Michi Beck (links) und Smudo sind jetzt Juroren bei „The Voice Kids“. Foto: Claudius Pflug/Sat 1

Michi Beck und Smudo von den Fantastischen Vier sind jetzt bei „The Voice Kids“. Ein Gespräch über ihren Einstieg ins Corona-App-Geschäft, Querdenker, TV-Produktionen in Pandemiezeiten, die große Solidarität ihrer Fans – und wie die Popkultur im Sommer zurückkommen könnte.

Stuttgart - Vom 27. Februar an sind Michi Beck und Smudo als Juroren bei „The Voice Kids“ (Pro Sieben und Sat 1) zu sehen. Ansonsten geht es den Rappern von den Fantastischen Vier wie vielen anderen derzeit: Sie sind irgendwo im Lagerkoller zwischen Homeschooling und Kochen. „Am meisten vermisse ich das menschliche Miteinander, rausgehen, leben, Freunde treffen und natürlich Konzerte spielen“, so Michi Beck, der beim Zoom-Interview zu Hause in Berlin ist. Smudo weilt im Hotel in Baden-Baden, wo er neue Folgen von „Sag die Wahrheit“ aufnimmt.

 

Michi Beck und Smudo, Sie sind zurück auf dem Doppelstuhl, dieses Mal bei „The Voice Kids“.

Michi Beck: Für einen arbeitslosen Musiker ist das natürlich sehr schön. Ich hätte nicht gedacht, dass mich eine Fernsehshow so emotional berührt, wie großartig das ist, endlich wieder Livemusik zu hören.

Sind Sie wieder so nah am Wasser gebaut, Smudo?

Smudo: Wenn ich Billy Joels „She’s always a Woman“ höre, dann muss ich einfach weinen.

Michi Beck: In so einer Show kann es emotional werden. „The Voice“ ist ein bisschen wie Plattenfirma spielen. Man sieht den Kandidaten ja nicht, das ist wie ein Demotape hören. Dann entscheidest du dich für den Kandidaten, kämpfst um das Talent, baust das auf und schaust, wie die Öffentlichkeit darauf reagiert. Das erinnert mich an die Zeit von Four Music, unserer eigenen Plattenfirma damals – aber als TV-Konstrukt.

Aufgrund der Coronasituation stehen Pappaufsteller auf der Tribüne.

Smudo: Das Papp-likum. Speziell bei „The Voice“ ist das Publikum ein großer Emotionsproduzent, und das fehlt natürlich. Wir müssen das ausgleichen.

Was ist bei einer Aufzeichnung jetzt noch anders?

Michi Beck: Alle müssen PCR-Tests machen, an jedem Drehtag dann einen Schnelltest. Es gibt Abstandsregeln, alle tragen FFP2-Masken; die üblichen strengen Hygienemaßnahmen. Das Schlimmste aber ist, dass man die Kinder nicht in den Arm nehmen kann.

Corona hat unser aller Leben auf den Kopf gestellt hat. Wie geht es Ihnen als Künstler dabei?

Michi Beck: Wir mussten unsere bis dato größte Tournee verschieben. Wir hätten zum ersten Mal zwei Abende im Neckarstadion gespielt. Jetzt sieht es so aus, dass die Konzerte von 2021 noch mal geschoben werden. Dass wir im Frühsommer in dieser Größenordnung was spielen können, halten wir für ausgeschlossen. Das ist natürlich frustrierend, aber wir sind im Vergleich zu den vielen Soloselbstständigen in einer komfortablen Situation. Wir sind schlichtweg sehr traurig, dass es unsere Branche ist, die die erste war, die es getroffen hat und die letzte sein wird, die wieder zurückkommt.

Smudo: Ausgerechnet die brotlose Zunft.

Damit es schneller vorangeht, sind Sie nun ins Corona-App-Geschäft eingestiegen.

Michi Beck: Das war eine gute Fügung, dass ein guter Freund in der Entwicklung der Luca-App auf uns zu kam. Und seitdem fuchsen wir uns in die komplizierten politischen Abläufe ein. Wir sind davon überzeugt, dass das eine große Hilfe sein kann, sich nicht mehr von Lockdown zu Lockdown zu hangeln.

Warum? Was genau kann diese App im Vergleich zur Corona-Warn-App?

Smudo: Mit der Corona-Warn-App hat das nichts zu tun. Es geht um die Dokumentationspflicht. Wenn man ins Museum oder ins Restaurant ging, musste man bis dato seinen Namen und Kontaktdaten hinterlassen, um im Infektionsfall nachverfolgen zu können, wer sich gleichzeitig die Mona Lisa angeschaut hat. Da hat man einen Haufen Zettel, die Menschen müssen alle angerufen werden. Eine analoge Angelegenheit, was digital sehr viel schneller gehen würde. Doch die Gesundheitsämter sind rechts von der Pandemie überholt worden. Das zeigt sich vor allem am Mangel an bundesweiten digitalen Maßnahmen.

Wie funktioniert Luca?

Smudo: Es gibt in der App einen QR-Code, der sich alle paar Minuten ändert, damit das fälschungssicher ist. In der App liegt mein Name und meine Adresse. Mindestens die Telefonnummer ist verifiziert. Ich registriere mich im Restaurant, im Stadion auf meinem Platz oder wenn ich mich mit Thomas und Michi treffe. Nur in der App, nur verschlüsselt wird das hinterlegt. An die Daten kommt niemand. Das ist anders als bei den Zetteln, bei denen der Kellner hinterhertelefonieren kann. Wenn man nun coronapositiv ist, meldet der Arzt das dem Gesundheitsamt. Der User selbst bestimmt, wann welche Daten freigegeben werden. Über das Kontakttagebuch werden alle informiert und darum gebeten, ihre Daten weiterzugeben. So spart man sich viele Mitarbeiter, langes Hinterhertelefonieren, die Kette wird von 14 auf maximal vier Tage verkürzt. Das ist sensationell.

Was braucht man dazu dann noch?

Smudo: Die Anbindung ans Gesundheitsamt. Da gibt es verschiedene Interfaces, mit denen nicht alle ausgestattet sind. Wir müssen die Leute erreichen, das zu benutzen, und die Gesundheitsämter, das einzurichten. Thüringen hat das für 23 Gesundheitsämter bereits gemacht, in Sachsen-Anhalt werden bereits zwei Altenheime mit Luca betrieben.

Wo ist die Einführung noch geplant?

Smudo: Rostock möchte mit Luca aus dem Lockdown und Geschäfte und Restaurants bald wieder öffnen. Sylt will im Frühjahr Luca auf der gesamten Insel einführen, auch im Nahverkehr. Wir möchten mit St. Pauli ein großes Modellprojekt machen. Wir haben mit Manne Lucha, dem Gesundheitsminister von Baden-Württemberg, gesprochen, der begeistert ist. Und auch mit dem VfB sind wir in Gesprächen, der kann ja derzeit gute Nachrichten gebrauchen. Zu Jens Spahns Bundesgesundheitsamt haben wir mit dem Leiter Digitales Gottfried Ludewig inzwischen wöchentliche Konferenzen. Die No-Covid-Wissenschaftler rund um Melanie Brinkmann, Dirk Brockmann und Ute Tauchert sind ebenfalls große Fans und stehen mit uns im ständigen Austausch.

Woran liegt es dann?

Smudo: Am Ende sind wir natürlich Privatiers. Da gibt es sicher noch vergaberechtliche Bedenken. Ist halt doof, dass man bei einer Pandemie, in der es brennt, erst mal rumfragen muss, wer denn den Feuerlöscher erfinden darf. Unser Feuerlöscher jedenfalls ist schon fertig.

Und Sie finanzieren die App mit?

Smudo: Ja, wir haben gemeinsamen mit einem befreundeten Gastronomen und Nexenio eine Firma gegründet. Luca ist für den Betreiber und die Endverbraucher kostenfrei.

Warum müssen da erst so Rapper aus Stuttgart kommen? Gibt es so etwas nicht schon?

Smudo: In Europa meines Erachtens nicht. Dass wir da kommen müssen? Wir sind ja auch die ersten gewesen, die auf Deutsch gerappt haben. Einmal Pioniere, immer Pioniere.

Und Ihre Hoffnung ist, wieder Konzerte zu spielen?

Michi Beck: Konzerte sind der große Endgegner. Es geht aber auch um Altenheime, Restaurants, Arbeitsplatz, Reisen, Sport und eben auch Konzerte. Überall, wo Menschen zusammenkommen, kann Luca eine Hilfe sein.

Wenn die Infektionslage überschaubarer ist.

Smudo: Klar, Luca macht die Coronapandemie nicht weg. Irgendwann wurde auch das Wasserklosett erfunden, weil die Pest die Menschen dahingerafft hat. Wir werden noch lange mit Hygienemaßnahmen wie Mundschutz und Desinfektion leben müssen. Neben dem Impfen müssen Schnelltests zur Verfügung stehen, und es braucht eine gute Software, die Menschenmassen anonym nachverfolgen kann. Aber ich kann nicht voraussehen, wann wieder Konzerte möglich sind, bei denen sich Zehntausende Körper an Körper im Stadion reiben können.

Sie haben mit „Irgendwann“ einen Song veröffentlicht, der die Hoffnung beschreibt, dass etwas wiederkommt. Im Video sieht man Konzerte, die so fern wirken.

Michi Beck: Das kommt einem vor wie aus einer anderen Zeit. Das ist irre. Das schwappt jetzt hoch, weil das Zwischenmenschliche fehlt. Wir müssen daran arbeiten, dass das bald wieder machbar ist. Es ist ein Sehnsuchtssong.

Ist es auch ein Appell an die Querdenker?

Smudo: Durchaus. Den Ballweg interessiert doch nur der T-Shirt-Absatz. Ich finde es schlimm, wenn die Unsicherheit der Menschen zur persönlichen Bereicherung ausgenutzt wird. Die Pandemie führt einem vor Augen, wie komplex die Welt ist. Es gibt kein Schwarz und Weiß, kein Gut und Böse. Wir Menschen sind der Wirt für dieses Virus und wir müssen das bekämpfen.

Michi Beck: Mich erstaunt, wie viel Solidarität es in unserer Branche gibt. Die hätten alle Grund zum austicken. Da sind wenige in der Querdenker-Szene. Es gibt viele junge Musiker, DJs und andere in der Branche, denen die Lebensgrundlage entzogen wurde. Viele aus dem Nachtleben helfen jetzt in den Impfzentren und engagieren sich. Die Alarmstufe-Rot-Demo war eine der wenigen, bei der sich komplett an die Hygienevorgaben gehalten wurde. Ich bin sehr stolz auf alle und darauf, wie solidarisch die Branche ist.

Können Streamingkonzerte irgendetwas ersetzen?

Smudo: Nein, können sie nicht. Unter Hygienebestimmungen so etwas zu produzieren ist teuer, weil man die Location noch länger mieten muss, um in mehreren Schichten aufzubauen und so weiter. Unser Weihnachtskonzert hat uns einen sechsstelligen Betrag gekostet. Das war ein Geschenk an unsere Fans, die auch uns gegenüber solidarisch sind.

Wie viele der 250 000 verkauften Karten Ihrer Stadiontournee wurden zurückgegeben?

Michi Beck: Ich weiß es nicht genau. Vielleicht zehn Prozent? Und das wissen wir sehr zu schätzen. Wir werden das irgendwann wahr machen, sobald es geht. Wir glauben noch dieses Jahr daran.

Im Ernst?

Michi Beck: Ja, wir werden Konzerte spielen, die anders funktionieren. Nicht so dicht gedrängt. Aber die Mischung aus Impfen und datengeschützter Kontrolle wird das kulturelle Leben etwas zurückbringen.

Das heißt: mit ein paar Hundert Menschen in der Schleyerhalle?

Smudo: Es geht nur um draußen, man muss die Aerosole im Griff behalten.

Smudo, Michi Beck und ihre Band

Die Fantastischen Vier
wollten im Sommer 2020 ihre große Stadiontour spielen. Die Konzerte wurden aufgrund der Coronapandemie auf den Sommer 2021 verschoben. Doch wahrscheinlich können sie auch nicht stattfinden. Um die Livekultur etwas wiederzubeleben, sind die Fantastischen Vier ins Corona-App-Geschäft eingestiegen. Die App Luca soll eine bessere Kontaktverfolgung ermöglichen.

Michi Beck und Smudo
sind als Team Fanta ab dem 27. Februar als Juroren bei „The Voice Kids“ zu sehen. Außerdem dabei: Alvaro Soler, Wincent Weiss und Stefanie Kloß von Silbermond.

Die Wurzeln
Die Mitglieder der Fanta Vier leben inzwischen zwar an vier verschiedenen Orten, aber sie verstehen sich immer noch als Stuttgarter Band: Smudo, Thomas D, Michi Beck und And.Ypsilon. Hier nahm alles seinen Anfang, hier hatten sie ersten Kontakt zur US-amerikanischen Rapmusik, die sie in den Discos der Stadt hörten. Hier entstanden ihre Songs, im Medienhaus Heslach wurden sie aufgenommen, im obersten Stockwerk war der Sitz ihrer Plattenfirma Four Music. Aus einer lustigen Idee im Jugendzimmer entstand eine der erfolgreichsten Bands Deutschlands.