Schwindelattacken wie nach dem Karussell-Fahren: Das könnte der Hinweis auf Morbus Menière sein.

Stuttgart - Der Anfall überkommt ihn ganz plötzlich. Minutenlang dreht die Welt sich rasend schnell um Harry L. Er kann sich kaum auf den Beinen halten. Als wäre das nicht schon genug, spürt er eine unglaubliche Übelkeit und merkt, dass er auf dem rechten Ohr nichts mehr hört. Eine Woche später erlebt der 53-Jährige wieder eine Attacke. Er geht zum Arzt, der bei ihm Morbus Menière diagnostiziert.

Ein chronisches Leiden, an der statistisch gesehen jedoch nur 0,5 Prozent aller Menschen erkranken. Die eigentliche Ursache der Krankheit ist bislang unklar. Morbus Menière, der Name geht auf den französischen Arzt Prosper Menière (1799 bis 1862) zurück, ist unheilbar.

In einer Studie untersucht der Münchner Neurologe und Schwindelexperte Michael Strupp am Klinikum Großhadern jetzt, wie eine höhere, bisher nicht zugelassene Dosis Betahistin Schwindelattacken bei Morbus Menière beeinflusst. Eine Dosis von maximal 48 Milligramm täglich wird schon lange bei heftigen Schwindelattacken eingesetzt. Betahistin stammt aus der Gruppe der Antivertiginosa - Schwindel heißt in der Fachsprache Vertigo. Das Medikament erweitert die Gefäße im Innenohr. Es fördert die Durchblutung, die bei Schwindel oft gestört ist, und senkt den Überdruck.

Bei der Studie erhält eine Gruppe Probanden die empfohlene Dosis (zweimal 24 Milligramm), eine andere Gruppe die erhöhte (dreimal 48 Milligramm) und eine dritte Gruppe schluckt Placebos. 160 Betroffene sollen mitmachen. Die Teilnahme ist bis Ende 2011 möglich. Eine Pilotstudie aus dem Jahr 2008 hat bereits gezeigt, dass eine höhere Dosis Betahistin besser wirkt als eine niedrige. Die herkömmliche Dosierung befreit jeden Zweiten von seinen Attacken. Strupp hofft, dass die erhöhte Menge 90 Prozent der Patienten hilft.

Die Einnahme von Betahistin ist rein prophylaktisch und schwächt nicht bereits eingetretene Schwindelattacken, sagt Strupp. Es behandelt vielmehr den erhöhten Druck im Mittelohr. Der Mediziner vergleicht die Arznei mit einem Mittel gegen Bluthochdruck, dass Patienten auch täglich nehmen müssen. Eine hohe Dosis Betahistin ist deshalb unbedenklich.

Morbus Menière verursacht heftige Drehschwindelattacken

Ein erhöhter Druck im Innenohr, so vermuten Ärzte, ist dafür verantwortlich, dass Menière-Erkrankte plötzlich an derart heftigen Drehschwindelattacken leiden, dass ihr Leben teils extrem beeinträchtigt ist. Der erhöhte Innenohrdruck entsteht, wenn in dem Organ mehr Flüssigkeit produziert wird, als es aufnehmen kann, sagt Strupp. Dadurch reißt die Membran ein, und die kaliumreiche Flüssigkeit tritt aus. Sie mischt sich mit einer anderen, natriumreichen Flüssigkeit des Ohrs. Die Folge: Das Organ, in dem der Gleichgewichtssinn sitzt, wird für kurze Zeit gelähmt, das Gehirn bekommt falsche Signale übertragen. Es kommt zu Schwindelattacken, die mehrere Stunden andauern und von Übelkeit, einseitigem Hörverlust und Tinnitus geprägt sein können. Strupp sagt, dass das ähnlich wie bei einem Handschuh ist, der zu viel Flüssigkeit enthält und platzt. Anders als das Loch im Handschuh verschließt das Loch in der Membran sich aber von selbst.

Risikofaktoren für Morbus Menière gibt es keine. Jedoch kann eine Erkrankung des Innenohrs, zum Beispiel eine Entzündung, dazu führen, sagt Strupp. "Menière ist der Endpunkt verschiedener Erkrankungen", sagt Strupp. Am häufigsten plagt sie Menschen zwischen 40 und 60 Jahren, betroffen sind mehr Männer als Frauen.

Wer an der Studie teilnehmen will, muss pro Monat an mindestens zwei Attacken leiden, die wiederum an drei aufeinanderfolgenden Monaten auftreten. Hörverlust, Tinnitus oder Völlegefühl im Ohr sollten die Anfälle begleiten. Die Teilnehmer sollten zwischen 18 und 80 Jahren sein. "Sie dürfen weder Asthma noch ein Magengeschwür haben", sagt Strupp. Die Behandlung geht über neun Monate, dann folgt eine Nachbehandlung von drei Monaten. Attacken, die selten auftreten, lassen sich wegen der Übelkeit mit Präparaten wie Vomex behandeln, sagt Strupp. Sonst hilft, den Kopf ruhig zu halten und warten, bis Besserung eintritt.

Bundesweit beteiligen sich 15 Zentren an der Studie, darunter die Tübinger Hals-Nasen-Ohren-Klinik (HNO). Patienten, die trotz einer weiteren Anfahrt nach München kommen wollen und nicht in eines der Studienzentren, werden die Fahrtkosten und Übernachtungen im Hotel erstattet. Der stellvertretende Ärztliche Direktor der Tübinger HNO-Klinik, Hubert Loewenheim, sagt, dass jeder 20. Patient der HNO-Klinik über Schwindel klagt. MorbusMenière-Patienten behandelt er täglich. "Neben der Schwerhörigkeit ist Schwindel eines der wichtigsten Leitsymptome von Erkrankungen des Ohrs und damit sehr häufig zu finden", sagt Loewenheim. Patienten, deren Schwindel vom Ohr ausgeht, werden in der HNO-Klinik behandelt.

Mediziner sprechen von Schwindel, wenn Menschen ihre Umgebung gestört wahrnehmen. Die Gleichgewichtszentren im Gehirn sind nicht fähig, ein passendes Abbild der Umgebung zu liefern. Wegen der widersprüchlichen Informationen der Sinnesorgane sendet das Gleichgewichtszentrum Alarmsignale aus. Grundsätzlich warnt Schwindel, dass im Körper etwas nicht stimmt, organisch oder seelisch bedingt. Er ist ein Symptom, keine Krankheit. "Wann Schwindel harmlos ist, lässt sich schwer beantworten", sagt Strupp. Studien haben ergeben, dass 20 bis 30 Prozent der Menschen von Schwindel betroffen sind. Zum Arzt gehen sollten Personen, bei denen Schwindel zusammen mit einem anderen Symptom auftritt - Doppelbildern, Lähmungen oder einer Fallneigung zur Seite, sagt Strupp. "Die Fallneigung zeigt, dass im Hirnstamm etwas nicht funktioniert.

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