Seit den achtziger Jahren ist die Wahlbeteiligung auf Bundesebene drastisch gesunken. Foto: Fotolia

Meinungsforscher Güllner über riskante Briefwahl und Brötchenspenden für Wahlhelfer

Berlin – Seit den achtziger Jahren sank in Deutschland die Wahlbeteiligung auf Bundesebene drastisch. Warum Forsa-Chef Manfred Güllner auf die Wochentags-Wahl setzt und wieso er die Briefwahl für riskant hält.

Herr Güllner, erhöht es die Wahlbeteiligung, wenn wir statt an Sonntagen an einem Wochentag wählen würden?
Es spricht vieles dafür, die Wahltermine auf einen Wochentag zu legen. Viele Wahlberechtigte begehen ihre Sonntage spontan anders als geplant. Dazu ist Freizeit ja auch da. Da bleibt der Weg ins Wahllokal oftmals auf der Strecke, auch weil die Lokale um 6 Uhr abends schon wieder schließen. Der Gesetzgeber sollte sich fragen, warum in Deutschland immer weniger Bürger wählen, und ihnen die Abstimmung erleichtern – indem an einem Wochentag gewählt wird, an dem die Menschen ohnehin unterwegs sind und motivierter ins Wahllokal gehen.

Großbritannien, die Niederlande, Irland, die Schweiz und Dänemark wählen an Wochentagen. Wie ist die Entwicklung dort?
In Dänemark gingen bei der letzten Wahl im September 2011 rund 87 Prozent aller Wahlbeteiligten in die Wahllokale. Die Dänen haben eine der höchsten Wahlbeteiligungsraten im europäischen Vergleich. In anderen Ländern ist die Beteiligung mit Schwankungen zwischen 3 und 7 Prozent im Vergleich zu Deutschland relativ konstant.


Und an welcher Stelle steht Deutschland?
Bis auf Portugal ist die Wahlbeteiligung seit den achtziger Jahren nirgends so stark zurückgegangen wie in Deutschland. In Portugal sank sie um 19,7 Prozent, bei uns um 18,3 Prozent – und zwar auf Bundesebene. Bei Kommunal- und Landtagswahlen sieht es noch übler aus. Das ist kein Normalisierungsprozess, sondern ein signifikant überdurchschnittlicher Rückgang der Wahlbeteiligung. Das ist ein deutsches Phänomen. Nur interessiert die steigende Zahl von Nichtwählern hierzulande kaum jemanden. Die Parteien sagen entweder: Das ist in anderen Ländern auch so und deshalb nicht beunruhigend. Oder sie sagen: Wer nicht wählen geht, ist selbst schuld. Beides stimmt nicht.

Wird Politik lebendiger, attraktiver, wenn im Alltag gewählt wird?
Die Menschen sind an Wochentagen weniger sozial isoliert wie an Sonntagen, die ja sehr individuell gestaltet werden. An Wochen­enden bewegen sich die Menschen meistens in der eigenen Bezugsgruppe, in ihrem Haushalt, in der Familie. Da fehlt es eventuell an andersartigen Impulsen. Unter der Woche gehen die Menschen arbeiten, einkaufen, sie kommen miteinander ins Gespräch. In Dänemark werden Sie sogar als Tourist darauf angesprochen, wenn an dem Tag das Folketing – das Parlament – gewählt wird. Die Wochentags-Wahl bekäme auch in Deutschland eine ganz eigene Dynamik. Die Leute würden über Politik ins Gespräch kommen. Der Resonanzboden ist größer. Da lassen sich einige, die in der Früh noch nicht vorhatten, wählen zu gehen, durch andere vielleicht mitreißen.

Oder lassen sich dann viele hineinreden – und wählen spontan irgendwen?
Das wäre ja begrüßenswert, wenn die Leute miteinander über Politik reden. Die politischen Meinungsbildungsprozesse finden ja laufend – Tag für Tag – statt. Und Gespräche mit anderen über Politik sind dabei eher nützlich als schädlich.

Müssten an einem Wahl-Wochentag die Wahllokale länger offen bleiben – auch wenn dann um Schlag 18 Uhr nicht gleich die ersten Prognosen vorlägen?
Das wäre schnuppe. Bei der Europawahl wurde auch bis 21 Uhr gewählt. Es ist durchaus organisierbar, dass die Wahlvorstände ein bisschen länger in den Wahllokalen ­ausharren.

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