Am Sonntag wird Marina Tietke verabschiedet. Foto: Elke Rutschmann

Die Mesnerin Marina Tietke hat in der Petrusgemeinde in Stuttgart-Ost in über 40 Jahren Spuren hinterlassen. So beliebt und geschätzt wie sie inzwischen ist, so skeptisch war der Kirchengemeinderat zu Beginn ihrer Tätigkeit.

S-Ost - Arbeiten an Weihnachten, Ostern oder Pfingsten – für Marina Tietke war das nie ein Grund für schlechte Laune, obwohl die Feiertage zu den stressigsten Zeiten ihres Jobs zählen. 43 Jahre lang war die 64-jährige Mesnerin in der Petrusgemeinde in Gablenberg. Guter Geist auf der einen, eine Frau mit Ecken und Kanten auf der anderen Seite. An diesem Sonntag wird sie beim Gottesdienst verabschiedet.

Dabei mag sie es gar nicht, wenn sie so im Mittelpunkt steht. Mit einer Mischung aus Nervosität und Rührung blickt sie dem Termin entgegen. Die aparte Frau sitzt in einem schicken schwarzen Kleid an ihrem Schreibtisch in ihrem kleinen Büro, das sich zwischen dem Altarraum und der Sakristei befindet und blickt auf eine bewegte Zeit zurück. „Ich gehe nicht gerne“, sagt sie, und ihr Blick fällt auf ein Bild an der Wand, das das Taufbecken des Gotteshauses zeigt.

Dem Gremium war die selbstbewusste, junge Mutter mehr als suspekt

Hier hat 1978 alles begonnen, darauf hat sie ihren Arbeitsvertrag unterschrieben – mit Unterstützung des damaligen Pfarrers Klinghardt, aber gegen den Widerstand des Kirchengemeinderates. Dem Gremium war die selbstbewusste, junge Mutter mehr als suspekt, die auch bei der Arbeit in der Kirche gerne Miniröcke getragen hat. Der Anfang war nicht leicht, das Amt war für sie völliges Neuland, davor hat sie in einer Boutique gearbeitet. Im Laufe der Zeit hat sie nicht nur frischen Wind in die Kirchengemeinde gebracht, sondern auch die großen Skeptiker überzeugt. „Sie kann Menschen sehr gut für sich gewinnen“, sagt Katharina Roos, seit Herbst 2013 Pfarrerin der Gemeinde.

Das liegt an ihrer kommunikativen Art, dem Charme, den sie versprüht. Gleichzeitig ist sie eine gute Zuhörerin und war gerade in Coronazeiten eine wichtige Ansprechpartnerin für einsame Menschen. „Das ist für mich auch schön, wenn ich eine Art Seelsorge leisten kann“, sagt Marina Tietke. Für Roos ist sie eine der wichtigsten Mitarbeiterinnen und sie profitierte von dem guten Netzwerk ihrer Mesnerin, die immer schnell einen Handwerker zur Stelle hatte, wenn etwas kaputt war. Sie wird sie vermissen. Vor allem die aufmunternden Worte vor jeder Messe, bei der sie ihrer Pfarrerin einen „gesegneten Gottesdienst“ gewünscht hat und die Rückmeldung auf ihre Predigt. Spontan fällt ihr ein, dass sie einmal einen Termin mit Gymnasiasten verpasst hat, die ein Referat über die Petruskirche schreiben sollten. „Das hat Marina dann einfach übernommen, und die Schüler waren begeistert“, sagt Pfarrerin Roos. Sie bedauere es sehr, dass ihre Mesnerin geht. „Marina Tietke liebt ihre Kirche“, sagt sie.

Mesnerin ist kein Ausbildungsberuf, man muss hineinwachsen

Denn so gepflegt die äußere Erscheinung der Mesnerin ist, so akkurat und sauber kommt auch die Kirche daher. Als sie anfing, war die Petruskirche noch kein Schmuckstück gewesen. Der Boden war mit Linoleum ausgelegt, die Decke noch nicht mit den schönen Holzbögen verkleidet. Heute zählt sie zu den schönsten Gotteshäusern in Stuttgart und ist bekannt für ihre tolle Akustik, die vor allem bei Kammerkonzerten mit Barockmusik zum Tragen kommt. Mesnerin ist kein Ausbildungsberuf. Man muss hineinwachsen. Grundlegend ist ein enger Bezug zu Religion und Kirche, Organisationstalent, Aufmerksamkeit. Die Mesnerin putzt die Kirche, besorgt den Blumenschmuck, zündet Kerzen an und bereitet das Abendmahl vor. Auch bei Hochzeiten, Taufen und Beerdigungen ist sie gefragt. Alle sechs Wochen hatte Marina Tietke ein Wochenende frei. Dafür schätzt die zweifache Mutter die vielen Freiheiten bei der Einteilung der Arbeitszeit und genießt den Kontakt zu anderen Menschen. Der Beruf ist für sie im Laufe der Jahre zu einer Berufung geworden. Legendär sind auch ihre stets wechselnden besonderen Outfits beim Gottesdienst an Heiligabend. Dabei waren die Schuhe, die Handtasche und auch der Nagellack auf das Kleid abgestimmt.

Als junge Frau fuhr sie gegen alle Widerstände bei Stockcar-Rennen mit

Auch die Hobbys der künftigen Rentnerin waren und sind besonders. Als junge Frau fuhr sie gegen alle Widerstände bei Stockcar-Rennen mit, später bezwang sie als Radfahrerin mehrmals den Großglockner und fährt auch heute noch Motorrad. Dafür wird sie bald mehr Zeit haben. Sie verlässt mit ihrem Mann nicht nur die Petrusgemeinde, sondern zieht auch weg aus Stuttgart. Jahrelang haben die beiden ihren Urlaub am fränkischen Altmühlsee verbracht und sich jetzt in Gunzenhausen eine Wohnung gekauft. Am Sonntag wird Marina Tietke ihre Kirche noch einmal schön machen und Pfarrerin Roos unterstützen. Dann müssen beide loslassen.

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