Menschen mit einer Demenz gelten als besonders hilfsbedürftig. Foto: dpa

Allem Anschein nach, soll die tatverdächtige Pflegerin ihre Schützlinge, allesamt hilflose Demenzkranke, bei der Körperpflege vergewaltigt und gefilmt haben.

Göppingen - Die Zahl möglicher Opfer sexuellen Missbrauchs in einem Göppinger Altenpflegeheim ist höher als gedacht. Zum jetzigen Zeitpunkt müsse man von sechs Betroffenen, zwei Männern und vier Frauen, im Alter von 75 bis 91 Jahren ausgehen, erklärte Matthias Bär, der Vorsitzende des Vereins Wilhelmshilfe in Göppingen, der Träger des Heims im Stadtteil Bartenbach ist. Bisher hatten die Ermittlungsbehörden von drei Missbrauchsopfern berichtet.

Die Frau soll die Vergewaltigungen gefilmt haben

Die 47-jährige Pflegekraft, der der Missbrauch zur Last gelegt wird, ist am 21. Februar an ihrem Arbeitsplatz verhaftet worden. Die Frau sitzt seither in Untersuchungshaft. Die Ulmer Staatsanwaltschaft legt ihr Vergewaltigung zur Last, davon habe sie Videos und Fotos für einen Bekannten gemacht.

Sichtlich betroffen standen Matthias Bär und seine Vorstandskollegin Dagmar Hennings den Medienvertretern bei einem Pressegespräch Rede und Antwort. „Wir sind schockiert“, erklärte Bär, dessen Verein als einer der größten Träger der Altenpflege im Kreis elf Seniorenwohnanlagen betreibt, in denen mehr als 1000 Menschen leben. Erst durch die Verhaftung der ­47-jährigen Beschäftigten habe die Wilhelmshilfe von den schweren Vorwürfen gegen die Pflegerin erfahren, erklärte Bär. Nach heutigem Ermittlungsstand gehe die Polizei von einer Einzeltäterin aus. Ob es bei der Zahl von sechs Opfern bleibe, könne er nicht sagen. Inzwischen habe die Wilhelmshilfe die Angehörigen der sechs Betroffenen über den sexuellen Missbrauch informiert. Den Angehörigen sowie Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern des Heimes sei psychologischer und seelsorgerischer Beistand angeboten worden.

An den Schwächsten vergangen

Belastend sei für die Fachkräfte auch die Auswertung der Videos, anhand derer die betroffenen Bewohner identifiziert werden müssten. Die Wilhelmshilfe arbeite sehr eng mit der Polizei zusammen. „Die Tatverdächtige hat sich an den Schwächsten vergangen, die sich nicht wehren können“, erklärte Hennings mit bebender Stimme. „Es sind Menschen, die uns anvertraut sind, das macht es so schrecklich.“ Die Vorwürfe seien ein Schlag ins Gesicht der Mitarbeiter, die Herzblut, Zuneigung und großes Fachwissen auszeichne. Aber trotz Pflegevisite und Dokumentation sei der Missbrauch nicht entdeckt worden.

Nach der Schilderung der Geschäftsführer haben sich die sexuellen Übergriffe 2017 im Tagdienst bei der Körperpflege der schwer an Demenz erkrankten Bewohner ereignet. Insgesamt leben 16 Kranke in Einzelzimmern in diesem besonders geschützten Bereich des Pflegeheims, dessen Türen sich nur mit Hilfe eines Codes öffnen ließen. Nun erwägt die Wilhelmshilfe ein anonymes Fehlermeldesystem. Es sei unklar, ob damit kriminelle Handlungen vermieden werden könnten, erklärte Bär.

Die Polizei kam über Chats der Frau auf die Spur

Im Fokus der Ermittlungen steht besagte 47-jährige Frau, die seit 18 Jahren für die Wilhelmshilfe arbeitet. Sie soll Videos und Fotos von den schwer Demenzkranken, die sie betreute, für einen Bekannten aufgenommen und an ihn übermittelt haben. Der Mann soll sie um solche Aufnahmen gebeten haben. Dieser vermeintliche Auftraggeber sei Mitte des vergangenen Jahres verhaftet worden. Auch damals sei es um verbotene Bilder gegangen, sagte Bär. Gegen den Mann ermittelt die Staatsanwaltschaft Tübingen. Im Laufe der Ermittlungen hatte sich der Verdacht gegen die Göppinger Pflegekraft ergeben. Die Arbeit der Polizei habe sich zunächst wie eine Suche im Heuhaufen gestaltet. Allein rund 1000 Chatverläufe seien dazu gesichtet worden, sagte Bär.

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