Ein Bild aus „Leaving Neverland“: Michael Jackson mit dem noch jungen Wade Robson, der ihn später gegen Vorwürfe des Missbrauchs erst in Schutz nahm und dann beschuldigte. Foto: HBO

Die nun endlich auf Pro 7 laufende TV-Doku „Leaving Neverland“ hat mit ihren Missbrauchsvorwürfen gegen Michael Jackson die Diskussion um den Popstar neu entfacht. Solche Produktionen boomen allenthalben. Warum eigentlich?

Stuttgart - Die Leute nannten ihn „ Vampir“, „Schlächter“, sogar „Werwolf von Hannover“: Fritz Haarmann, einen der berüchtigtsten Serienmörder Deutschlands, der vor rund 100 Jahren Furcht und Abscheu unter seinen Zeitgenossen verbreitete. Mindestens 24 junge Männer hatte Haarmann zwischen 1918 und 1924 getötet. 1925 fiel sein Kopf auf dem Schafott, juristisch galt der Fall damit als abgeschlossen. Trotzdem geistert die Figur bis heute durch die Populärkultur – wie unzählige andere Mörder auch.

Dass von Kriminalität Faszination ausgeht, ist kein neues Phänomen. Nur die Art und Weise der öffentlichen Aufarbeitung von Schwerverbrechen hat sich im Lauf der Zeit verändert. Seit einigen Jahren boomt das 1966 von Truman Capotes Tatsachenroman „Kaltblütig“ in die Moderne geholte Genre des True Crime, mit gruseligen Protagonisten wie Ted Bundy, Jeffrey Dahmer, Charles Manson oder O. J. Simpson.

Aktuell beschäftigen Missbrauchsvorwürfe gegen den R-’n’-B-Sänger R. Kelly sowie gegen den 2009 verstorbenen Michael Jackson die Öffentlichkeit. Am 6. April 2019 um 20.15 Uhr strahlt Pro 7 die Dokumentation „Leaving Neverland“ aus, die mit den Aussagen zweier mutmaßlicher Opfer neue Vorwürfe gegen Jackson erhebt.

Ein schmaler Grat

Doch warum setzen sich Zuschauer freiwillig detaillierten Schilderungen echter Verbrechen aus? Welche Funktionen erfüllt das Genre? Und ist es überhaupt legitim, echte Kriminalfälle in Form unterhaltender Bücher, Artikel, Podcasts, TV-Serien und Filme zu verarbeiten? Geht es um pure Angstlust und Neugier?

Unheimliche, grausame, mysteriöse Erzählungen vermitteln fraglos extreme Erfahrungen aus sicherer Distanz. Wer sich dem Schrecken beim Konsum von True Crime stellt, verarbeitet ihn auch. In der Abgrenzung zu extremen Täterbiografien erlebt sich der Durchschnittsbürger auf der moralisch sicheren Seite. Gleichzeitig erkennt er die Schmalheit des Grats zwischen Norm und pathologischer Abweichung.

Dichter und Serienmörder

Ein Umstand, der schon lange vor dem modernen True-Crime-Hype Dichter wie Johann Wolfgang von Goethe und Georg Büchner beschäftigte. Für sein Drama „Woyzeck“ um einen von der Gesellschaft Geschundenen, der im Wahn seine Geliebte ersticht, stützte sich Büchner 1836 auf ein vom Leipziger Mediziner Johann Christian Clarus erstelltes Fallgutachten. Clarus bescheinigte dem Mann volle Zurechnungsfähigkeit, Büchner versuchte dagegen Verständnis für die Hintergründe der Tat zu erwecken und zeichnete die bedrückenden psychosozialen Verhältnisse nach, in denen der Täter gefangen war. Das Prinzip der Abschreckung und zugleich der Versuch, Menschen für die Umstände einer Tat zu sensibilisieren, bilden noch immer die wichtigsten Parameter der True-Crime-Erzählungen.

Ausgewogen sind die Darstellungen dabei selten. Auch wenn reale Fälle die Basis bilden, konstruieren Dokuserien wie „Ted Bundy: Selbstporträt eines Serienmörders“ oder „Das Verschwinden von Madeleine McCann“ (beide Netflix) nur Ausschnitte eines Geschehens, wobei die subjektive Einschätzung der Macher ausschlaggebend wird. Eindrucksvoll tritt dieses Phänomen in Marcus Vetters und Karin Steinbergers Dokumentation „Das Versprechen“ zutage.

Jeder darf Richter werden

Darin wird der gewaltsame Tod eines Ehepaars im US-Bundesstaat Virginia aufgerollt, das 1985 von seiner Tochter und deren Freund Jens Söring ermordet worden sein soll. Söring sitzt bis heute als verurteilter Mörder in einem amerikanischen Gefängnis, beteuert aber seine Unschuld. Vetter und Steinberger zeichnen ein überzeugendes Bild seiner Beteuerungen und betonen die Unzulänglichkeiten des US-Justizsystems.

Das Problematische liegt nicht im Versuch, den komplexen Fall erneut zu würdigen, sondern in der positiven Voreingenommenheit der Macher gegenüber Söring. Hier kann sich das Publikum nicht mehr selbst ein Bild von der Sachlage machen, es wird eines vorgegeben. Das Verführerische von True-Crime-Formaten liegt im Versprechen, wirklich jeder könne mithilfe seines gesunden Menschenverstandes ein besseres, gerechteres Urteil fällen als die Justiz.

Nichts als Theorien

Wie machtvoll aber subjektive Erinnerungen, Rekons­truktionen und gezielte mediale Inszenierungen die öffentliche Wahrnehmung eines Falles beeinflussen, verdeutlicht die Filmemacherin Kitty Green in „Casting Jon Benet“ (Netflix) über den seit 20 Jahren ungeklärten Mord an einer sechsjährigen Schönheitskönigin. Greens Strategie ist so unkonventionell wie wirkungsvoll: Statt Fakten und den bisherigen Ermittlungsstand zu präsentieren, stellt sie mit Laien im Rahmen eines Spielfilm-Castings verschiedene Theorien über den Hergang des Mordes nach. So enthüllt sie die fiktive Seite von True Crime.

Was uns wie ein exklusiver Einblick in eine womöglich von Behörden oder anderen Beteiligten zurückgehaltene Wahrheit vorkommt, ist nichts weiter als eine denkbare Version. Jemanden aufgrund solcher fiktiven Beweisketten verurteilen oder freisprechen zu wollen wäre fatal. So ist True Crime am besten mit Skepsis zu genießen, als grausiges Gedankenspiel, nicht als letzte Instanz der Aufklärung.

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