Müssen für den Ausbau von Radschnellwegen Parkplätze weichen? Foto: dpa/Christoph Schmidt

Die Stadt Stuttgart will ihre Radschnellverbindungen ausbauen. Viele Routen führen über die Filder, und mancherorts gibt es Protest. Denn um freie Fahrt für Pedaleure zu ermöglichen, müssen Autofahrer oft zurückstecken. Ein Beispiel aus Stuttgart-Vaihingen.

Vaihingen - Der Aufruhr auf der Rohrer Höhe ist groß. Seit Kurzem kursiert dort ein Flugblatt mit der Überschrift: „Waldburgstraße soll Fahrradstraße werden – Ihre Parkplätze sind in Gefahr und niemand hat Sie gefragt“. Das Ganze ist mit vielen Ausrufezeichen versehen.

Hintergrund ist eine Machbarkeitsstudie zu Radschnellverbindungen in Stuttgart, die an diesem Dienstag, 28. Juli, im Ausschuss für Stadtentwicklung und Technik beraten werden soll. Die Vorlage besagt, dass die Einrichtung von 13 Radschnellverbindungen auf Stuttgarter Gemarkung „technisch machbar ist“ und gleichzeitig „eine wirtschaftliche Maßnahme zur Förderung des Radverkehrs in der Region darstellt“. Die Maßnahme umfasst eine Länge von 102 Kilometern und kostet geschätzt 125 Millionen Euro. Das entspricht 1,2 Millionen Euro je Kilometer.

Anwohner forder mehr Information und Beteiligung

Eine dieser Radschnellwege verläuft von Böblingen kommend über die Brücke über die A8 durch die Waldburgstraße und dann weiter über die Krehl-, Freibad- und Volmoellerstraße zum Vaihinger Bahnhof. Von dort aus geht es Richtung Kaltental. „Die Führung über die Waldburgstraße sollte in Form einer Fahrradstraße erfolgen. Trotz Busverkehr gilt es hier, den Verkehr auf die Radfahrenden abzustimmen. Alternativ sollte zumindest die zulässige Höchstgeschwindigkeit auf 30 Kilometer in der Stunde reduziert werden“, heißt es in der Machbarkeitsstudie.

Thilo Fink hat diese gelesen und das Flugblatt verfasst, das nun für Wirbel sorgt. Er wohnt selbst an der Waldburgstraße und schreibt an seine Nachbarn adressiert: „Viele von Ihnen stellen sich vermutlich nun die Frage, ob zukünftig auf der Waldburgstraße noch geparkt werden kann und künftig die Nebenstraßen wie zum Beispiel die Walter-Heller-Straße diese wegfallenden Parkkapazitäten auffangen müssen. Manche von Ihnen fragen sich, ob die Rohrer Höhe künftig mit dem Auto viel schlechter erreichbar ist, wenn eine der zwei Zufahrten eine Fahrradstraße mit Einbahnverkehr wird.“ Auch die Busverbindung könnte schlechter werden, ist auf dem Flugblatt zu lesen. Und weiter steht dort: „Auf diese Fragen von uns Anwohnern vor Ort ist niemand eingegangen. Warum werden wir in eine so wichtige Entscheidung nicht eingebunden?“, fragt Fink und fordert seine Nachbarn auf: „Wenn Sie mehr Bürgerbeteiligung wollen, dann schreiben Sie so schnell wie möglich dem Oberbürgermeister, den Fraktionsvorsitzenden der Gemeinderatsfraktionen oder auch der Presse.“

Fahrradfahrer fühlt sich wie „lebendige Autoverkehrsvermeidungsmaßnahme“

Zum Thema Beteiligung steht in der Gemeinderatsvorlage, dass in einer Abschlussveranstaltung nach der Sommerpause über die Ergebnisse der Machbarkeitsstudie informiert werden solle. Zusätzlich seien Termine für die Bezirksbeiräte geplant. Die CDU im Stuttgarter Gemeinderat fordert in einem aktuellen Antrag, dass die Lokalpolitiker vor der gemeinderätlichen Beschlussfassung beraten und künftig laufend informiert werden. Denn die Bezirksbeiräte könnten die Situation vor Ort auch im Hinblick auf den Ausbau der Radinfrastruktur am besten bewerten und dem Gemeinderat somit wertvolle Einschätzungen mit an die Hand geben, so die Begründung. Betroffen sind freilich nicht nur die Vaihinger. Die insgesamt 13 Routen führen auch durch Möhringen, Plieningen, Birkach, Degerloch und Sillenbuch.

Mittlerweile habe er einige Resonanz erhalten, sagt Fink. Die Idee, die stark befahrene Waldburgstraße in eine Fahrradstraße umzuwidmen, werde von sehr vielen Bürgern, die grundsätzlich für moderne, fortschrittliche und umweltschonende Verkehrskonzepte seien, entschieden abgelehnt. „Es gibt bessere Wege, den Radverkehr vernünftig zu führen, ohne dabei bewusst den motorisierten ÖPNV und Individualverkehr zu behindern, auf den viele ältere Menschen, aber auch Familien mit kleinen Kindern, angewiesen sind“, sagt Fink. Er sei auf der Waldburgstraße oft und immer problemlos mit dem Rad unterwegs. Für ihn wäre es keine nennenswerte Verbesserung, wenn diese nun eine Fahrradstraße werden würde. „Mir drängt sich der Verdacht auf, dass wir Fahrradfahrer abermals als lebendige Autoverkehrsvermeidungsmaßnahme herhalten sollen, was mich persönlich verärgert“, sagt Fink. Eine gute und undogmatische Verkehrspolitik müsse zum Ziel haben, die Mobilitätsbedürfnisse der Menschen zu erfüllen, indem man schnell, flexibel, günstig und umweltverträglich mit allen gängigen Verkehrsmitteln von A nach B komme.

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