Mirko Ross und sein Start-up Asvin stopfen digitale Sicherheitslücken. Die gibt es zuhauf, im Smart Home ebenso wie bei Maschinenbauern. Zu seiner Geschäftsidee kam er auf ziemlich smarte Weise.
Mirko Ross war zur richtigen Zeit am richtigen Ort. In seinem Fall war es ein Job als Berater der EU-Kommission, so 2016 oder 2017. Damals tauchten sogenannte Botnetze auf, die massenhaft Sicherheitslücken in internetfähigen Geräten ausnutzten, zum Beispiel Überwachungskameras. Niemand will, dass externe Angreifer diese Geräte unter ihre Kontrolle bringen. Trotzdem geschah es, etwa weil ab Werk Standardpasswörter vergeben und von den Nutzern nicht geändert wurden oder weil die Geräte kein Softwareupdate bekommen hatten.
„Damals sind die Sicherheitsdienste und die EU-Institutionen auf das Thema aufmerksam geworden“, erinnert sich Ross. 2022 wurde auf europäischer Ebene die NIS-2-Richtlinie beschlossen, die zu einer europaweiten Koordination der Cybersicherheit führen soll. „Außerdem ist jetzt unter anderem ein Großteil des Maschinenbausektors sozusagen Teil der kritischen Infrastruktur und muss sich mehr um Cybersicherheit kümmern. Genau dieses Produkt haben wir im Angebot“, sagt Mirko Ross.
Auf Wachstumskurs
Wir, damit meint er das Start-up Asvin mit Firmensitz in Stuttgart und aktuell 25 Mitarbeitern. Die Zahl hat sich im laufenden Jahr verdoppelt, die Zeichen stehen auf Wachstum. Kommendes Frühjahr werden Ross und sein langjähriger Geschäftspartner eine weitere Finanzierungsrunde ausschreiben. Asvin überprüft die Softwaresicherheit von internetfähigen Geräten und forscht selbst zu dem Thema. Auf 1,3 Milliarden Euro schätzt Ross den Markt – da gibt es einiges zu holen.
Leicht ist es nicht. Asvin ist nicht der einzige Player auf dem Markt, außerdem wird das Cyber-Sicherheitsrisiko notorisch unterschätzt – jedenfalls solange man nicht Opfer eines Angriffs wird. „Cybersicherheit-Lösungen erhöhen zunächst mal die Kosten und sind deshalb schwer durchzusetzen“, weiß Mirko Ross. Selbst in Unternehmen, die möglicherweise längst gehackt sind. „Manchmal vergehen Monate, bis die Folgen schmerzhaft spürbar werden“, sagt er.
Wenn die Wallbox gehackt wird
Das kann bis in einzelne Haushalte hineinreichen, zum Beispiel bei Wallboxen für Elektroautos. Sie sind mit dem Internet, dem Stromnetz und einem Auto verbunden. Wenn kriminelle viele Wallboxen in einer Stadt kapern, können sie im schlimmsten Fall Autos zum Brennen bringen oder das Stromnetz kollabieren lassen, sagt Ross. Außerdem könne man auf diesem Weg versuchen, Autohersteller anzugreifen. „Das sind Szenarien, die mittlerweile eine Rolle spielen“, so der Gründer, „daran forschen wir“. Nach einem ganz ähnlichen Muster könnten Maschinenbauer angegriffen werden. „Die kaufen ihre Netzwerktechnologie vom Zulieferer, und der kauft es in Shenzen. Woher weiß er, ob diese Komponenten wirklich vor Hackerangriffen sicher sind und ob sie nicht mit China kommunizieren?“
In der Industrie findet Asvin damit ebenso Beachtung wie in der Politik. Die Firma entwickelt im Auftrag der bundeseigenen Cybersicherheitsagentur ein Konzept zum Austausch von Angriffsmustern weiter. Mirko Ross war im Sommer zudem beim Digitalgipfel der G20 ins indische Bangalore eingeladen; auf dem indischen Markt hofft Asvin auf weitere Aufträge. „Unser Traum ist es, global bedeutsam zu werden“, sagt Mirko Ross. Er wolle zu den wenigen Software-Erfolgsstories aus Deutschland eine weitere hinzufügen.
Studierter Landschaftsarchitekt
Der 50-Jährige ist nicht nur vom Alter her ein eher untypischer Gründer. Sein Studium der Landschaftsarchitektur in Nürtingen habe er nur pro forma abgeschlossen, erzählt er heute. „Ich habe mich im New-Economy-Boom der 1990er aufs Digitale gestürzt“, erzählt Mirko Ross. Die mit Sven Rahlfs gegründete Firma Digital Worx gibt es bis heute, seither kamen einige weitere Gründungen dazu. Er habe alle Höhen und Tiefen des Unternehmertums schon durchlebt, erinnert sich Ross.
In der IT-Branche bewegen sich bis heute manche Unternehmer, die eher wie Nerds wirken und sich am wohlsten fühlen, wenn sie vor einem Bildschirm sitzen. Mirko Ross ist anders. Er versteht nicht nur etwas von der Technik, sondern auch von politischen Prozessen. Und von der Zivilgesellschaft. Im The Things Network Stuttgart engagiert er sich für eine Vernetzung von Sensoren und smarten Geräten – zum Beispiel von einer Antenne im Fernsehturm aus. Entsprechend ist Mirko Ross bis heute weniger wegen der Tagessätze als EU-Berater engagiert, sondern „weil man auf extrem gute Leute trifft und schon im Vorfeld an Themen arbeitet, wo man weiß: da passiert was.“
Ross bewegt sich in mehreren Welten sicher und ist einer, der die Dinge zusammendenkt und bei Bedarf übersetzt. „Wir haben in der Region Stuttgart eine riesige Community für Cybersicherheit im Automobilsektor“, weiß er, „nur hat diese Gruppe keinen Sprecher und keine Geschäftsstelle und ist deshalb nicht so leicht ansprechbar wie ein Wirtschaftsverband. Aber sie ist da.“
Der Region Stuttgart fehlten digitale Erfolgsstorys, sagt Ross. Er wolle helfen, sie zu erzählen, mit seiner eigenen Firma oder indem er lose Enden miteinander verknüpft. Zuzutrauen ist es ihm.