Der gebürtige Thüringer Motocrossfahrer Ken Roczen ist der Beste seines Fachs in Deutschland. Doch hat er sein Glück in den USA gefunden – sportlich wie privat.
Stuttgart - Ken Roczen ist ein lässiger Typ. Da man heutzutage mit den Gesprächspartnern am Laptop sozusagen visuell telefonieren kann, sei ausnahmsweise mal ein Einblick ins Wohnzimmer des Motocross-Piloten erlaubt. Da macht es sich Ken Roczen auf einem riesigen Sofa gemütlich, im Hintergrund wirft die Sonne ein zauberhaftes Licht in den Raum. „Hey“, sagt er zur Begrüßung, „alles gut bei euch?“ Danke der Nachfrage – und selbst? „Wir sind gerade wieder in unserem Haus in Florida, und dort ist es schön warm.“
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Für dieses Leben auf der Sonnenseite des Planeten hat sich der wohl beste deutsche Motocross-Fahrer schon im Jahr 2011 entschieden. Seither ist er weg, nur schwer erreichbar, und wenn er durch seinen Standort auf der anderen Seite des Atlantiks einen Wettbewerb mit der Motocross-Nationalmannschaft mal nicht bestreiten kann, dann sind Fans und Fahrerkollegen in „good old Germany“ ein bisschen verstimmt.
Geht halt nicht immer. Außerdem ist Ken Roczen, der kraft seines Geburtsortes Mattstedt im Weimarer Land seinen Thüringer Dialekt zu keiner Sekunde verbergen kann, inzwischen ein halber Amerikaner. Wenn nicht sogar ein ganzer. „Ich fühle mich zurzeit sehr amerikanisch. Und ich glaube, mir fehlen ein paar Wörter – jedenfalls muss ich mich beim Deutschreden mittlerweile sehr viel mehr konzentrieren als im Englischen“, sagt er.
Die Stadien sind voll
Während des Laptop-Gesprächs muss Ken Roczen allerdings kein einziges Wort suchen. Er war in den vergangenen Jahren sehr selten in Deutschland und bereut den Schritt, in die USA gegangen zu sein, keinen einzigen Tag. „Als ich in die USA gekommen bin, durfte ich den Autoführerschein früher machen als in Deutschland – ich habe hier also mein ganzes Erwachsenenleben verbracht“, sagt der 27-Jährige. Und dazu gehöre eben auch der Führerschein oder der Kauf des ersten Hauses, solche Dinge. Wobei man genau sein muss: Der Pilot hat nicht nur seinen Hauptwohnsitz in Clermont bei Orlando, sondern auch noch ein Haus in Kalifornien. Das steht südlich von Los Angeles in San Clemente – direkt am Meer.
Motocross-Piloten in Deutschland nehmen ein paar Tausender pro Sieg mit nach Hause und sind gut beraten, eine anständige Ausbildung zu machen für das Leben nach dem Sport. Motocross-Fahrer in den USA können dagegen sehr vermögend werden, wenn sie so gut wie Ken Roczen sind. Die Motorsportdisziplin hat in den Vereinigten Staaten einen vielfach höheren Stellenwert als hierzulande. Einige Topleute sind Millionäre. Und bei den Rennen sitzen dann schon mal 80 000 Zuschauer in den Stadien und schauen dabei zu, wie die Jungs vor allem in der Disziplin Supercross über die künstlich modellierten Hügel fliegen. „Es ist schon krass, wie die Football- und Baseballstadien hier immer voll sind“, sagt Roczen und schwärmt von dem enormen Zuspruch.
Viel größer als in Europa
In den USA sei der Sport eben viel größer als in Europa, bereits die „Amateur-Kids“ würden gutes Geld verdienen, erzählt der Deutsche. Seine Erfolge in Amerika, wo das Niveau in den Supercross-Hallen und -Stadien so hoch ist wie nirgendwo sonst, können sich sehen lassen: Aufhorchen ließ er erstmals als US-Westküstenmeister in der Klasse 250 SX, bei den Supercross-Weltmeisterschaften wurde er einmal Zweiter und zweimal Dritter, weshalb es sein großes Ziel ist, Erster zu werden und „das Ding jetzt auch mal zu gewinnen“. Als persönlichen Höhepunkt bewertet Roczen jedoch seinen Gesamtsieg 2016 in der AMA Pro Motocross-Championship in den USA. „Das war sehr speziell. Damals habe ich 21 von 24 Rennen gewonnen. Und ein Sieg ist mir noch aus der Hand gerutscht, weil am Motorrad die Gabel kaputt war.“
In den USA hat Ken Roczen sein Glück gefunden – sportlich, aber auch privat. Seine Frau und der erst ein Jahre alte Sohnemann begleiten ihn zu den Rennen, sein Job sei sozusagen „Familienhobby“. Ob der Nachwuchs mal in seine Fußstapfen treten wird, ist noch nicht abzusehen, doch hätte der Vater auch nichts dagegen, wenn der Weg des Juniors zum Surfen führt. Diesen Wassersport betreibt Ken Roczen selbst mit großer Leidenschaft. Oder er sitzt auf dem Mountainbike, wandert oder legt mal ein gepflegtes Wochenende mit dem Camping-Van ein. Auch geht es oft aufs eigene Boot. Da ist der etwas abgedroschene Begriff vom traumhaften Leben im „Land der unbegrenzten Möglichkeiten“ alles andere als eine Worthülse.
Die Zukunft steht fest
Also steht Ken Roczens ferne Zukunft selbstverständlich fest. „Auch wenn ich aufhöre mit dem Profisport – ich würde nie wieder vollzeitig nach Deutschland kommen“, sagt der verlorene Sohn der deutschen Motocross-Szene mit fester Stimme. Von Familienbesuchen in Thüringen einmal abgesehen, habe er dort „im Großen und Ganzen nichts verloren“.