Zehn Tage lang sind Jugendliche aus Kairo in Stuttgart zu Gast gewesen. Am letzten Abend haben sie sich im Jugendhaus Möhringen getroffen. Foto: Malte Klein

Zehn Tage lang haben 13 Jugendliche aus Kairo Stuttgart besucht. Viele haben zum ersten Mal im Leben Schnee gesehen – und sich über den Anblick der weißen Flocken sehr gefreut. Den Austausch hat das Jugendhaus Möhringen organisiert.

Möhringen - Der Schnee hat bei Mohamed Elbetity einen bleibenden Eindruck hinterlassen. Der 19-jährige Ägypter hat das erste Mal in seinem Leben die weißen Flocken gesehen. „Ich habe es gemocht, den Schnee auf der Schwäbischen Alb zu sehen und darauf zu wandern“, sagt Elbetity. Auch auf die anderen zwölf ägyptischen Jugendlichen zwischen 14 und 18 Jahren hat das deutsche Winterwetter Eindruck gemacht. „Unsere Jugendlichen haben den Schnee gemocht“, sagt Dalia Sherif. Die 32-Jährige begleitet die Gruppe und arbeitet in Kairo für die Jugendorganisation AFS. Zehn Tage waren die Schüler in Stuttgart zu Gast.

Am Montagabend sitzen Sherif und Elbetity im Jugendhaus Möhringen, dessen Team den Austausch auf deutscher Seite organisiert hat, und berichten von ihren Eindrücken. „Ich liebe Mercedes-Benz und ich mag das deutsche Essen, zum Beispiel Spätzle. Außerdem habe ich hier Freunde gefunden“, sagt Elbetity. Er schaute sich im Mercedes-Museum die alten Karossen an, besuchte die Börse und die Wilhelma, und blickte vom Bahnhofsturm auf Stuttgart hinunter. „Ich finde das Stadtbild interessant. Hier stehen neue und alte Häuser nebeneinander, weil im Krieg viel zerstört wurde“, sagt Elbetity. Er und die anderen zwölf ägyptischen Jugendlichen, die zwischen 14 und 19 Jahren alt sind, haben bei Familien gewohnt. „Ich habe mit ihnen zusammen gegessen und das getan, was sie in ihrem Alltag tun. So habe ich erfahren, wie die Deutschen leben.“

Die Situation in Ägypten kann Elbetity nicht vergessen

Sherif ordnet den Besuch ein: „Die Jugendlichen aus Ägypten sehen so, wie ein anderes Volk lebt.“ In Ägypten studiert Elbetity Journalistik, und auch in Deutschland interessiert ihn, was gerade in seiner Heimat geschieht. Zwei Jahre nach der Revolution in Ägypten haben wieder viele Menschen in Kairo demonstriert. In den vergangenen Wochen hat es viele Tote gegeben. „Ich schaue mir hier morgens die Bilder in der Zeitung an und telefoniere dann mit meiner Familie“, sagt Elbetity. Die Situation in Ägypten könne er nicht einfach vergessen. „Wir sind in einem Prozess hin zu einer demokratischen Gesellschaft.“ Dabei gebe es auch Rückschläge. Die Meinungsfreiheit sei ein Fortschritt im Vergleich zum Mubarak-Regime. „Es ist aber nicht so, dass in ganz Ägypten Proteste sind“, sagt er. Sherif stimmt ihm zu. „Es ist ein Platz in Kairo, an dem die Bilder der Proteste entstehen. Sonst leben wir unser normales Leben, gehen aus, kaufen ein und arbeiten“, sagt sie. Elbetity vergleicht die Situation mit der zur Zeit des Mubarak-Regimes: „Früher hatte ich das Gefühl, dass Ägypten nicht mein Land ist. Das hat sich geändert.“

In Deutschland verfolgt Andreas Bernhard, der Leiter des Jugendhauses Möhringen, die Nachrichten aus Ägypten genau, denn er organisiert den Austausch. Stuttgart und Kairo sind Partnerstädte und das Austauschprogramm gibt es schon seit zehn Jahren. Ob Stuttgarter im September nach Kairo fliegen, ist von der politischen Entwicklung abhängig. „Wir planen einen Aufenthalt, müssen aber sehen, wie die Situation dann ist.“ Der 15-jährige Ioannis Doulgeris würde sich freuen, wenn es klappt. „Ich interessiere mich für Ägypten und möchte besonders gern die Wüste und die Pyramiden sehen.“ Mit seinem ägyptischen Gast, der bei ihm wohnt, unterhält er sich auch über Politik. „Er steht hinter Mursi als Präsidenten und kritisiert, dass die Ägypter ihm bisher noch keine Chance gegeben hätten“, sagt Doulgeris. Am Dienstag sind die Ägypter zurück in ihre Heimat geflogen. „Es war ein kalter Besuch, aber das war es wert“, wäre die Überschrift über seine Zeit in Stuttgart, sagt Elbetity, der angehende Journalist.

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