Mahnwache der Samstagsmütter im Mai 2024: Seit vorigem Jahr dürfen nur noch zehn Personen teilnehmen. Foto: Susanne Güsten

Die türkischen „Samstagsmütter“ fordern seit 1995 vom Staat auf dem Istanbuler Galatasaray-Platz Aufklärung über ermordete Angehörige. Sie trotzen dabei Repressalien und der Verzweiflung.

Maside Ocak war 19 Jahre alt, als ihr Bruder verschwand. Ihre Familie feierte einen Geburtstag an jenem Tag, dem 21. März 1995, aber ihr Bruder Hasan kam nicht. Der junge Lehrer war bei einer Polizeirazzia festgenommen worden, wie die Angehörigen bald erfuhren, doch auf der Wache und dem Polizeipräsidium wusste man angeblich von nichts.

 

In einem namenlosen Grab außerhalb von Istanbul wurde Hasan Ocak nach 58 Tagen gefunden; seine Leiche trug Folterspuren. Die Staatsanwaltschaft winkte ab, als die Ocaks Anzeige erstatten wollten. Da stellten sich Maside Ocak und ihre Eltern mit den Familien von vier weiteren Opfern auf den Galatasaray-Platz in Istanbul und hielten schweigend ein Bild von ihrem toten Bruder hoch – ein stummer Schrei nach Gerechtigkeit für Hasan und Hunderte weitere Menschen, die türkische Polizeikräfte in den 90er Jahren verschwinden ließen. Immer wieder von den Behörden verboten und der Polizei zusammengeprügelt, versammelt sich die Mahnwache an diesem Samstag zum 1000. Mal auf dem Galatasaray-Platz: Gerechtigkeit ist bis heute nicht getan.

Angehörige verschwanden, als der Staat missliebige Aktivisten beseitigte

„Ich stehe hier seit meinem 19. Lebensjahr“, sagt die heute 48-jährige Maside Ocak. „Darüber sind nun 29 Jahre vergangen.“ Als „Samstagsmütter“ sind die Angehörigen bekannt geworden, weil sie sich die argentinischen Mütter der Plaza del Mayo zum Vorbild nahmen, aber es sind auch Väter, Ehefrauen, Söhne und Töchter, Brüder und Schwestern der Opfer dabei, so wie Maside Ocak. Ihre Angehörigen verschwanden, als der Staat missliebige Aktivisten, oft Kurden oder Linke, aus dem Weg räumte.

Die Mahnwache der Samstagsmütter ist eine Institution geworden in der Türkei. Jahrelang schwoll ihre Teilnehmerzahl an, als immer mehr Menschen „verschwunden wurden“, wie das Verschleppen und Ermorden genannt wird: kein Anwalt, kein Gericht, dafür kurzer Prozess mit der Schusswaffe und eine Leiche im Wald oder in einem Brunnenschacht.

Am 27. Mai 1995, kurz nachdem die Leiche von Hasan Ocak gefunden wurde, versammelten sich die Samstagsmütter zum ersten Mal auf dem Galatasaray-Platz. Ihr Protest war eine Provokation für den Staat, der für sich in Anspruch nimmt, immer im Recht zu sein – auch in einem schmutzigen Krieg gegen die eigenen Bürger. „Tiefer Staat“ lautet der türkische Begriff für den Filz aus Polizei, Bürokraten und Killern, die Jagd auf angebliche Feinde der Türkei machten. Ein ehemaliger hoher Offizier bezeichnete die Morde als „Staatspolitik“.

Seit 1995 habe die Türkei 17 verschiedene Regierungen gehabt, doch bis heute habe sich nichts geändert, sagt Maside Ocak. In dieser Zeit waren rechtskonservative, sozialdemokratische und islamisch geprägte Politiker an der Macht – doch niemand stellte die Mörder vor Gericht. Der Staat müsse vor Enthüllungen geschützt werden, sagte Ex-Innenminister Mehmet Agar, prominentester Vertreter des „Tiefen Staates“. Er begründete das mit einem Vergleich: „Wenn ich auch nur einen Ziegel aus der Wand ziehe, bricht alles zusammen.“ Der Staat konnte deshalb nicht hinnehmen, dass die Samstagsmütter wissen wollten, was ihren Männern und Söhnen geschehen war. Bei den wöchentlichen Demonstrationen tauchte immer mehr Polizei auf. „Wir wurden immer wieder festgenommen, asthmakranke Frauen wurden mit Tränengas beschossen, sie haben die Hunde auf uns gehetzt“, erinnert sich Maside Ocak. „30 Wochen lang ging das so.“ Unter diesem Druck unterbrachen die Samstagsmütter 1999 ihren Protest und nahmen ihn erst zehn Jahre später wieder auf.

Was aus ihrem Mann geworden ist, weiß sie bis heute nicht

Hanim Tosun gehört zu den Frauen, die von Anfang an dabei waren. „Einen Knochen nur, die Nummer eines namenlosen Grabes“ wünscht sich die Samstagsmutter, damit sie ihren verschwundenen Mann endlich richtig begraben kann. Der 35-jährige Fehmi Tosun wurde am 19. Oktober 1995 vor seinem Haus in Istanbul von drei bewaffneten Zivilpolizisten in ein Auto gezerrt und nie wieder gesehen. Seine Frau konnte das Kennzeichen des Wagens notieren, doch die Behörden wollten nicht ermitteln: Der Datenschutz verbiete das, wurde ihr gesagt. Bis vor den Europäischen Menschenrechtsgerichtshof ist die heute 58-jährige Hanim Tosun gegangen, der ihrer Klage 2003 recht gab, doch was aus ihrem Mann geworden ist, weiß sie bis heute nicht. Ähnlich wirkungslos blieb die Klage, die Familie Ocak noch im Juli 1995 in Straßburg einreichte: Der Menschenrechtsgerichtshof verurteilte die Türkei im Jahr 2004 zwar zu einer Geldstrafe, weil ihre Justiz nicht ermittelt habe, aber angeklagt wurde niemand. Die Hoffnung, ihren Mann lebend wiederzusehen, habe sie längst aufgegeben, sagt Hanim Tosun, aber sie wünsche sich ein Grab, das sie mit ihren Kindern und Enkeln besuchen könne. Außerdem wünscht sie sich Gerechtigkeit. „Ich habe fünf Kinder allein großziehen müssen“, sagt sie. „Nie wieder soll in diesem Land ein Kind ohne Vater oder Mutter aufwachsen müssen.“ Dazu habe die Mahnwache der Samstagsmütter beigetragen, sagt Hanim Tosun. Für das Jahr 1994 dokumentierte der türkische Menschenrechtsverein IHD, der die Samstagsmütter unterstützt, rund 500 Fälle von Verschwundenen. Nach vier Jahren Demonstrationen der Samstagsmütter waren es im Jahr 1999 nur noch zwölf. Darauf sei sie stolz, erzählt Hanim Tosun auf dem Galatasaray-Platz: „Ich bin auf diesem Platz mit Tränengas beschossen worden, ich bin hier festgenommen worden, bin verprügelt worden, bin von Polizeihunden angegriffen worden, aber ich bin stehen geblieben. Wenn wir nicht seit Jahren hier stehen würden, wären noch viel mehr Menschen verschwunden.“

Als sich die Samstagsmütter 2009 wieder zusammenfanden, keimte in der Türkei die Hoffnung auf eine friedliche Lösung des Kurdenkonflikts auf. Der heutige Präsident Recep Tayyip Erdogan, damals Ministerpräsident, sprach als erster türkischer Regierungschef öffentlich von einem Kurdenproblem in seinem Land und empfing 2011 eine Delegation der Samstagsmütter. Erdogans Regierung ließ im Kurdengebiet die Verbrechen der Vergangenheit untersuchen. Ex-Minister Agar und andere Verantwortliche kamen vor Gericht. Bei Grabungen in Südostanatolien wurden die Skelette von Hinrichtungsopfern gefunden. Rund 250 Massengräber mit bis zu 10 000 Opfern gebe es, schätzte der IHD. Doch die Hoffnung auf eine friedliche Lösung der Kurdenfrage und eine Bestrafung der Schuldigen im schmutzigen Krieg zerbrach im Jahr 2015 an neuen Gefechten zwischen der türkischen Armee und der kurdischen Terrorgruppe PKK. Drei Jahre später verbündete sich Erdogan mit der rechtsnationalistischen MHP, die jeden Kompromiss in der Kurdenpolitik ablehnt. Ex-Minister Agar und andere Angeklagte wurden freigesprochen, die Demonstrationen der Samstagsmütter wurden verboten: Bei ihrer 700. Kundgebung im August 2018 räumte die Polizei den Platz und zerrte die Frauen weg, darunter die damals schon 82-jährige Mutter von Hasan und Maside Ocak, Emine Ocak. Danach unterbanden die Behörden jeden Versuch der Samstagsmütter, auf den Platz zu kommen. Woche für Woche sperrte die Polizei alle Zugangswege zum Platz ab und nahm Frauen fest, die trotzdem kamen. Erst im vergangenen Jahr fiel das Verbot – unter strengen Auflagen.

„Wir haben nur diesen Platz“

Eine juristische Aufarbeitung der Morde gibt es bis heute nicht. Aufgeben will Hanim Tosun aber nicht. „Der Staat soll zumindest seine Archive öffnen“, sagt sie. Jeden Samstag steht sie mit anderen Müttern vor den Polizeibarrieren am Galatasaray-Platz und hält schweigend das Bild eines Verschwundenen hoch. „Wir haben ja kein Grab, an dem wir unserer Angehörigen gedenken können“, sagt Tosun. „Wir haben nur diesen Platz.“