Atakan Karazor hat sich sportlich zur Stammkraft beim VfB Stuttgart entwickelt. Zeitgleich ist aber auch das Verfahren gegen ihn in Spanien noch nicht abgeschlossen. Wie geht er die neue Saison an? Im Interview äußert sich der 26-Jährige ausführlich.
Es war ruhig um Atakan Karazor in den vergangenen Monaten. Vor allem, weil das Verfahren, das wegen des Vorwurfs eines Sexualdelikts gegen ihn in Spanien läuft, noch nicht abgeschlossen ist. Nun spricht der 26-jährige Mittelfeldspieler des VfB Stuttgart im Interview über seine Pläne für die kommende Saison.
Herr Karazor, der Saisonstart in der Bundesliga steht an. Mit welchem Gefühl gehen Sie in die neue Runde?
Mit einem sehr guten. Wir haben in der Vorbereitung akribisch und hart gearbeitet. An unseren Defiziten, aber auch daran, unsere Stärken auszubauen. Und: Wir hatten verhältnismäßig wenige verletzte Spieler. Das haben wir schon anders erlebt.
Auch Sie sind verletzungsfrei geblieben?
Ja, ich konnte wirklich jede Trainingseinheit absolvieren und hatte nie Probleme – auch, wenn es mal richtig anstrengend wurde.
Im vergangenen Jahr war das noch ganz anders. Sie waren zwar nicht verletzt, aber im Urlaub auf Ibiza festgenommen worden, saßen wochenlang in Untersuchungshaft und kehrten erst spät und gegen eine Kautionszahlung zurück nach Stuttgart.
Und trotzdem stand ich im ersten Bundesligaspiel schon wieder im Kader. Ich habe nach der Rückkehr aus Spanien großes Vertrauen und riesige Unterstützung erfahren, nicht nur deshalb ist der VfB quasi längst zu meiner zweiten Familie geworden. Allerdings hat sich gegen Ende der vergangenen Saison durchaus bemerkbar gemacht, dass ich quasi ohne Vorbereitung und ohne Pause die ganze Saison durchgespielt habe. Da war ich ab und an echt platt.
Ihnen wurde vor einem Jahr ein Sexualdelikt vorgeworfen, der Fall ist nach wie vor nicht abgeschlossen, Sie müssen monatlich Meldeauflagen erfüllen.
Ich bitte um Verständnis, dass ich mich öffentlich nicht zu dem Sachverhalt äußern möchte, solange das Verfahren nicht abgeschlossen ist. Meine Anwälte sind mit dem Fall betraut, sodass ich mich auf meinen Beruf, den Fußball, konzentrieren kann.
Haben Sie Hinweise, wann und wie die Sache letztlich ausgehen könnte?
Für mich steht der Fußball im Vordergrund. Gerade jetzt, da wir im Gegensatz zu den beiden vergangenen Jahren richtig gut in die Saison starten wollen.
Nervosität in der Relegation
2022 hat das nicht geklappt, obwohl schon im vergangenen Jahr nach der Last-Minute-Rettung Vieles besser werden sollte. Dann folgte eine erneute Spielzeit im Keller, am Ende gelang der Klassenverbleib erst in der Relegation . . .
. . . die ein unglaubliches Erlebnis war. Einerseits haben wir sportlich überzeugt und gezeigt, was wir können. Andererseits war es schon eine ganz besondere Situation. Vor allem im Rückspiel. Eine solche Atmosphäre und Lautstärke habe ich auswärts noch in sonst keinem Stadion erlebt. Es war das erste Mal, dass ich auf dem Fußballplatz ein wenig nervös war. Dazu kamen meine bereits beschriebenen Probleme am Ende einer sehr langen Saison. Aber der Trainer hat mir gezeigt, dass er mich braucht und mir vertraut. Das hat mir, das hat der ganzen Mannschaft noch einmal Kraft für diese zwei Spiele gegeben. Wir sind standhaft geblieben.
Zurück zur kommenden Saison . . .
. . . für die ich wirklich zuversichtlich bin.
Warum?
Weil wir, wie ich finde, seit dem Trainerwechsel viele richtig gute Spiele gemacht haben. Nicht immer hat das Ergebnis gepasst, aber auch gegen gute Gegner wie Bayer Leverkusen hat die Leistung gestimmt. Wir haben gezeigt: Wir können Bundesliga, wir sind den Anforderungen gewachsen. Das wollen wir in die neue Runde mitnehmen, uns weiterentwickeln.
Ist das Team reif für diesen ersehnten nächsten Schritt? Dass es eben mal nicht bis zum Ende gegen den Abstieg geht.
Auf jeden Fall. Wir wissen, dass es zunächst darum geht, den Klassenverbleib zu sichern. Wir wissen aber auch, dass wir ein gutes Team haben, das schon am Ende der vergangenen Saison meist sein anderes, sein wahres Gesicht gezeigt hat. Dazu haben wir einen Trainer, der uns Spieler besser machen will und auch besser macht, sowie tolle Fans. Ich bin überzeugt, dass dieser VfB mehr Erfolg haben kann als zuletzt.
Wenn man Sie so reden hört, sehnen Sie sich auch persönlich sehr danach?
Absolut. Ich bin seit 2019 hier, Stuttgart und der VfB sind für mich Heimat und Familie geworden. Diese Zuneigung versuche ich auszustrahlen – und ich spüre auch, dass mir die Menschen das zurückgeben. Wir als Mannschaft wollen versuchen, die Menschen durch gute Leistungen und Ergebnisse glücklich zu machen. Indem wir in der neuen Saison vom Start weg Gas geben und das dann auch durchziehen.
Was haben Sie sich selbst vorgenommen für die Saison 2023/2024?
Auch ich möchte auf dem aufbauen, was ich zuletzt gezeigt habe. Aber ich will auch, wenn mal so will, einen neuen „Ata“ zeigen.
Mehr Offensivdrang in der neuen Saison
Den was vom alten unterscheidet?
Man muss ja ehrlich sein: Ich werde sicher kein Sprintertyp mehr. (Lacht) Aber ich will ja mit dem VfB Erfolge feiern, also muss auch ich mich entwickeln. Ich bin jetzt im besten Fußballalter und möchte noch einmal Schritte nach vorne machen.
Im wahrsten Sinne des Wortes?
Natürlich ist es für mich ein Thema, dass ich mich mehr in die Offensivaktionen einschalte. Ich habe mir vorgenommen, mir hier mehr zuzutrauen, aktiver zu sein, torgefährlicher zu werden. Ich will nicht nur einer sein, der Zweikämpfe führt und gewinnt, aber kaum über die Mittellinie geht. Der Trainer unterstützt mich dabei, mich hier ein Stück weit selbst neu zu finden.
Was soll bleiben vom alten „Ata“?
Meine Rolle als Führungsspieler, in der ich mich sehe. Aber: Ich möchte hier noch positiver werden gegenüber meinen Mitspielern.
Waren Sie zu negativ in Ihren Äußerungen auf dem Platz?
Womöglich das eine oder andere Mal, ja. Ich verlange viel von meinen Mitspielern – und wenn man dann emotional kommuniziert, ist der Grat zwischen Motivation und Kritik eben schmal. Hier will ich noch öfter den richtigen, positiven Ton treffen und meine Mitspieler so unterstützen.
Es hieß oft, Sie seien der Einzige im Team, der überhaupt verbal auf die Mannschaft einwirkt. Stimmt das?
Nein, es gibt definitiv noch andere Spieler, die den Mund aufmachen und versuchen, die anderen mitzureißen. Was uns eher gefehlt hat in den vergangenen Monaten, war das richtige Maß an Eigenverantwortung.
Wie meinen Sie das?
Wenn ich mir unsere Testspiele in dieser Saisonvorbereitung anschaue, dann sehe ich viele Beispiele, wie Spieler defensiv umschalten und sich einen Ball zurückerobern. Dafür brauchte es früher oft einen externen Impuls. Ich finde, hier entwickeln wir uns gerade sehr gut weiter. Das hat der Trainer sehr gut in unsere Köpfe bekommen.
Sie gehen in Ihre vierte Bundesligasaison, haben mittlerweile 72 Spiele im Oberhaus bestritten. Sehen Sie sich schon als etablierten Bundesligaprofi?
Ich fühle, dass ich angekommen bin, ja. Aber: Das Privileg, das Trikot eines Bundesligisten zu tragen, muss man sich immer wieder neu erarbeiten. Die Leistungen der Vergangenheit sind da nicht mehr als eine gute Basis.