Der erste Radschnellweg in Baden-Württemberg verbindet Böblingen mit Stuttgart und ist acht Kilometer lang. Er wurde im Mai 2019 eröffnet. Foto: imago/Wilhelm Mierendorf

Landesweit sind 21 Radschnellwege geplant, acht davon in der Region Stuttgart. Doch nur ein einziger wurde bislang realisiert. Warum es bei den anderen sieben stockt, hat unterschiedliche Gründe. Eine Ursachenforschung.

Naturschutzgebiete, Sicherheitsbedenken, Platzmangel oder Bürgerproteste: Es gibt zahlreiche Stolpersteine, die die Planungen für einen Radschnellweg ausbremsen können. Im Kreis Esslingen weiß man das nur zu gut: Seit Jahren strampelt man sich hier ab, um die richtige Trasse für eine solche Radlerpiste ausfindig zu machen. Und damit steht der Landkreis in der Region längst nicht alleine da.

 

Die geplanten Trassen

Landesweit sind laut dem Verkehrsministerium Baden-Württemberg derzeit 21 Radschnellwege in Planung – acht davon befinden sich in der Region Stuttgart. Doch nicht bei allen Projekten geht es reibungslos voran, seit das Land vor mehr als fünf Jahren angekündigt hat, bis 2025 zehn Radschnellwege zu bauen. Oft gestaltet es sich schwierig, eine geeignete Trasse zu finden, etwa weil es in dicht besiedelten Gebieten an Platz mangelt, weil Grünflächen versiegelt werden müssten, weil Anlieger Nachteile befürchten oder Sicherheitsbedenken haben.

Auf der Suche nach der besten Trasse

So wird etwa im Kreis Esslingen seit Jahren um die beste Strecke für den Radschnellweg RS 4 zwischen Reichenbach und Stuttgart gerungen. Strittig sind vor allem zwei Abschnitte in Plochingen und Esslingen. So gibt es in Plochingen einen Dissens über die Streckenführung durch den Landschaftspark Bruckenwasen zwischen der Stadt und dem Regierungspräsidium Stuttgart (RP) als Planungsbehörde. In Esslingen wiederum sorgte zuletzt vor allem die Route im Bereich zwischen dem Esslinger Alicensteg und der Gemarkung Stuttgart für Diskussionen. Nachdem hier zunächst eine Strecke am Nordufer des Neckars favorisiert worden war, empfiehlt das Land inzwischen eine Trasse südlich des Neckars und durch den Stadtteil Pliensauvorstadt. Diese wird jedoch von weiten Teilen der Bevölkerung und von der Mehrheit im Gemeinderat abgelehnt.

Während man beim Regierungspräsidium davon ausgeht, in Plochingen bald zu einer Lösung zu kommen, ist derzeit völlig unklar, wann eine Entscheidung über die Streckenführung in Esslingen fallen könnte. Abgesehen von diesen zwei Knackpunkten steht die Vorzugstrasse für den RS 4 von Reichenbach bis nach Stuttgart aber seit Anfang des Jahres fest. Möglichst bald will das Land in die Entwurfsplanung für die Gesamttrasse gehen – die ungeklärten Abschnitte in Esslingen und Plochingen ausgenommen. Man rechnet mit einer abschnittsweisen Realisierung des Radschnellwegs und mit einem Baustart frühestens im Jahr 2027.

Beim geplanten Radschnellweg RS 5 von Schorndorf im Rems-Murr-Kreis über Waiblingen und Fellbach nach Stuttgart läuft es ebenfalls nicht ganz rund. Auch hier steht der Trassenverlauf weitgehend fest, allerdings hat man sich in Fellbach lange nicht auf eine Route einigen können. Nachdem die Stadt zehn verschiedene Streckenvarianten untersuchen ließ, drei davon sehr intensiv, entschied man sich jüngst doch für die von Anfang an genannte Route quer durch die Stadt entlang von Schorndorfer und Stuttgarter Straße. Die genaue Trasse muss noch ausgearbeitet werden, doch klar ist schon jetzt, dass die innerstädtische Route wohl an mehreren Stellen die Radschnellweg-Standards im Hinblick auf Breite und Kreuzungsfreiheit unterschreiten wird. Zudem haben etliche Einzelhändler entlang der Strecke bereits Kritik geäußert: Sie befürchten gefährliche Situationen, wenn etwa E-Bikes in hohem Tempo an den Einfahrten zu den Parkplätzen ihrer Geschäfte vorbeirasen.

Auch im Hinblick auf den Radschnellweg RS 17 von Weil der Stadt über Renningen und Leonberg nach Ditzingen sind die Emotionen zuletzt hochgekocht, nachdem Ende vergangenen Jahres die Entscheidung über eine Trassenführung in Renningen trotz intensiver Vorberatungen noch einmal verschoben wurde. Hier geht es vor allem um die Frage, ob die Route durch ein Wohngebiet oder an der B 295 entlang führen soll. Unterdessen ringt man im Kreis Ludwigsburg um die richtige Trasse für den Radschnellweg RS 21 von Bietigheim-Bissingen über Ludwigsburg und Kornwestheim nach Stuttgart. Hier steht man vor allem vor dem Problem, dass die angepeilte Breite der Radlerpiste in vielen Bereichen nicht erreicht werden kann.

Ministerium spricht von komplexen Planungsprozessen

Vom Verkehrsministerium in Stuttgart heißt es: „Radschnellverbindungen sind hinsichtlich ihrer komplexen und zeitintensiven Planungsprozesse mit der Planung von Landesstraßen vergleichbar.“ Daher seien umfassende Prüfungen und Abstimmungen notwendig. Nicht immer könnten alle Belange und Einwände berücksichtigt werden, was durchaus zu Herausforderungen bei der Planung führen könne. Übersetzt dürfte das heißen: Es ist durchaus nachvollziehbar, dass die Planung von Radschnellwegen oft sehr langwierig ist.

Wohl auch deshalb wurde bislang im Land neben einem Demonstrationsstück zwischen Reichenbach und Ebersbach im Kreis Esslingen nur ein einziger Radschnellweg fertig gestellt, und zwar der RS 1, der bereits seit 2019 Böblingen und Sindelfingen mit Stuttgart verbindet. Von Stuttgart-Rohr aus führt die acht Kilometer lange Trasse auf der neu ausgebauten und asphaltierten Römerstraße sowie dem Musberger Sträßle bis nach Böblingen und Sindelfingen. Inzwischen wurde die Radverbindung schon bis nach Ehningen verlängert – diesen Sommer soll sie um weitere 1,6 Kilometer in Richtung Gärtringen wachsen.

Konkret geplante Radschnellwege

Region
In der Region Stuttgart befinden sich laut dem Regierungspräsidium Stuttgart derzeit insgesamt acht Radschnellwege in konkreter Planung. Neben dem RS 4 zwischen Reichenbach (Kreis Esslingen) und Stuttgart sind das der bereits zu weiten Teilen fertiggestellte RS 1 zwischen Stuttgart, Böblingen/Sindelfingen und Herrenberg (Kreis Böblingen), außerdem der RS 5 zwischen Schorndorf und Fellbach (Rems-Murr-Kreis), der RS 8 zwischen Ludwigsburg (Kreis Ludwigsburg) und Waiblingen (Rems-Murr-Kreis), der RS 14 zwischen Ebersbach und Süßen (Kreis Göppingen), der RS 17 zwischen Weil der Stadt (Kreis Böblingen) und Ditzingen (Kreis Ludwigsburg), der RS 18 zwischen Renningen und Holzgerlingen (Kreis Böblingen) sowie der RS 21 zwischen Bietigheim-Bissingen (Kreis Ludwigsburg) und Stuttgart.

Land
Landesweit werden nach Angaben aus dem Verkehrsministerium in Stuttgart derzeit insgesamt 21 Radschnellwege konkret geplant. Ziel der Landesregierung sei es, bis zum Jahr 2030 mindestens 20 Radschnellwege zu realisieren, heißt es aus dem Ministerium. Um dieses Ziel zu erreichen, solle in den kommenden Jahren der Bau von Teilabschnitten vorangetrieben werden.