Der Modehandel im Land nimmt wieder Fahrt auf, doch vom Online-Boom profitieren die wenigsten. Zwei Händler erzählen über die Macht von Zalando und die verzweifelte Suche nach Fachkräften.
800 Frauen kamen zur vergangenen „Ladies Night“ im Tübinger Modehaus Zinser, auch in den Filialen in Herrenberg und Singen war der Zuspruch zu dem abendlichen Einkaufsevent groß. Seitdem die Coronabeschränkungen gefallen und die Temperaturen gestiegen sind, kommen auch tagsüber wieder mehr Kunden. „Die Menschen haben wieder Lust einzukaufen, und die Besucherfrequenzen nehmen zu“, sagt Zinser-Geschäftsführer Christian Klemp. „Normal laufen die Geschäfte aber noch immer nicht.“
Im April fehlte im Vergleich zum Vor-Corona-Jahr 2019 in den neun Zinser-Filialen jeder vierte bis fünfte Kunde. Der Umsatz dagegen lag nur im einstelligen Bereich zurück, denn wie schon in der Pandemie kauften die Menschen gezielter und mehr ein.
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Ein Trend, von dem auch andere Modehändler berichten. Ein Grund ist wohl auch der Nachholeffekt. Weil viele Feste und Aktivitäten in den vergangenen zwei Jahren eingeschränkt waren, kleiden sich die Leute nicht nur für Hochzeiten, sondern auch für Abschlussbälle und Events neu ein. Deshalb ist derzeit die während der Homeoffice-Pflicht vernachlässigte formellere Mode besonders gefragt, allerdings in einer etwas lässigeren Variante. Krawatte, Kostüm und das klassische Herrenhemd sind auf dem Rückzug.
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Doch was nach dem Nachholeffekt kommt und ob sich die neue Einkaufslust verstetigt, kann derzeit kaum jemand sagen. Wegen der hohen Inflation achten viele Kunden stärker auf ihre Ausgaben. Der Ukraine-Krieg dämpft die Stimmung. „Ob Putin, Corona oder geschlossene Häfen in China – derzeit gibt es viele entscheidende Faktoren, die wir nicht beeinflussen können“, sagt Klemp. „Früher ging es vor allem um das Wetter.“
Zumindest läuft der Online- und Versandhandel so gut wie nie, heißt es beim Handelsverband Textil (BTE). Im vergangenen Jahr stiegen die Erlöse um fast ein Viertel auf rund 21 Milliarden Euro – damit wurde fast jeder dritte Euro über das Internet erzielt. Von den Rekordzahlen profitierten an erster Stelle der Internetgigant Zalando sowie große Produzenten wie Hugo Boss, Handelsketten wie H&M oder große Modehäuser wie Breuninger in Stuttgart. Für die meisten Händler lohnt es sich jedoch kaum, einen eigenen Online-Shop aufzubauen. Die Waren auf dem Marktplatz von Zalando zu verkaufen rentiert sich für sie meist ebenso wenig.
120 von 200 Paketen kamen wieder zurück
Der Biberacher Modehändler Friedrich Kolesch hat es dennoch bei Zalando versucht, „aus Not, als ich wegen der Coronamaßnahmen monatelang meinen Laden schließen musste“, wie er betont. Mit 3000 Quadratmetern auf vier Stockwerken hatte der Platzhirsch viel auf Lager. Im vergangenen Jahr habe er in der Spitze über Zalando 200 Pakete am Tag verschickt, doch davon kamen 120 wieder zurück. „Wenn ich nur zwei von fünf Bestellungen verkaufe, zahle ich sechs Mal die Transportkosten für den Hin- und Rückversand für nichts. Dazu kommt die Provision an Zalando. Am Ende erziele ich gerade mal den Einkaufspreis. Die Arbeitszeit für das Verpacken und Verschicken ist nicht einmal eingerechnet.“
Er habe es im Lockdown versucht, auch um einen Teil der Mitarbeiter weiter beschäftigen zu können, sagt Kolesch. Dass die Retourenquote so hoch sei, hätte er selbst nicht geglaubt. „Auch wer nicht so gut rechnen kann, wird darauf kommen, dass man bei Zalando draufzahlt.“
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Neben dem Schnitt könnten die Kunden beim Online-Kauf vor allem die Größen nicht beurteilen, meint Kolesch, die Größe M etwa könne bei verschiedenen Herstellern auch mal ein S oder ein L sein. Und wie sich der Stoff anfühlt, das erfahre der Kunde erst beim Ladenkauf. „Bei uns probierst du es und nimmst zwei oder drei mit, und die Sache ist erledigt. Es ist doch effizienter, sich in einem gut sortierten Geschäft beraten zu lassen, als sich alles Klick für Klick zusammenzusuchen und das meiste wieder zurückzuschicken. Mir wäre es persönlich zu blöd. Ich denke, diese Erfahrung haben auch andere gemacht.“
Auch deshalb ist Kolesch optimistisch, dass die reale Welt der virtuellen gewachsen ist. Zurzeit mache er im Vergleich zu 2019 nur rund zehn Prozent Minus. „Langsam erholt sich die Lage, unser Geschäftsmodell funktioniert“, meint er. Das Personal für mehr Umsatz steht bereit. Von seinen 40 Fachkräften sind in der Coronakrise nur wenige gegangen.
Im Modehaus Zinser sind noch immer 50 Stellen unbesetzt
Bei den meisten Händlern im Land sieht das anders aus. Bei Zinser etwa verließen während der Lockdown-Phasen 120 der 730 Beschäftigten das Unternehmen, weil ihnen das Geld oder eine Perspektive fehlte – dem guten Branchenruf von Zinser zum Trotz. Im vergangenen Sommer gewann das Modehaus 70 neue Mitarbeiter dazu. Obwohl man massiv um Fachkräfte warb und derzeit 40 junge Menschen ausbildet, sind noch immer 50 Stellen frei. Mit dem Marketing ließen sich lediglich die aktuellen Weggänge kompensieren.
„Mit mehr Mitarbeitern könnten wir teils schon jetzt mehr Umsatz erzielen“, sagt Klemp. „Manche Mitarbeiter gingen, um zum Beispiel Erzieher zu werden, weil es dort keine Samstagsarbeit oder Kurzarbeit gibt“, sagt Klemp. Zumindest von der Modekette Orsay, die auch in Baden-Württemberg viele Läden schließen musste, habe man einige Mitarbeiter gewinnen können. Dass fast alle Branchen um Fachkräfte buhlen, treffe den Modehandel derzeit besonders hart. „Der Modehandel hat durch die langen Schließungen massiv an Vertrauen verloren.“
Modebranche erwartet im Herbst Preisschub
Preise
Der Branchenverband BTE rechnet damit, dass im Herbst Mode und Textilien teils deutlich teurer werden. Hauptgrund sind gestiegene Einkaufspreise infolge gestiegener Preise für Rohstoffe und Logistik. Aber auch die eigenen Kosten für Energie und Transport wollen viele Händler an die Verbraucher weitergeben.
Lieferketten
Während andere Branchen massiv unter gestörten Lieferketten leiden, haben derzeit nur wenige Modehändler bei der Beschaffung Probleme – hier betrifft es vor allem Waren aus Asien. „Insgesamt ist die Lieferfähigkeit überraschend gut“, heißt es. Ein Grund ist auch, dass die aktuelle Kollektion bereits geliefert wurde.
Ladensterben
Das befürchtete große Ladensterben infolge der Coronakrise ist laut BTE im Modehandel ausgeblieben. Allerdings hätten viele Modeketten ihr Filialnetz ausgedünnt, vor allem in den Innenstädten, sagt Sprecher Axel Augustin. „Der klassische Mittelständler hat sich recht gut geschlagen.“ Viele Geschäftsaufgaben gab es, wenn ältere Inhaber keine Nachfolge finden konnten. „Wir glauben aber, dass es mehr Schließungen ab Ende des Jahres geben wird“, betont Sabine Hagmann vom Handelsverband Baden-Württemberg.