Samir Frikach schraubt an einem Chassis für ein Modell-Driftauto Foto: Horst Rudel

Samir Frikach vom Drift-Verein in Kemnat ist mehrfacher Weltmeister. Er baut für Modell-Driftautos besondere Chassis.

Kemnat - Es ist eine von außen unscheinbare Halle im Tal bei Stockhausen. Doch wer sie betritt, reibt sich die Augen. Auf rund 300 Quadratmetern Fläche ist eine Driftstrecke entstanden. Zu sehen sind spektakuläre Szenen: Denn beim Driften fahren die Fahrzeuge kontrolliert quer über die Straße. Auch an diesem Samstag sind etwa 20 Männer mit ihren Modell-Driftautos wieder in der auf den Namen „Driftstation 443“ getauften Halle zugange. Im hinteren Teil stehen Werkbänke, an denen sie an ihren Autos und Chassis herumbasteln. Gleich nach dem Eingang beginnt eine große Driftstrecke. Der Boden ist poliert und mit Kunstharz gestrichen. Darauf können die Autos besser driften. Die Strecke ist gesäumt von einem etwa 2,50 Meter hohen Nachbau des Stuttgarter Fernsehturms, von Tribünen, einer Tankstelle, Grünanlagen und einem Bergmassiv. Wer genau hinsieht, erkennt sogar eine Miniatur-Seilschaft auf Klettertour.

Auch Samir Frikach ist in der Halle. Sie ist sozusagen sein zweites Zuhause. Er wohnt zwar in Pliezhausen (Kreis Reutlingen), aber es vergeht kaum ein Wochenende, an dem er nicht in Kemnat seinem Hobby nachgeht. Der 38-Jährige steuert mit der Fernbedienung Modell-Driftautos – und er baut die Chassis für seine Fahrzeuge selber. Das unterscheidet ihn von vielen anderen Piloten aus der Szene.

Ein Standardchassis gibt es als Einstiegsmodell ab rund 170 Euro. Bessere Modelle kosten schon mal bis zu 900 Euro. Doch damit gibt sich Samir Frikach nicht zufrieden. Er baut seine Chassis um und gestaltet sie einzigartig. Und zwar so gut, dass er seit 2016 unter jeweils rund 250 Teilnehmern schon dreimal Weltmeister in den Disziplinen rear-wheel drive (Hinterradantrieb) und Allrad wurde. Sein Erfolgsgeheimnis: „Wir kommen auf Ideen, auf die andere nicht kommen“, sagt der gelernte Industrieelektroniker. Mit seinem Freund Stephan Lohner trifft er sich zumeist zum Abendessen, „und dann kommen uns die verrücktesten Gedanken“. Lohner hat die passenden Werkzeuge, gemeinsam tüfteln und basteln die beiden dann oft stundenlang an ihren Driftautos herum. Für die WM 2016 ließen sie erstmals die Leitungen im Chassis verschwinden. Normalerweise hängen sie als lose Kabel im Auto herum. Frikach verwendete stattdessen starre Kupferdrähte. 2018 toppte er dann diese Weiterentwicklung. Er verzichtete auf die handelsübliche Bodenplatte aus Kunststoff. Stattdessen fräste er aus einem Alustück eine Bodenplatte heraus und eloxierte sie. Auf der Rückseite prangen zudem markante Sprüche aus dem Star Wars Epos „The dark side“. In die Bodenplatte wiederum ließ er Platinen ein, die bei früheren Modellen noch aufgeschraubt waren. Weiterer Blickfang: Bei Samir Frikach bekommen die Chassis eigene Farben. Und die Aluteile des Autos veredelte er mit einem Laser. Vor einer WM arbeitete er jeweils drei Monate lang täglich an den neuen Chassis, bis sie fertig waren. Seine ausgefallenen Bauteile haben ihm in der Szene längst den Spitznamen „Freakach“ eingebracht.

Das Driften mit Modellautos kommt aus Japan

Begonnen hatte alles vor etwa zwölf Jahren. Damals fuhr Frikach noch mit Tourenwagenmodellen. Doch Japan war bereits „Driftland“, erzählt er, und der Trend schwappte über die USA dann nach Europa. Als Frikach erstmals driftende Automodelle sah, war er fasziniert. Aus 60er Abflussrohren schnitt er zunächst selbst Reifen zu, denn von professionellen Herstellern kamen sie erst 2010 zum kaufen auf den Markt. 2009 gründete er mit gleichgesinnten Modellfreunden den Verein Devils Drift Crew. Damit sind sie bis heute der einzige eingetragene RC Drift Verein in Deutschland. Am Anfang traf man sich in Fellbach in einem nur 80 Quadratmeter großen Keller. 2016 fand der Verein in Kemnat in einem ehemaligen Schweinestall eine neue, deutlich größere Heimat. Im Sommer, wenn das Garagentor der Halle offen ist, bleiben am Wochenende die Spaziergänger und Radfahrer stehen und schauen den Driftern beim Ausüben ihres Hobbys zu. Am 27./28. Juli werden sie ein besonderes Spektakel erleben. Dann findet einer von fünf Läufen um die Deutsche Meisterschaft in der Klasse D1:10 in Kemnat statt. Bei den Rennen treten immer zwei Fahrer gegeneinander an. Der Vorausfahrende, der sogenannte Leader, muss auf dem Parcours die Ideallinie fahren. Der Hinterherfahrende, der sogenannte Chaser, muss ihn möglichst exakt kopieren. Im zweiten Lauf ändern sich die Rollen. Wer in beiden Läufen am besten abschneidet, ist Sieger.

Samir Frikach hat sich ein neues Ziel gesetzt. Denn bei der WM im Chassisbau will er vorerst nicht mehr antreten. „Mir fällt momentan nichts mehr ein, um meine Chassis nochmal zu toppen“, verrät er und lacht. Deshalb steht für ihn fest: „Für mich ist jetzt der große Reiz, fahrerisch besser zu werden.“ Bisher ist er regelmäßig unter den besten Zwanzig in Deutschland gelandet. Im Juli will er nun erstmals in die top ten vorstoßen.

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