Für die Aussicht auf Stuttgarts City hat Axel Vogt selten einen Blick übrig. In der Kanzel seines Krans ist Millimeterarbeit gefragt. Foto: Max Kovalenko

Vielen Einzelhändlern in der Stuttgarter City ist das Mega-Einkaufszentrum immer noch nicht geheuer. Verhindern lässt sich das Milaneo aber nicht mehr. Täglich wächst der Komplex neben der Stadtbibliothek. Dafür drehen sich rund ein Dutzend Kräne, dafür schuften weit über 100 Bauarbeiter.

Stuttgart - Die Tage ohne Unfall sind auf einem weißen Schild an einem Baucontainer in roten Buchstaben geschrieben. Über 160 sind es inzwischen. Soll heißen: Auf der Milaneo-Baustelle arbeitet man sorgfältig. Seit dem Baubeginn im vergangenen April ist nicht viel passiert. „Einmal haben wir einen kleinen Unfall gehabt, aber das war nichts Schlimmes“, sagt der Gesamtprojektleiter der Firma Züblin, Michael Mack. Bei dem kleinen Unfall musste ein 58-jähriger Arbeiter Mitte Oktober 2012 von der Feuerwehr gerettet und mit einer Wirbelsäulenverletzung in eine Klinik gebracht werden.

Mit seiner neongelben Jacke und dem Bauhelm sieht Mack selbst aus wie ein Bauarbeiter. Doch sein Tag spielt sich meistens im Büro ab. Mitarbeitergespräche, Termine mit den Auftraggebern und Planungsbesprechungen. „Alle zwei Wochen bin ich hier draußen“, sagt er.

Davor muss er, wie alle anderen Besucher, Sicherheitsschuhe mit Stahlkappen anziehen. In dem Container am Baustelleneingang stehen Dutzende Paare bereit. „Wir haben oft Besuchergruppen da“, sagt Mack. Meistens sind das Ingenieurstudenten. Vor dem Container herrscht Hochbetrieb. Unzählige Laster verlassen die Baustelle Richtung Heilbronner Straße. Den Bautrupps darf der Nachschub an Stahl und Beton nicht ausgehen. Der Lärm ist ohrenbetäubend. Laut Mack gibt es selten Beschwerden, „weil nur in Ausnahmefällen nachts gearbeitet wird“. Und die Mitarbeiter seien ohnehin „daran gewöhnt, dass es auf einer Baustelle auch mal laut werden kann“, ergänzt Ibrahim Hazer. „Sie tragen Gehörschutz, wenn das nötig ist, aber die meiste Zeit ist der Geräuschpegel hier angenehm.“

Bezahlung als gut empfunden

Dem 50-jährigen Türken unterstehen 88 Mitarbeiter der Firma Demirtürk. Das Unternehmen ist auf der Milaneo-Baustelle dafür zuständig, dass vor dem Betonieren ausreichend Bewehrungsstahl verlegt wird. Weit über 14.000 Tonnen haben seine Kollegen davon bisher im Milaneo eingebaut. Ibrahim Hazer kommt aus Wiesbaden. Seine Familie besucht er zurzeit an den Wochenenden. Im Vergleich zu seinen Mitarbeitern eine komfortable Situation, denn jene können nicht einfach für ein paar Tage nach Hause fahren. Sie leben in der Türkei und sind mehrere Monate am Stück in Deutschland, um zu arbeiten. Neun Monate bleiben sie hier, für drei Monate kehren sie zurück in die Heimat.

Die Bezahlung empfindet Hazer als gut: „Bei uns bekommen sie 13,70 Euro pro Stunde, das liegt weit über dem Lohn in der Türkei.“ Überstunden werden gesondert bezahlt, gearbeitet wird in der Regel von 7 bis 18 Uhr. Die Eisenbieger wohnten kostenlos in einem Wohnheim in Feuerbach, so Hazer: „Höchstens vier Mann leben zusammen.“ Einzelquartiere wollen die Kollegen anscheinend nicht. Geselligkeit sei wichtig, wenn die Männer so lang von ihren Familien getrennt lebten, sagt Hazer.

Den Bustransfer zur Baustelle organisiert der Arbeitgeber. „Denn die Baustellenmitarbeiter müssen mobil sein“, sagt Wolfgang Kohnle. Er ist als Oberpolier für die Koordination an Ort und Stelle zuständig. Er achtet darauf, dass das Zusammenspiel zwischen den Bauteams auf den unterschiedlichen Baufeldern sechs, acht und neun klappt. „Die Bauabschnitte sind durch die Arbeitsvorbereitungen vorgegeben“, erklärt er, während ein Kran ein meterhohes Element einer Wandverschalung an ihm vorbeischweben lässt. Jedes Baufeld ist in kleinere Abschnitte unterteilt, insgesamt 30. Jeder dieser Bereiche hat einen Teamleiter, dem zehn bis zwölf Mann unterstehen. Dazu hat jeder der drei größeren Bereiche einen Polier. „Das muss ich alles organisieren“, sagt Kohnle. „Die Kunst ist es, den reibungslosen Arbeitsfluss sicherzustellen, damit keine Lücken und Stillstandszeiten entstehen.“

Nur ein paar Strahlen Tageslicht

Wo der Rohbau im vollen Gang ist, wuselt es. Menschen im Gewirr der Sprachen. Ruhiger geht es dort zu, wo der Innenausbau begonnen hat. Etwa in der künftigen Tiefgarage. Die Sprieße, provisorische Stahlstützen, die die Deckenschalung tragen, wirken so unwirtlich wie ein kalter, vergessener Wald. Nichts als Dunkelheit, wo später einmal die Kunden des Mega-Einkaufszentrums parken. Die Baukräne sind dort in die Bodenplatte eingelassen, damit sie im Wind und unter Last nicht umkippen. Nur hierher dringen ein paar Strahlen Tageslicht.

Turmkran Nummer drei ist 70 Meter hoch. Nichts für die schwachen Nerven eines Laien. Axel Vogt lächelt milde. Wackeln auf dem Weg bedeutet für ihn Alltag. Den 53 Jahre alten Kranführer aus Horb im Kreis Freudenstadt kann auch die Aussicht auf Stuttgart nicht mehr beeindrucken. „Ich sehe das ja seit Monaten jeden Tag, aber vielleicht wird es im Sommer besser, wenn sich die Mädle auf den Dachterrassen sonnen“, scherzt er und stellt sogleich klar, dass das Fernglas, das in der Kanzel hängt, einem anderen Zweck dient. „Damit habe ich die Baustelle und meine Kollegen im Blick. Das ist auch wichtig für die Sicherheit.“ Die Kollegen, das sind polnische Betonierer.

Die mannshohen Kübel, die die Kranführer ranfahren, fassen jeweils fast vier Tonnen Beton. Unten auf der Baustelle schnappen die Arbeiter nach der Kette, an der der Kübel hängt. Zentimeterarbeit für Vogt. Die Bauarbeiter haben seit dem vergangenen April 60.000 Kubikmeter Beton in die Schalungen gegossen.

Milaneo soll Ende 2014 öffnen

Seinen Kranführerraum hat Axel Vogt eingerichtet wie ein kleines Büro. An einer Wand hängt ein Kalender, im Hintergrund läuft Classic-Rock aus dem Radio. Neben dem Fernglas und dem Funkgerät mit Freisprecheinrichtung liegen polnische Zigaretten. Der Vorteil eines internationalen Baustellenteams. „Die Kollegen aus dem EU-Ausland dürfen drei Stangen pro Person mitbringen“, sagt Vogt, „das lohnt sich.“ Trotz des geöffneten Fensters ist es in seinem Ausguck nicht kalt. „Im Sommer kann es hier oben sogar ganz schön heiß werden“, sagt er, „aber dann mache ich das Dachfenster und die Tür auf.“ Dann gibt es einen Luftzug wie in einem Cabrio. Der Arbeitsplatz mit Aussicht auf die Landeshauptstadt wird Vogt noch ein Weilchen erhalten bleiben. Das Milaneo soll Ende 2014 öffnen.

Noch im Bau wurde das Einkaufszentrum für preiswürdig befunden. Bei der internationalen Immobilienmesse Mipim im französischen Cannes wurde das Vorhaben als „Best Futura Mega Project“ ausgezeichnet, was so viel bedeutet wie: bestes Mega-Projekt der Zukunft. „Es freut auch die Bauleute, wenn das Projekt im internationalen Wettbewerb ganz vorne liegt“, sagt Projektleiter Mack.

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