Ein junger Mann steht vor dem Landgericht Stuttgart, weil er einen Kumpel niedergestochen haben soll. Foto: dpa

Stiche in den Bauch, in den Oberkörper, in Ober- und Unterschenkel – das ist das Ergebnis eines Streits am Eckensee in der Stuttgarter City. Der mutmaßliche Täter steht jetzt vor Gericht.

Stuttgart - Er wollte feiern mit seinen Kumpeln in der Nacht auf den 27. Dezember vergangenen Jahres. Am Eckensee vor der Oper in der Stuttgarter Innenstadt saß der 19-Jährige mit einer Gruppe anderer junger Leute auf den Treppen und trank Wodka. „Da habe ich gesehen, wie ein Junge ein Mädchen anschrie und es am Arm packte“, sagt der Angeklagte vor der 2. Jugendstrafkammer des Landgerichts. Er kannte sowohl den 18-jährigen Burschen wie auch das Mädchen. Er habe helfen wollen. Jetzt steht der 19-Jährige wegen versuchten Totschlags vor Gericht. Und darin könnte seine große Chance liegen – auch wenn es sich erst einmal merkwürdig anhört.

Er sei zu dem vermeintlich streitenden Pärchen gegangen, es sei zu gegenseitigen Beleidigungen gekommen. „Dann habe ich ihm die Faust gegeben“, so der Angeklagte. Damit sei die Sache für ihn erledigt gewesen. Nicht aber für den 18-Jährigen. „Ich glaube, er war eifersüchtig auf mich“, sagt der 19-Jährige. Sein Widersacher sei jedenfalls später wieder mit einem Teleskopschlagstock in der Hand auf ihn zugekommen, so der Angeklagte. Es kam zu einer Rangelei, der Angeklagte zog ein Klappmesser mit feststehender Klinge. „Ich wollte ihn auf Abstand halten“, sagt er. Und dann habe er halt zugestochen. Zwar habe er versucht, auf das Bein zu zielen. Tatsächlich traf er seinen Widersacher am Bauch, am Oberkörper und am Schenkel.

Messerstecher sieht Gefängnis als Chance

Das Opfer erlitt lebensgefährliche Verletzungen an Lunge und Milz. Der geständige Angeklagte flüchtete nach Hause in die Neckarvorstadt und wusch seine Klamotten. Drei Tage später stellte sich der 19-Jährige der Polizei. „Ich hatte ein schlechtes Gewissen“, sagt er. Vorsitzende Richterin Sina Rieberg will wissen, warum er das Messer überhaupt dabei hatte. Die Antwort erstreckt sich von „Ich weiß nicht“ über „Hab ich irgendwann mal zufällig eingesteckt“ bis hin zu: „Ich wollte das Messer meinen Kumpeln zeigen.“ Auf dem Weg nach Hause habe er das Messer weggeworfen. Wo genau könne er nicht mehr sagen. „Ich hatte ziemlich viel getrunken.“

Der junge Mann war im Alter von fünf Jahren mit seiner Mutter von der Dominikanischen Republik nach Deutschland übergesiedelt. So richtig angekommen scheint bis dato nicht zu sein. Hauptschule, Sonderschule, Schule für schwererziehbare Jugendliche, alles ohne Abschluss. „Besonders oft war ich eh nicht in der Schule“, sagt er. Im April 2015 absolvierte er eine Entgiftung, weil er über Jahre Marihuana und Kokain konsumiert hatte. Eine Berufsausbildung hat er nicht, aber: „Im Vollzug läuft es gut für mich, ich kann mich nicht beschweren“, sagt er. Er wolle im Gefängnis den Schulabschluss und eine Ausbildung machen. Der Prozess wird fortgesetzt.

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