Schmerz und Propagandaparolen: Nach dem Blutbad bei Moskau zeigt der russische Staat neue Grausamkeit.
Der Mann hat graue Haare, trägt eine hellblaue Sportweste und möchte nicht reden. Seine weißblonde Frau hat ihre Handtasche quer über ihre schwarze Daunenjacke gehängt. Sie seien zum Trauern hier, sagt sie abweisend kurz. Ein Arbeitskollege sei hier getötet worden. Wer schuld sei? „Die Ukraine.“ Und die Regierung werde schon wissen, was jetzt zu tun ist.
Vor dem Absperrgitter neben uns häuft sich ein Berg frischer Rosen- und Nelkensträuße, Teddybären und Stoffhasen kauern auf dem Asphalt, eine weißschwarze Luftballontraube schaukelt darüber. Zwischen den Blumen lehnen gerahmte Holztäfelchen: „Karelien trauert“ und „Möge gerechter Zorn aufflammen. Es herrscht Volkskrieg, heiliger Krieg.“ Pathos aus dem Zweiten Weltkrieg.
Immer mehr Trauernde kommen von der U-Bahn
Um den Blumenhügel drängen sich TV-Kameraleute, aber noch mehr Trauernde, immer neue Menschen mit roten Nelken kommen von der U-Bahn. Moskau trauert um die fast 140 Opfer des Blutbades vom Freitagabend. Im Konzertsaal Crocus City Hall hatte ein Killerkommando mit Sturmgewehren mehr als 6000 Besucher eines Popkonzerts unter Feuer genommen und dann das Gebäude in Brand gesteckt.
Aus einem Lautsprecher ertönt der Betgesang eines Popen, vermischt sich mit dem nahen Motorenrauschen der Moskauer Ringautobahn, über der ein Hubschrauber pendelt. Ein rotbärtiger Hüne, der eine graue Kapuze trägt, hält sich etwas abseits, er starrt ins Leere, fängt leise an zu weinen. Hier stehen Dutzende Menschen mit vor Leid starren Gesichtern, hier hat sich viel Schmerz versammelt.
Die Plexiglasfassaden der Crocus City Hall sind zum Teil geplatzt, dahinter klaffen rostrote Innereien. Das Dach ist eingestürzt, die Trümmerschlucht darunter wirkt, als hätte ein Riese in den Konzertsaal hineingetreten. Russlands Wirklichkeit ist jetzt ähnlich demoliert.
Es ist unwirklich: nur vier Terroristen hinterlassen so viele Tote
Es scheint unwirklich, dass angeblich nur vier Terroristen hier so viele Tote und Trümmer hinterlassen haben. So unwirklich wie die Videos der gefassten Täter, wo die Killer kläglich zittern. Regimekritiker bezweifelten zunächst, dass die festgenommenen Tadschiken dieselben Männer seien wie in der Konzerthalle. Aber das oppositionelle Portal Waschnije Istorii fand viele Details ihrer Kleidung auf einem Video des Islamischen Staates (IS), das zeigt, wie sie Menschen erschießen, Kehlen durchschneiden und islamistische Parolen schreien. Die Hinweise verdichten sich, dass der IS hinter dem Attentat steht.
Die Wirklichkeit eskaliert grausam, Überlebende erzählten Radio Kommersant FM, die Mörder hätten Menschen mit Brennflüssigkeit übergossen und angezündet. Die russischen Sicherheitsdienstler, die die Tadschiken fingen, stellten ihrerseits ein Video in Netz, das zeigt, wie sie die Verdächtigen quälen.
Sicherheitskräfte foltern demonstrativ
Sicherheitskräfte foltern demonstrativ, die Staatspartei Einiges Russland diskutiert die Rückkehr zur Todesstrafe. „Das Regime“, sagt der Exilblogger Pawel Kanygin, „will politisch Kapital aus diesem Verbrechen schlagen.“
Auf jeden Fall presst die staatliche Propaganda den Terrorakt in ihr aktuelles Narrativ, hinter allem Bösen stünden der Kriegsgegner Ukraine und seine westlichen Hintermänner.
Zumindest auf den ersten Blick scheint der Terrorakt in einen eskalierenden Abtausch von Kommandounternehmen, Raketen- und Drohnenschlägen zu passen, zuletzt gegen Kiew, Charkiw und Lemberg auf ukrainischer sowie Sewastopol und Kuibyschew auf russischer Seite. Russische Raffinerien brennen und ukrainische Kraftwerke. Polen hat seine Luftwaffe nach dem Auftauchen einer russischen Rakete in seinem Luftraum aktiviert. Der Konflikt bewegt sich Richtung Unkontrollierbarkeit.
Es wimmelt von Uniformanoraks
An der Gedenkstätte wimmelt es jetzt von bunten Uniformanoraks, grau die „Volksfront“, blau und weiß die „Junge Garde“. „Ich bin hier, weil das mein Vaterland ist“, sagt eine stattliche Mittvierzigerin in Zivil. Die Schuldigen für das Blutbad säßen in der Ukraine, den USA und in Großbritannien. „Unsere Politik muss härter werden“, erklärt sie. „Und alle müssen Dank sagen, dass wir einen so gütigen Präsidenten haben.“
Wladimir Putin erklärte, die flüchtigen Täter seien auf dem Weg in die Ukraine gefasst worden, „wo nach den ersten Angaben die ukrainische Seite ein Fenster für ihren Grenzübergang vorbereitet hat.“ Vor der Crocus City Hall mag heute niemand diskutieren, wie dieses Fenster aussah, an einer Grenze, die längst verminte Kriegsfront ist.
Die Kriegsbegeisterung lässt inzwischen zu wünschen übrig. Nach einer Umfrage des Lewada-Zentrums waren im Februar nur noch 39 Prozent der Russen für eine Fortsetzung der „Kriegsspezialoperation.“ Die Kreml-PR hat allen Grund, der feindlichen Ukraine auch das Blut und die Tränen vom Freitagabend in die Schuhe zu schieben.
Jenseits der Kipplaster steht ein junges Paar und starrt auf die aufgerissene Fassade der Crocus City Hall. Wer hinter dem Anschlag steckt? „Sie kennen ja die Version der Behörden“, es klingt unfroh. Ob verschärfte Gesetze helfen? „Nein, dann bekommen bestimmte Leute bei uns nur noch mehr freie Hand.“