Mercedes-Chef Ola Källenius sitzt fest im Sattel und dürfte bald bis 2029 bestätigt werden. Beim Stuttgarter Wirtschaftsempfang verschweigt der Schwede nicht, dass große Herausforderungen auf ihn warten.
„Nicht ausruhen, schaffen!“ ist ein Schlusswort, mit dem Ola Källenius vor rund tausend Vertretern der heimischen Wirtschaft wenig falsch machen kann. Der Beifall ist dem Mercedes-Chef auf der Bühne am Mittelkai des Stuttgarter Hafens sicher, auch wenn der Schwede nicht ganz so hasenrein Schwäbisch spricht, wie es OB Frank Nopper in seiner Begrüßung gerühmt hat. Keinen Zweifel aber gibt es, dass der 54-Jährige in Stuttgart längst verwurzelt ist und an der Spitze des Autoherstellers fest im Sattel sitzt.
Dass der OB im Abendsonnenlicht auch von der bald bevorstehenden Vertragsverlängerung um fünf Jahre spricht, lässt Källenius unkommentiert stehen. Auf Nachfrage hält er sich an die Kleiderordnung, die für ein börsennotiertes Unternehmen gilt: Die Frage müsse man dem Aufsichtsrat stellen, so Källenius. Aus Kreisen des Kontrollgremiums hatte zuvor das „Handelsblatt“ berichtet, dass noch diesen Sommer Källenius’ Position bis zum Mai 2029 festgezurrt werden soll.
Niemand im Konzern greift derzeit seine Stellung an
Sicher ist: Ein knappes Jahr vor Ablauf des aktuellen Fünfjahreskontrakts wäre der richtige Zeitpunkt dafür – und alles andere eine dicke Überraschung. Ola Källenius, seit 2019 an der Spitze, hat den Konzern in schwierigen Jahren zu Rekordgewinnen geführt und den Börsenwert – rechnet man die abgespaltene Nutzfahrzeugsparte Daimler Truck hinzu – in etwa verdoppelt. Im Konzern, den er in engem Schulterschluss mit Finanzvorstand Harald Wilhelm führt, greift niemand seine Stellung an.
In den nächsten Jahren aber warten die wohl noch größeren Herausforderungen. Die weitere Transformation zum fossilfreien und software-zentrierten Auto und die Konkurrenz vor allem durch chinesische Hersteller, die nicht nur ihren Heimatmarkt beherrschen, sondern auch nach Europa drängen. Im Frühjahr sei er einige Wochen in China gewesen, berichtet Källenius, „da bist du ziemlich beeindruckt“. Konkret: „Die Geschwindigkeit der Innovation, die Risikobereitschaft, der unternehmerische Wille und der Arbeitseifer“ – die Liste lässt ahnen, welche Konkurrenz der deutschen Industrie in China erwächst.
Drei Schichten in der Entwicklungsabteilung sind in China nicht ungewöhnlich
„Ich habe Unternehmen gesehen, deren Entwicklungsabteilung in drei Schichten arbeitet“, sagt Källenius. Zugleich aber beruhigt er das heimische Publikum: Für das Mercedes-Entwicklungszentrum in Sindelfingen wäre so ein Vorschlag wohl „nicht super populär“. Aber China befinde sich eben in einer anderen Entwicklungsstufe.
Beim ersten Stuttgarter Wirtschaftsempfang, der gemeinsam von der IHK Region Stuttgart, dem baden-württembergischen Industrie- und Handelskammertag und der Stadt ausgerichtet wird, wird Källenius vom Stuttgarter OB bestärkt. Nopper erinnert an einen Vers von Manfred Rommel („Ach, armes Stuttgart, keiner kennt’s. Zum Glück hilft uns da Daimler-Benz“) und versichert, „dass das Automobil nicht nur eine große Vergangenheit und Gegenwart, sondern in und um Stuttgart auch eine große Zukunft hat“.
Bei mehr als 120 000 Arbeitsplätzen, die in der Region Stuttgart an der Autoindustrie hängen, und entsprechenden Gewerbesteuereinnahmen mag das wie eine Selbstverständlichkeit klingen. Källenius sieht sich dennoch zu einer persönlichen Anerkennung verpflichtet: „Ich danke dem Oberbürgermeister für sein klares Bekenntnis gegen eine De-Automobilisierung der Stadt. Klimaschutz und Mobilität müssen gemeinsam gedacht werden.“ Das am gleichen Tag publik gewordene Verbot von Straßenblockaden mit Festklebeaktionen passt in den Kontext, ist auf der Bühne jedoch kein Thema.
„Das Herz von Mercedes schlägt weiter in der Region Stuttgart“
Källenius bekräftigt seine Strategie, vor allem im Luxusbereich der jeweiligen Fahrzeugklassen wachsen zu wollen, nur so seien die nötigen Investitionen zu finanzieren: „Wir sind unser eigener Wagniskapitalgeber.“ Dass sich Mercedes nicht aus der Kompaktklasse zurückziehen, sondern dort mit neuen Elektromodellen punkten will, werde man im Herbst auf der IAA in München zeigen. Nicht verschweigen will er aber, dass die neue Technik weniger Arbeitskräfte in der Montage braucht. Hier müsse man „mit der Demografie arbeiten“ und dafür sorgen, „dass viele Menschen geordnet in den Ruhestand gehen“ könnten. Gleichzeitig baue man neue, hoch bezahlte Arbeitsplätze in der Softwareentwicklung auf, zuletzt allein tausend in Sindelfingen. Sein Versprechen wird vom Publikum wohlwollend gehört: „Das Herz von Mercedes-Benz wird weiterhin der Region Stuttgart schlagen.“