Margot Eisele wird mit dem Beckenlift ins Wasser gehoben, Anja Jörg (rechts) und Chiara Conzelmann nehmen sie in Empfang. Foto: Lg/J. Rettig

Margot Eisele ist seit 42 Jahren auf den Rollstuhl angewiesen. Mit einem Badetag im Mineralbad Leuze erfüllt die Demenz Support GmbH der 84-Jährigen einen Herzenswunsch.

Das Wasser ist ihr Element. Da tut ihr nichts weh, da ist sie beweglich, braucht keine Hilfe, ihr wird so leicht, fast schwerelos. Und der Rollstuhl ist vergessen. Zu lange war Margot Eisele dieses Vergnügen, für sie ein Urbedürfnis, verwehrt. Jetzt gleitet sie, sanft transportiert vom Beckenlift, glückselig ins 31 Grad warme Mineralwasser. Und schwimmt davon. Zügig, in sportlicher Manier, wie sie es seit Kindertagen gewohnt ist. „So ein Glücksgefühl, es ist einfach unbeschreiblich“, strahlt Margot Eisele, als sie wieder am Beckenrand Halt macht. Einmal wieder im Leuze, „meiner Heimat“, zu schwimmen, war ihr Herzenswunsch, der ihr als Gewinnerin in der neuen und bundesweit ausgeschriebenen Aktion Herzenswunsch der Demenz Support Stuttgart GmbH an diesem Tag erfüllt wird.

 

„Meine Heimat“: Das war das Stichwort, das diesen glücklichen Tag ausgelöst und möglich gemacht. Margot Eisele seufzte es leise, als sie im Auto am Leuze vorbeifuhr und ganz sehnsüchtig wurde. Der Frau am Steuer, Elisabeth van Geenen, Leiterin des Sozialdienstes im Haus am Weinberg, in dem Margot Eisele seit 30 Jahren als eine der ersten Mieter lebt, war es nicht entgangen. Und sie erinnerte sich, dass auf ihrem Schreibtisch eine Ausschreibung für die Erfüllung eines Herzenswunsches gelandet sei: „Das wär‘ doch was für Sie?“

Die Wassertemperatur von 18 Grad härtet ab – ein Leben lang

Die 84-jährige Margot Eisele ist ein Neckar-Kind. Geboren und aufgewachsen in Bad Cannstatt, war sie schon früh Mitglied im Schwimmverein Cannstatt, 1898. Das Mombachbad, damals noch ein Freibad, war unser Trainingsbad, erzählt sie. Mit einer Wassertemperatur von 18 Grad. Das härtet ab, lacht sie. Fürs ganze Leben. Denn auch später hat Margot Eisele fünf Tage in der Woche, von Montag bis Freitag, Jahr um Jahr um 6 Uhr früh erst mal ihre Bahnen im Mineralbad Berg gezogen, ehe sie ihren Arbeitstag als Büroleiterin in einer Anwaltskanzlei begonnen hat.

„Ich war immer sportlich“, sagt sie, und man sieht es ihr bis heute an. Viel jünger wirkend, positiv gestimmt, dem Leben zugewandt und hellwach. Trotz der Krankheit, die sie früh ereilte: MS, Multiple Sklerose. „Ich habe das Wort nie akzeptiert, aber mein Leben ist anders verlaufen als geplant. Und am 19. Januar 1980 kam der große Schub. Jetzt sitze ich seit 42 Jahren im Rollstuhl, die Hälfte meines Lebens, und habe mich auf Einschränkungen eingestellt.“

Die Bewerber müssen sich vor der Kamera präsentieren

Aber das Schwimmen musste sie sich nicht nehmen lassen: Transportdienste, die Hilfe von Zivis und später die Begleitung der Schwester und manchmal auch deren Töchter sicherten den ersehnten Ausflug ins Leuze zweimal in der Woche. Bis vor vier Jahren zuerst eine schwere Erkrankung, später die Pandemie und zuletzt der Tod der geliebten Schwester allein den Gedanken ans Leuze in weite Ferne rücken ließen.

Lesen Sie aus unserem Angebot: Neuer Chef bei Demenz-Hilfe

Nun war da diese Aussicht auf die Erfüllung des Herzenswunsches. Dafür müssen sich die Bewerber, Senioren und Seniorinnen in Pflegeeinrichtungen im Alter von 75 plus, medialen Anforderungen stellen und sich vor der Kamera präsentieren. Für Filmbeiträge, die von der Demenz Support Stuttgart GmbH, einer Tochter der Erich- und Liselotte Gradmann-Stiftung, auf dem eigenen Teilhabekanal Kukuk-TV (Kunst, Kultur und Kreativität) veröffentlicht werden. Kein Problem für Margot Eisele: Souverän und druckreif lieferte sie ihren Auftritt ab. Und erhielt den Zuschlag. Neben Jutta Reinhold, einer 78-jährigen Schlaganfall-Patientin aus Schwerin, die sich gewünscht hatte, noch einmal zur Apfelernte ins Alte Land bei Hamburg fahren zu dürfen.

Um das Zeitlimit auszukosten, dafür reichen die Kräfte leider nicht

Genauso souverän und professionell meistert Margot Eisele den großen Tag im Leuze, begleitet von den Nichten Anja Jörg und Iris Conzelmann samt deren Tochter Chiara. Aufgeregt? „Ganz schrecklich“, bekennt Margot Eisele, lacht alles Nervenflattern weg und genießt den Empfang, den ihr nicht nur Marilena Berlan von Demenz Support, sondern auch Jens Böhm, Pressesprecher der Bäderbetriebe Stuttgart, bereitet. Mit Blumen, Geschenken und einem Wellnesstag, Massage und Mittagessen inklusive: „Das machen wir gern für einen so langjährigen, bekannten und geschätzten Stammgast“, versichert Böhm.

Das Vergnügen bis zum Zeitlimit der Tageskarte um 21 Uhr auszukosten, dafür reichen Margot Eiseles Kräfte nicht. Aber das Maß an Glück ist auch am späten Nachmittag schon übervoll. „Wenn man das Leuchten im Gesicht von Margot Eisele sieht, dann weiß man, dass sich alle Bemühungen, diesen Herzenswunsch zu erfüllen, gelohnt haben“, sagt Marilena Berlan. Die nächste Herzenswunsch-Kampagne starte im Herbst und man hoffe auf viele Bewerbungen. Margot Eisele will dafür werben und Mut machen: „Es ist ein wunderbares Geschenk.“