Das Tagesticket zum Einkaufen oder für den Kinobesuch gibt es in Tübingen, wenn der Coronatest negativ ausfällt. Foto: Lichtgut/Leif Piechowski

Das Modellprojekt „Sicheres Öffnen“ in Tübingen wird auch in anderen Städten im Land aufmerksam verfolgt. Immer mehr Bürgermeister fordern nun Öffnungsversuche auch in ihren Kommunen.

Stuttgart - Ein Ravensburger Modell, ein Modell Baiersbronn, eine Modellregion Südbaar – immer mehr Städte und Kreise im Land wollen nach Tübinger Vorbild versuchsweise Öffnungsschritte für Handel, Gastronomie und Kultur einleiten. Nach Informationen unserer Zeitung liegen dem Stuttgarter Sozialministerium bereits Anfragen von mehr als 20 Städten vor. Darunter sind Großstädte wie Ulm und Pforzheim, Mittelstädte wie Singen, Villingen-Schwenningen und Ludwigsburg, aber auch Kleinstädte wie Riedlingen, Baiersbronn und Künzelsau.

 

Am Donnerstag hatte der saarländische Ministerpräsident Tobias Hans (CDU) angekündigt, im gesamten Bundesland nach Ostern auf breiter Front Läden, Außengastronomie und Kulturstätten wieder zu öffnen. Voraussetzung für den Besuch sei dann ein tagesaktueller Schnelltest.

Tübingen bringt uns herzlich wenig“

Das wünschen sich auch viele Bürgermeister in Baden-Württemberg. Man begrüße das Tübinger Modell und verfolge den Fortgang mit großen Interesse, heißt es in einem Schreiben, das der Denkinger Bürgermeister Rudolf Wuhrer (parteilos)im Namen des Bürgermeister-Sprengels im Kreis Tuttlingen an die Landesregierung geschickt hat. „Nur bringt dieser Testversuch den restlichen Städten und Gemeinden mit ihren Einzelhandelsstrukturen herzlich wenig, wenn er eben nur in Tübingen stattfindet und nicht auf das ganze Land übertragen wird“, schreibt Wuhrer.

Das Sozialministerium zeigt mittlerweile Bewegung. „Wir sind offen für weitere Modellversuche. Allerdings muss natürlich alles vor dem Hintergrund der Infektionszahlen gespiegelt werden“, sagte Gesundheitsminister Manne Lucha (Grüne). Ein erster Vorstoß des Kreises Böblingen wurde in der vergangenen Woche mit Hinweis auf die zu hohen Inzidenzzahlen negativ beschieden. Die Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) forderte die Kommunen zu mehr Kreativität auf. „Es ist keinem Bürgermeister und keinem Landrat verwehrt, das zu tun, was in Tübingen gemacht wird“, sagte Merkel am Donnerstag in einer Regierungserklärung im Bundestag.

Gegen ein „fantasieloses Weiter-so“

„Wir begrüßen die Aussage, dass wir verantwortungsvoll Schritte gehen sollen“, sagte der Oberbürgermeister von Ravensburg, Daniel Rapp. Das Land solle jetzt Klarheit für die Umsetzung schaffen. Weitere Modellprojekte seinen nötig, sagte der Oberbürgermeister von Villingen-Schwenningen, Jürgen Roth (CDU). Er habe Zweifel, „dass Erkenntnisse aus dem Modellprojekt Tübingen auf den ländlichen Raum übertragbar“ seien. Zudem gebe es „Verbesserungspotenzial in der Versuchsanordnung“.

Manchen scheint der Tübingen-Hype ohnehin längst auf den Wecker zu gehen. Nicht jede Stadt genieße Unterstützung und wissenschaftliche Begleitung durch eine ansässige Uniklinik. Und nicht jede Stadt profitiere davon, dass ein Drittel ihrer Bevölkerung Studenten seien, die nur noch Onlinevorlesungen hörten, klagt der Crailsheimer Oberbürgermeister Christoph Grimmer (parteilos) in einem Brief an die Landesregierung. Seine Stadt liegt im Kreis Schwäbisch Hall, wo der Inzidenzwert zuletzt weit über die 300-er-Marke stieg. Trotzdem fordert auch er für Crailsheim ein Modellprojekt. Wo, wenn nicht hier müsse ein Weg aus der Krise gesucht werden, so Grimmer. Statt eines „fantasielosen Weiter-so“ bräuchten gerade die Geschäftsleute in seiner Stadt eine Perspektive.

Traditionsgeschäfte stehen vor dem Aus

Tatsächlich zeigen sich in den Mittel- und Kleinstädten immer deutlicher die Auswirkungen der Beschränkungen. „Wir haben kaum Filialisten, sondern noch viele alteingesessene Einzelhandelsbetriebe, die auch das gesellschaftliche Leben prägen“, sagte der Bürgermeister von Blumberg, Markus Keller (CDU), der zusammen mit Donaueschingen, Bräunlingen und Hüfingen in der Südbaar ein Modellprojekt initiieren möchte. Den ersten Lockdown hätten sie gut weggesteckt, den zweiten einigermaßen verdaut. „Aber jetzt gibt es hier Einzelhändler mit 150-jähriger Geschichte, die ernsthafte Zweifel haben, ob sie das noch durchstehen.“

Längst haben überall kommunale Testzentren eröffnet. In Blumberg ist es in einem ehemaligen Getränkemarkt am Ortseingang untergebracht. Bis zu 700 Menschen könnten dort täglich getestet werden. Bisher sind es aber kaum mehr als 80. „Solange die Läden zu haben, gibt es keine Motivation, das auszubauen.“