützten Bereich liegen, außerdem seien viele Waldflächen in privatem Besitz.

Beatrice Soltys will noch vor der Sommerpause alle Beteiligten ansprechen

„Wir werden sicher – vielleicht auch in Kooperation mit den Nachbargemeinden Kernen und Weinstadt – eine attraktive Möglichkeit finden“, zeigt sich Zull optimistisch und lädt Rothwein ein, an der Konzeption einer legalen Downhill-Strecke in Fellbach mitzuarbeiten. „Wir werden auf die Verbände und Vereine zugehen und einen Auftakttermin für ein solches Projekt koordinieren.“ Dabei müsse auch die in Baden-Württemberg geltende Regel eingehalten werden. In ihrem Brief an die OB hatte Rothwein allerdings angeregt, die Zwei-Meter-Regel zu ändern, „denn auf Trails, die weniger als zwei Meter breit sind, macht das Fahren mit dem Mountainbike ja erst richtig Spaß.“

Beatrice Soltys will noch vor der Sommerpause alle Beteiligten ansprechen. So lange müssen Mountainbiker aus Fellbach beispielsweise Strecken in Stuttgart nutzen. Tun sie das nicht, wird die Stadt weiterhin so wie jetzt im Scillawald und vor ein paar Monaten auch in der Nähe des Kernenturms am Kappelberg hart eingreifen. Beatrice Soltys erzählt, dass der Förster Stefan Baranek deshalb schon „scharf angegangen“ wurde. Er selbst durfte sich gegenüber der Zeitung zu dem Thema allerdings nicht äußern. Die Angelegenheit ist heikel.

Regeln für Mountainbiker

Seit 1995 gilt in Baden-Württemberg die sogenannte Zwei-Meter-Regel. Sie ist vor allem aus Sicht vieler Mountainbiker ein Problem: Schließlich liegt für sie ein großer Teil des Reizes am Geländeradsport im Fahren auf schmalen Wegen und Pfaden, den sogenannten Trails.

Mit der Regel nimmt das Land deutschlandweit eine Sonderstellung ein. In keinem anderen Bundesland ist der Zugang zu schmalen Wegen derart reglementiert.

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